Wohnt eine Familie in Basel, hat sie es gut. Sie profitiert in der Stadt am Rheinknie von einem der besten Kinderbetreuungsangebote in der ganzen Deutschschweiz. Zudem wird sie bei finanziellen Engpässen unterstützt.

In Basel gibt es Kleinkinder- und Mietzinsbeiträge sowie die grosszügigste staatliche Verbilligung der Krankenkassenprämien. Auch Studierende sind gut bedient: Sie erhalten so viel Stipendien wie sonst fast nirgendwo. Fazit: Basel schneidet im Beobachter-Test der familienfreundlichsten Schweizer Städte am besten ab.

Schlechter haben es Familien in Sarnen, dem Hauptort des Kantons Obwalden. Zwar ist der landschaftlich schöne Lebensraum mit See, Wäldern und Bergen sehr familienfreundlich. Doch Sarnen gewährt Familien wenig Steuererleichterungen oder Prämienverbilligungen und bietet auch keine Betreuung für Kinder von berufstätigen Eltern an. Deshalb landet Sarnen – zusammen mit Herisau AR – im Beobachter-Test auf dem letzten Platz.

Test mit klar messbaren Kriterien

Der Beobachter hat die Familienfreundlichkeit der bevölkerungsreichsten Städte der deutsch- und gemischtsprachigen Kantone unter die Lupe genommen. Welche Steuererleichterungen erhalten Familien? Wo gibt es Kinderbetreuungsangebote? Wie hoch sind Kinderzulagen, Krankenkassensubventionen und Stipendien?

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Die Untersuchung beschränkte sich auf klar messbare Grössen. Nicht eindeutig quantifizier- und messbare Kriterien wie etwa erhöhte Lebensqualität auf dem Land, familienfreundliche Umgebung, intakte Natur, Freizeitmöglichkeiten oder öffentlicher Verkehr wurden bewusst nicht bewertet. Dies hätte zu willkürlichen und subjektiven Aussagen geführt.

Happige kantonale Unterschiede

Nicht alle Kantone bieten Familien mit Kindern die gleich guten Lebensverhältnisse. Vor allem im Bereich der finanziellen Unterstützung gibt es happige Unterschiede. Da aber Kindersegen nicht nur Freude mit sich bringt, sondern auch finanzielle Belastung, kommt dem Wohnort für Familien entscheidende Bedeutung zu.

Das betrifft insbesondere Paare mit tiefen Einkommen oder mehreren Kindern, die in der Ausbildung stehen. Hier stellt sich nicht die Frage, wie der frühere Lebensstandard aus kinderlosen Zeiten gehalten werden kann. Aufgrund des meist kleineren Arbeitspensums eines Elternteils geht es primär darum, mit reduziertem Einkommen überhaupt über die Runden zu kommen.

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Für den Staat sind intakte Familien von vitalstem Interesse. Schliesslich liegt die Zukunft in den Händen der jungen Generation. Sie trägt zur künftigen Wirtschaftsentwicklung bei, beeinflusst Politik und Wohlstand und garantiert soziale Sicherheit. Aus diesem Grund entstanden im Lauf der Zeit verschiedene Formen des so genannten Kinderlastenausgleichs.

Unterschieden wird zwischen direkten und indirekten finanziellen Unterstützungen. Zur ersten Kategorie zählen zum Beispiel Familienzulagen und Stipendien. Als indirekte finanzielle Erleichterungen gelten Steuerermässigungen und öffentliche Kinderbetreuungsangebote. Die zum Teil markanten kantonalen Unterschiede bei der finanziellen Unterstützung von Familien zeigen anschaulich, welchen Stellenwert die Familie in der jeweiligen Gemeinschaft einnimmt.

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Rückständige Zentralschweiz

In Sarnen, Herisau und anderen Innerschweizer Städten hält man noch immer am traditionellen Familienbild fest: Der Vater ist Alleinverdiener, die Mutter schaut nach den Kindern. Entsprechend fehlt ein öffentliches Betreuungsangebot für Kinder von berufstätigen Eltern.

«Der Gemeinderat Sarnen klärte die Einführung der Tagesschule in Eltern- und Lehrergesprächen ab – mit dem Ergebnis, dass die Eltern grossmehrheitlich keine Tagesschule wünschen. Sie möchten die Kinder lieber am Familienmittagstisch sehen», rechtfertigt Ludwig Krummenacher, Gemeindepräsident von Sarnen, die fehlende Hilfe.

Als grossflächige Gemeinde investiere Sarnen zudem jährlich eine Viertelmillion Franken in den Schülertransport – das sei auch familienfreundlich. Zudem funktioniere die Nachbarschaftshilfe äusserst gut, findet Ludwig Krummenacher: «Privates Engagement wird in Sarnen gross geschrieben.» Für den Gemeindepräsidenten ist Sarnen im Beobachter-Test deshalb ungerecht beurteilt. «Qualitative Urteile werden leider nicht berücksichtigt.»

