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SommerzeitWann läuft ihre Zeit ab?

Schon kurz vor Zwölf? Der Druck auf die Sommerzeit wächst.

Ihren ursprünglichen Nutzen hat die Sommerzeit verfehlt - und trotzdem gibt es sie immer noch. Bringt die EU nun die Wende?

von aktualisiert am 29. August 2018

Fast 84 Prozent der Bevölkerung lehnten die Einführung der Sommerzeit 1978 ab. Trotzdem führte die Schweiz 1981 die Zeitumstellung ein – als letztes Land in Mitteleuropa. Zu gross waren die Umstände, die mit den umliegenden Ländern entstanden waren. Der Widerstand ist allerdings geblieben. Nicht nur in der Schweiz, sondern auch in der EU. Das Europäische Parlament beschloss im Februar mit 384 zu 153 Stimmen, dass die EU-Kommission die Abschaffung der Sommerzeit prüfen solle. Zuletzt hatte sich die Kommission vor über zehn Jahren dazu geäussert. Nun also ein neuer Anlauf. Doch hat sich seither etwas an der Ausgangslage geändert?

Aus wirtschaftlicher Sicht überflüssig

Lanciert wurde die Idee der Sommerzeit in den 70er-Jahren. Mit einer Stunde mehr Tageslicht wollte man in Europa Energie sparen. Dies, nachdem die Ölkrise im Jahr 1973 hohe Energiepreise mit sich gebracht hatte. Die Massnahme hat aber nicht gefruchtet. Das zeigt ein 2016 veröffentlichter Bericht des Büros für Technikfolgen-Abschätzungen in Berlin (TAB): «Die Effekte auf den Energieverbrauch sind in den meisten Fällen sehr gering.» Auch in weiteren Bereichen wie Handel, Verkehr und Logistik sei aus wissenschaftlicher Sicht kein nennenswerter Nutzen oder Schaden zu erkennen. «Für die Beibehaltung der Sommerzeit sprechen ganz offensichtlich keine objektiven Gründe», so das Fazit. So klar die Bilanz in wirtschaftlicher Hinsicht ist, so umstritten ist die Frage nach den gesundheitlichen Auswirkungen.

Laut TAB gibt es zwar Hinweise, dass manche Menschen Mühe mit der Anpassung haben, ernsthafte negative Auswirkungen konnten bisher aber nicht nachgewiesen werden. Ähnlich entspannt betrachtet das Christian Cajochen. «Es ist ein kleiner kollektiver Jetlag Zeitumstellung Stellen Sie gut um , der nicht unbedingt sein muss», sagt der Leiter des Chronobiologischen Zentrums in Basel gegenüber SRF. Meist dauere es nur drei bis vier Tage, bis man sich daran gewöhnt hat – so lange wie nach einem längeren Flug.

Anders sieht das der Münchner Chronobiologe Till Roenneberg. Der deutsche Professor hat beobachtet, dass bei immer mehr Menschen die innere Uhr Gesundheit Im Takt der inneren Uhr 25 statt 24 Stunden für einen Tag benötige. Äussere Einflüsse wie künstliches Licht und weniger Dunkelheit hätten dazu geführt, dass der Körper nicht mehr optimal auf den natürlichen Tagesrhythmus abgestimmt sei. Die Folge: «Unter der Woche häufen wir ein grosses Schlafdefizit an, das der Körper am Wochenende ausgleichen will», erklärt Roenneberg. Es sei, als ob der Körper in der einen Zeitzone lebe und unsere Verpflichtungen in einer anderen. Mit ihrer zusätzlichen Stunde Tageslicht am Abend verschärft die Sommerzeit diese Situation weiter.

Warten auf die EU

In der Schweiz ist Yvette Estermann die bekannteste Gegnerin der Sommerzeit. Seit 2010 setzt sich die SVP-Nationalrätin wiederholt mit Motionen für eine Abschaffung ein. Ohne Erfolg: Obwohl sich Estermann die Schweiz «als mutmachende Vorreiterin» wünscht, wartet der Bundesrat darauf, dass die Nachbarländer den ersten Schritt machen. Einen Zustand wie im Jahr 1980 will er verhindern, als sämtliche umliegende Staaten die Zeitumstellung eingeführt hatten, nur die Schweiz nicht. Schnell hatte sich gezeigt, dass der Schweizer Wirtschaft dadurch Nachteile entstehen.

Wann sich die EU zu einem Entscheid durchringen wird, steht in den Sternen. Pavel Svoboda, Leiter der Arbeitsgruppe zur Abschaffung der Sommerzeit im Europaparlament, möchte allerdings eine baldige Reaktion der EU. Der tschechische Parlamentarier bat die zuständige Kommissarin um konkrete Empfehlungen bis spätestens September 2018. Die Zeit läuft.

Update vom 29.08.18: EU-Bürger stimmen für Abschaffung der Zeitumstellung

Im Juli 2018 stimmten EU-Bürger per Online-Umfrage über die Abschaffung der Zeitumstellung ab. Das Ergebnis ist deutlich: Nicht weniger als 80 Prozent der 4,6 Millionen Teilnehmer sind den halbjährlichen Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit leid. Stattdessen wünscht sich die Mehrheit eine ganzjährige Sommerzeit.

Hintergrund: Nach zahlreichen Vorstössen des europäischen Parlaments und einiger EU-Mitgliedsstaaten hat die EU-Kommission beschlossen, Sinn und Zweck der derzeitigen Sommerzeitregelung zu prüfen. Die Online-Umfrage ist laut Kommission aber ausdrücklich nur ein Teil der Bewertung und hat keinen bindenden Charakter. 

Bei der Umfrage konnten die Teilnehmer angeben, ob sie weiterhin eine Zeitumstellung wünschen und, im Falle einer Ablehnung, ob sie eine ganzjährige Sommer- oder Winterzeit bevorzugen. 

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Elio Bucher, Online-Produzent

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