Das Tor zum Platzspitz ist das Tor zu einer anderen Welt. Nur wenige Gehminuten vom Zürcher Hauptbahnhof entfernt rücken im Park hinter dem Landesmuseum Hektik, Strassenlärm und Menschengedränge in weite Ferne. Bei schönem Wetter sitzen Schüler, Studenten, Pärchen und Familien auf den Bänken und Mauern und geniessen den grünen Fleck an der Limmat. Nichts erinnert daran, dass sich hier in den achtziger Jahren die «offene Drogenszene» breitgemacht hatte.

Doch der erste Eindruck trügt. In der Mitte des Parks stehen drei Polizeiwagen. Zwei Polizisten überqueren mit ihrem Schäferhund die Wiesen, blicken unter die üppigen Büsche, untersuchen die Abfalleimer und den Sockel der Hirschstatue. Der Hund schlägt an. Er zeigt an, wo die Polizisten nach Marihuana suchen müssen. Andere Ordnungshüter sprechen mit Jugendlichen und nehmen Personalien auf. Spaziergänger scheinen den Anblick gewohnt zu sein und gehen unbeirrt weiter.

Zu viel Zeit für nichts
Der Platzspitz ist ein bekannter Treffpunkt für Kiffer, Dealer - und heimatlose Jugendliche, die sich hier absprechen, wie und wo sie die Nacht verbringen. Sind Polizei und Spaziergänger weg, weil es zu dämmern beginnt oder das Wetter nicht zum Flanieren einlädt, übernehmen sie den Park.
Auch Juri (Namen aller Betroffenen geändert) und seine Freunde halten sich häufig im Park auf. Eigentlich fällt die kleine Gruppe von etwa zehn Leuten kaum auf, stünde sie nicht bei Regen und Kälte unter dem schwachbeleuchteten Pavillon in der Mitte des Platzspitzes. Die jungen Leute rauchen, kiffen, trinken Bier, hören Musik. Sie sind gut gekleidet, als ob sie gleich in den Ausgang wollten. Juri zieht sein Käppi weiter ins Gesicht, seine Narbe neben dem linken Auge ist dennoch gut sichtbar. An seinen Ohren glitzern Stecker. Er kommt auf mich zu und fragt: «Wie viel brauchst du?» Ich will kein Gras, nur reden. Er blickt mich skeptisch an. Eine dicke Daunenjacke umhüllt seinen schmalen Körper. Es dämmert und wird immer kälter. Nach Hause geht Juri trotzdem nicht; er hat kein Zuhause.

«Solche jungen Erwachsenen nennen wir hier Stadtnomaden», sagt Markus Giger, Pfarrer der «Streetchurch», eines Projekts der evangelischen Landeskirche und des evangelisch-reformierten Stadtverbands. In den warmen und freundlichen Räumlichkeiten direkt bei der Tramstation Werd halten sich tagsüber häufig junge Erwachsene ohne festen Wohnsitz auf. Die Nacht verbringen sie dann bei irgendwelchen Kollegen oder in Klubs, sofern sie von einem grosszügigen Bekannten eingeladen werden. Schlimmstenfalls nächtigen sie auch einmal in einer Notschlafstelle.

Gemäss Giger ist der typische Stadtnomade zwischen 18 und 25 Jahre alt und hat meist einen Migrationshintergrund. Wie viele Stadtnomaden sich in Zürich aufhalten, weiss der Seelsorger nicht. Es fehle an genauen Untersuchungen. Er vermutet aber, dass es «einen harten Kern von ein paar Dutzend Personen gibt, die diesen Lebensstil relativ konsequent leben». Die Anzahl Personen, die nur einige Monate als Stadtnomaden unterwegs sind, sei jedoch viel höher; in Stadt und Region Zürich wohl ein paar hundert.