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Auch Kurt Kägi, Gemeindepräsident von Herisau, bemängelt den Test: «Herisau hat Familien nebst finanziellen Vergünstigungen einiges mehr zu bieten. Schliesslich darf beim Familienleben nicht nur der finanzielle Aspekt im Vordergrund stehen.»

Dieser Meinung ist auch der Beobachter. Doch gute Lebensqualität allein kann fehlende finanzielle Unterstützung langfristig kaum kompensieren.

Beim Beobachter-Test handelt es sich um eine Momentaufnahme. In vielen der getesteten Bereichen stehen Verbesserungen an oder werden zumindest diskutiert.

So erhalten etwa Familien in Herisau im neuen Jahrtausend pro Kind monatlich 25 Franken mehr Kindergeld. Mit diesem Kantonsratsbeschluss vom September stösst Appenzell Ausserrhoden bei den Kinderzulagen immerhin ins Mittelfeld vor.

Entscheidend für das Familienbudget ist auch die Steuerbelastung. Dass die Kantone Zug und Schwyz Steueroasen sind, ist bekannt. Wie steht es aber mit der Begünstigung von Familien mit Kindern gegenüber Alleinstehenden? Können Eltern die hohen Ausbildungskosten oder den Aufwand für die Kinderbetreuung ausser Haus abziehen? Welcher Steuersatz wird angewandt?

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Der Beobachter liess die Steuerverwaltungen berechnen, wie viel Staats- und Gemeindesteuern 1999 die folgenden Testfamilien A und B bezahlen müssten:


  • Das Ehepaar A hat ein jährliches Nettoeinkommen von 65000 Franken. Es besitzt kein Vermögen. Das jüngere Kind besucht die Primarschule, das ältere studiert.
  • Die Kleinfamilie B besteht aus einer allein erziehenden Mutter und ihrem minderjährigen Kind. Die Mutter verdient jährlich 30000 Franken netto, erhält dazu pro Jahr 10000 Franken Alimente. Davon gehen jährlich 2000 Franken für die externe Betreuung des Kindes weg. Auch sie hat kein Vermögen.

Der Beobachter verglich die Steuerbelastung dieser beiden Modellfamilien mit jener von Personen ohne Kinder, die unter den gleichen finanziellen Bedingungen leben. Bewertet wurde nicht die absolute Höhe der Steuern, sondern die prozentuale Ermässigung für Familien mit Kindern.

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St. Gallen: Steueroase für Familien

Das Steuerparadies für Familien ist St. Gallen. Hier können sie nebst den Kinderabzügen auch einen Teil der Kosten für die externe Betreuung oder für die Ausbildung der Kinder abziehen. Zudem hat St. Gallen als erster Kanton dieses Jahr das echte Splitting für Ehepaare eingeführt: Bei Verheirateten wird das Gesamteinkommen zum halben Steuersatz besteuert – egal, ob beide Ehepartner ein Erwerbseinkommen erzielen oder nur einer.

Die Modellfamilie A beispielsweise bezahlt im Jahr 1999 in St. Gallen 2200 Franken Steuern. Hätte sie keine Kinder, wären es dreimal mehr, nämlich 6700 Franken. Die Abzüge für die Kinder machen somit eine Reduktion von 66 Prozent aus. Würde die gleiche Familie in Schwyz leben, müsste sie mehr als doppelt so viel zahlen, nämlich 4700 Franken Staats- und Gemeindesteuern. Die Abzüge für die Kinder machen hier lediglich eine Reduktion von 1000 Franken oder 17 Prozent aus.

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Schwyz: Mittelstand muss zahlen

Kein Wunder: Schwyz gewährt weder einen Betreuungs- noch einen Ausbildungsabzug. Hätte die Familie keine Kinder, würde sie in Schwyz weniger Steuern bezahlen als in St. Gallen. Schwyz ist also nur für Reiche ein Steuerparadies. Familien mit geringerem und mittlerem Einkommen werden hier stärker belastet als in den übrigen Kantonen. Schwyz fällt auch in anderen Testpunkten nicht gerade als familienfreundlich auf. So unterhält die Gemeinde etwa keine öffentliche Kinderbetreuungsstätte und knausert bei den Krankenkassenverbilligungen für Familien.

Der Beobachter ermittelte für die zwei Modellfamilien A und B den Umfang der Krankenkassenverbilligung je Wohnkanton. Die Unterschiede sind markant. Familie A zum Beispiel bekommt in Basel über 3000 Franken an Subventionen. In Sarnen, Zürich oder Schwyz geht sie dagegen leer aus. Die allein erziehende Mutter erhält in Basel-Stadt 2688 Franken, in St. Gallen aber keinen Rappen.

