Sommer. Die Sonne brennt vom Himmel. Die Badegäste liegen da wie tote Fliegen. Hin und wieder kämpft sich einer ins kühle Nass. Dort ist ein Getümmel, Kinder brüllen, Teenies kreischen. Mittendrin ein Sonnyboy mit Traumjob – immer draussen, entspannte Gäste und schöne Frauen im Blick: der Badmeister, Held in kurzen Hosen und Garant für Ruhe und Ordnung.

Die Realität sieht aber oft anders aus. Badmeister sind längst mehr als Lebensretter, denn um Anstand und Hygiene steht es schlecht am Beckenrand. Für Aufsehen sorgte vor einiger Zeit ein Streit um einen Riesenschwimmring. Um das Spielgerät zankten sich drei Männer und zwei Jugendliche. Es kam zur Prügelei, ein Teenager erlitt einen doppelten Schädelbruch.

Für Schlagzeilen sorgten auch andere Vorfälle. «Wildwest in der Badi – bei der Schlägerei kamen nebst Fäusten auch Stühle zum Einsatz», stand etwa in der Zeitung. «Wegen Hund in Badi gestritten – die Hundebesitzerin beschimpfte ihre Kontrahentin mit Wörtern wie ‹Schlampe›». Oder: «Zoff in der Badi – Badmeister und Gast verletzt».

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«Eine der Familien konnte zum Heimgehen bewogen werden. Der Vater kam zurück. Mit einer Knarre.»

Michel Kunz, Präsident des Schweizerischen Badmeister-Verbands

«Im Notfall holen wir die Polizei»

Badmeister sollen Eskalationen verhindern. «Im Notfall holen wir die Polizei», sagt Michel Kunz, Präsident des Schweizerischen Badmeister-Verbands mit 700 Mitgliedern. Seit 35 Jahren ist er Badmeister, heute in einem Hallenbad in Bolligen bei Bern.

Das Bad hat einen Aussenbereich mit Wiese, auf der sich Alt und Jung vergnügen. Die soziale Kontrolle spiele hier noch, sagt Kunz. «Auf dem Land kennt man sich.» Überhaupt will er über seine Gäste nichts Schlechtes sagen, die meisten seien anständig. Doch er weiss, wo die Badmeister die Badschlappe drückt.

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Badmeister Kunz berichtet von einem Familienzwist, der derart ausartete, dass man nahe daran war, die Polizei zu rufen. Schliesslich gelang es, eine der Familien zum Heimgehen zu bewegen. «Doch der Vater kam zurück. Mit einer Knarre.» Die Polizei musste dann doch noch anrücken. «Eine solche Gewaltbereitschaft übersteigt die Möglichkeiten eines Badmeisters.»

Ungeduscht und in Unterhosen ins Wasser

Friedlich soll es in Bädern sein, aber auch sauber. Die Badmeister sind für die Wasserqualität verantwortlich. Ihre Gegenspieler sind Gäste, die nicht duschen, bevor sie ins Wasser steigen. Die Ausreden sind vielfältig. «Ich habe zu Hause geduscht», hört Kunz allenthalben. Oder: «Ich habe halb geduscht.» Auf die Frage, warum nur halb, kam einmal die Antwort: «Ich gehe auch nur halb ins Wasser.»

Ein Auge zudrücken kommt für den Badmeister nicht in Frage. Man hat ja seinen Berufsstolz. Mit den Jahren und der Erfahrung hat Kunz einen besonderen Blick entwickelt. «An den Schultern sieht man, ob jemand geduscht hat. Wenn dort das Wasser nicht perlt, gehe ich auf die Leute zu.» Viele hätten einfach das Gefühl, duschen sei überflüssig. «Doch die Kontrolle hat natürlich Grenzen. Ich kann ja die Dusche nicht ständig überwachen.»

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Ein anderes Problem sind Teenager, die unter der Badehose ihre Unterhose tragen – möglichst mit sichtbarem Markenschriftzug. Einmal habe er einen Jugendlichen gebeten, in die Garderobe zu gehen und die Unterhose auszuziehen, erzählt Kunz. Der Teenager habe sich gesträubt. Nach dem Grund gefragt, sagte er: «Das ‹Schnäbi› liegt in der Unterhose besser.» Der Badmeister war kurz sprachlos. «Dann habe ich ihm empfohlen, in eine Qualitätsbadehose zu investieren.»

«Bei dir reichts halt nur zum Badmeister»

Sorgen bereitet dem obersten Schweizer Badmeister die Unsitte vieler Gäste, auch in der Badi ständig aufs Handy zu starren. «Dadurch vernachlässigen Eltern ihre Kinder, die noch nicht schwimmen können.» Einmal hat er ein kleines Mädchen kurz vor dem Ertrinken aus dem Bassin gezogen, die Mutter war mit dem Handy beschäftigt. «Sie hatte von allem nichts mitbekommen. Als ich platschnass vor ihr stand, nahm sie das Kind am Arm und verliess wortlos das Bad.»

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Er kann damit leben, dass sein Einsatz nicht geschätzt wurde. Schlimm seien die verbalen Angriffe. Ihm wurde schon gesagt, er solle nicht den Hilfspolizisten spielen. Ein andermal rief ihm einer zu: «Bei dir reichts halt nur zum Badmeister.»

Um in solchen Situationen ruhig zu bleiben, gibt es Weiterbildungen. Der Schweizerische Badmeister-Verband organisiert Kurse für seine Mitglieder, in denen sie lernen, Streitigkeiten zu schlichten. Schade eigentlich, findet Kunz. Mit Respekt und gesundem Menschenverstand sollte sich jedes Problem lösen lassen. «Doch mittlerweile ist Gewaltprävention für uns ein Dauerthema.»