Fiktionsversunken durch die Realität zu wandeln und kleine gelbe Monster zu sammeln, mag absurd und sinnentleert klingen, doch erste Analysen zeigen: Dieses Spiel ist ein Segen. Psychologen jubeln – die erste Pokémon-Zielgruppe (Zehnjährige) wird mühelos gesprengt, die Infantilisierung der Erwachsenen fördert den Generationenaustausch. Gewerkschaften sind begeistert – 43 Minuten durchschnittliche Pokémon-Zeit pro Tag sind 43 Minuten, in denen sich die Arbeitnehmer von ihren Vorgesetzten nicht den Buckel beackern lassen. «Ich gehe da, wo du mich siehst, aber ich sehe was, das du nicht siehst.»

Das freut die Historiker

In den USA verzeichnete das Spiel in zwei Wochen über 20 Millionen Downloads. In Europa gibt es die App erst seit kurzem. Einmal mehr dürfen wir also von den Erfahrungen der Menschen ennet des grossen Teichs profitieren, und diesmal gilt es, genau aufzupassen. Denn der neue Volkssport fördert die Einbindung der Bevölkerung in die Polizeiarbeit: So hat etwa ein Mädchen beim Stöbern nach Waldmonstern eine Leiche entdeckt. Dass Kriminelle die abgelegenen Poké-Stops, wie die Sammelorte heissen, schon für Überfälle nutzten, ist sicher eine vorübergehende Randerscheinung.

Kinder, die aufgeregt an der Tür klingeln, weil sie auf dem Hausdach Pikachu gesehen haben, sind ganz im Sinne der US-Nachbarschaftshilfe. Die TV-Angestellte, die mitten in der Wettersendung Pokémon sammelnd vor der Kamera durchrennt, steht für crossmedialen Journalismus. Und auf dem Kriegsdenkmal Pokémon zu erlegen, führt Geschichte und Gegenwart zusammen. Das freut Historiker. Der Arlington Cemetery in Virginia und das Holocaust-Mahnmal in Berlin haben zwar eine Bitte um Unterlassung getwittert. Es ging wohl darum zu verhindern, dass sich die Masse beim Spielen auf die Füsse tritt.

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Und was droht der Schweiz? Noch spielen nicht allzu viele, die Vollbremsungen auf Autobahnen («Ist da was im Busch? Hab ich den schon?») halten sich noch im Rahmen, doch jeden Tag kommen geschätzte tausend User hinzu. Die höchstwillkommene PdA (Pokémonisierung des Abendlandes) schreitet unaufhaltbar voran.

Bilaterale Feuerkraft im Pool

Politiker reagieren unterschiedlich. Aufseiten der Konservativen hat ein alt Bundesrat in Herrliberg am Zürichsee einen Antrag auf GPS-Sperrung eingereicht. Grund: In seinem Swimmingpool entdeckten Spieler den europaweit beliebten Pokémon-Drachen Kontingenton; Spezialeigenschaft: bilaterale Feuerkraft.

Andere machen sich den Hype zunutze. Gesundheitsminister Berset ist Pokémon-Go-Spieler der ersten Stunde. Kein Wunder, halten sich doch gewisse Pokémon gerne in der Nähe von Vitaparcours auf, etwa das starke Swicazu mit dem integralen Bonussystem.

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Die Revolution der kleinen Monster also, sie ist in vollem Gang. Wer sich in diesen Zeiten zockender Zombies zurück ins alte Rom sehnt, dem sei gesagt: Es hat sich nichts geändert. Es dreht sich noch immer um Brot – füttern muss man die Dinger ja auch! – und Spiele.