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Die Höhe der Verbilligung bestimmen die Kantone. Sie setzt sich zusammen aus Bundes- und Kantonsbeiträgen. Die Kantone haben die Möglichkeit, ihren Beitrag um maximal 50 Prozent zu kürzen, wobei die Bundesbeiträge im gleichen Verhältnis zu kürzen sind. Diese Kürzungen wirken sich direkt auf die Familien aus. Gut abgeschnitten haben jene Kantone, die die ganzen Bundesbeiträge abholen.

Riesendifferenzen beim Kindergeld

Ein direkter Kinderlastenausgleich, der sich stark auf das Budget einer Familie auswirkt, sind die Kinderzulagen. Wohnt die Testfamilie A mit ihren zwei Kindern in Herisau, bekommt sie heute jeden Monat 290 Franken ausbezahlt. Lebt sie in Sitten, kann sie monatlich 504 Franken Kinderzulagen beziehen. Der jährliche Unterschied beträgt ganze 2568 Franken.

Können Eltern die Ausbildung der Kinder nicht berappen, hilft der Staat mit Stipendien, um die Finanzlast erträglich zu machen und Jugendlichen Chancengleichheit zu gewähren. Ähnlich wie bei der Krankenkassenverbilligung subventioniert der Bund die Aufwendungen der Kantone zu 20 bis 60 Prozent. Die Hoheit über die Stipendien obliegt aber den Kantonen.

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Der Beobachter bewertete die Bildungshilfe der Kantone aufgrund des Stipendienreports 1999 des Bundesamts für Bildung und Wissenschaft (BWW). Die Autoren berechneten für drei Fallbeispiele die Höhe der Zulagen – und stellten riesige Unterschiede fest. Die Stipendien für ein Universitätsstudium beispielsweise variieren je nach Kanton zwischen null und 130000 Franken!

Es fehlt eine Lobby für Familien

Heute sind gemäss Studien über 50 Prozent der Frauen mit Kindern bis 15 Jahre erwerbstätig. Wer nicht auf die Hilfe von Grosseltern und anderen privaten Helfern zählen kann, ist auf ausserfamiliäre Babysitter angewiesen. In den Städten ist das Bedürfnis nach familienergänzender Kinderbetreuung seit einiger Zeit mehr oder weniger erkannt. Die ländlichen Gebiete jedoch hinken dieser Entwicklung noch sehr stark nach.

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In Stans, Sarnen, Appenzell, Herisau, Sitten und Altdorf zum Beispiel machen die Gemeinden nichts für berufstätige Eltern. Hier gibt es höchstens private Institutionen, die im besten Fall minimal von der Gemeinde unterstützt werden.

Die Gründe für diese Unterschiede sind vielfältig: Zum einen dürfte die Nachfrage auf dem Land geringer sein als in den Städten. Anderseits herrscht wohl nach wie vor die Meinung vor, Kinder seien nur bei der Mutter gut aufgehoben.

Zudem fehlt in der Provinz eine Lobby für Familien. Denn berufstätige Eltern kämpfen nur sehr selten über Jahre hinweg für Verbesserungen: Sie benötigen meistens sofort eine Betreuungslösung für ihren Nachwuchs. Ist die persönliche Betroffenheit aber nicht mehr vorhanden, erlischt auch das Engagement meist sehr schnell.

Grössere Städte machen vorwärts

In kleineren Ballungsgebieten und in mittleren Städten gibt es subventionierte Krippen für die ganz Kleinen sowie Horte und Mittagsbetreuung für die Primarschülerinnen und -schüler. Die Subventionen der Gemeinden reichen von kleinen Beiträgen an die Mietkosten der Kinderkrippen bis hin zur direkten Unterstützung der Elternbeiträge.

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Viele Gemeinden machen die Elternbeiträge vom steuerbaren Einkommen der Familie abhängig. Die ungedeckten Kosten werden dann von der öffentlichen Hand übernommen. Das kann eine Gemeinde pro Tag und Kind rasch einmal 50 Franken kosten.

Die besten Angebote sind in Zürich, Bern und Basel zu finden. Hier hat man erkannt, dass familienergänzende Kinderbetreuung auch eine Bereicherung darstellen kann. Wegen der grossen Nachfrage nach freien Plätzen werden die Angebote auch laufend ausgebaut. Eine weitere Spezialität dieser Städte sind die Angebote an Tagesschulen oder Blockzeitenkindergärten mit koordinierten Stundenplänen, die den Eltern die Berufstätigkeit vereinfachen.

Das Beispiel fand Nachahmung: Tagesschulen finden sich heute auch in St. Gallen, Zug und Schaffhausen. Aus Schaffhausen stammt übrigens eine besonders innovative Idee: Die Stadt schuf vor sechs Jahren eine 50-Prozent-Stelle, um die familienergänzende Betreuung zu optimieren und den Eltern zu helfen, einen geeigneten Platz zu finden.

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