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«Manche wollen den Eindruck erwecken, sie fänden ihren Lebensstil cool. Aber eigentlich geht es ihnen dreckig.»: Markus Giger, Pfarrer der «Streetchurch»


Wenn der Damm bricht
Einige von ihnen suchen Rat und ein bisschen Geborgenheit in der «Streetchurch». In den Gesprächen mit Giger erzählen sie von ihrem Leben. «Manche wollen zuerst den Eindruck erwecken, dass sie ihren Lebensstil cool finden, dass sie gerne bei verschiedenen Kollegen schlafen und einfach in den Tag hinein leben. Aber eigentlich geht es ihnen dreckig.» Nicht selten hätten die Stadtnomaden Alkohol- und Drogenprobleme. Wenn der Damm bricht, erzählen sie: von Arbeitslosigkeit, Schulden und dass sie den Kontakt zur Familie völlig abgebrochen haben. «Ihre Eltern sind in die Schweiz gekommen, wollen aber ihre Kultur nicht aufgeben. Die Kinder jedoch sind hier aufgewachsen und leben nach Schweizer Verhältnissen. Sie halten nichts von arrangierten Ehen oder von religiösen Vorschriften», erzählt Giger in der kleinen Kapelle, dem Zimmer, in dem er auch seinen Schützlingen zuhört. In der Ecke steht ein Kreuz aus Metall. «Ein ehemaliger Stadtnomade hat es uns geschenkt.»

Bei schlechtem Wetter wirkt der Platzspitz trostlos und wie leergefegt. Juri hat sich von der Mauer vor dem Pavillon erhoben und tritt von einem Bein auf das andere. Er friert, reibt sich die Hände und zieht den Reissverschluss seiner Jacke hoch. Er nimmt sich ein Bier. Den ersten Schluck leert er auf die Wiese, den letzten trinkt er nicht aus: «Für die Toten und diejenigen im Knast», erklärt er mir geduldig. «Klar nützt denen das nicht direkt etwas, aber ich denke an sie.»

Von der «Streetchurch» oder anderen Institutionen hält Juri nichts. Der 22-Jährige ist lieber auf sich allein gestellt. Er will sich von niemandem reinreden lassen. In einem verslangten Züritüütsch erzählt er, dass es nie anders war: «Die Zeit zwischen meinem 11. und 18. Lebensjahr verbrachte ich in verschiedenen Heimen - von Bern bis Kreuzlingen.» Eine schöne Kindheit hatte er nicht. Er blickt zu Boden. Seinen richtigen Vater habe er nie gekannt. «Ursprünglich komme ich aus der Ukraine. Meine Mutter, mein Stiefvater und ich zogen dann nach Jugoslawien und schliesslich in die Schweiz.» Das war vor zwölf Jahren. Hier liessen sich die Eltern bald scheiden, und die Mutter heiratete einen Schweizer. «Der akzeptiert mich nicht. Und ich ihn auch nicht.» Juri nimmt sich noch ein Bier und raucht eine offerierte Zigarette. Er zieht heftig daran, er ist Stärkeres gewohnt. «Alpenluft», sagt er und zuckt mit den Schultern: besser als nichts.

Sein Freund Jonny gesellt sich dazu. Die Begrüssung ist herzlich. Der grossgewachsene junge Mann mit klobigen Kopfhörern um den Hals erzählt Juri nicht ohne Stolz, dass er einen zweiten Job erhalten hat. Er arbeitet nun nicht nur in einem Büro, sondern auch in einem Fast-Food-Restaurant. Er blickt auf sein Handy. «Ich muss mal kurz los. Komme später wieder», sagt er und verschwindet irgendwo im Park. Die Stimmung, die bei den Erzählungen über seine Kindheit etwas absackte, wird wieder heiterer, und Juri beschwichtigt: «Siehst du? Uns gehts beschissen, aber wir sind trotzdem fröhlich. Und wir kommen immer irgendwie durch.»

Irgendwie durchkommen: Das hiess für Juri nach seiner Heimodyssee, in Zürcher Villen einzusteigen «und überall sonst noch, wo es was zu holen gab». Juri hat sich wieder hingesetzt und sagt mit gedämpfter Stimme: «Du hast damals sicher in der Zeitung von den Einbrüchen gelesen.» Er nickt vielsagend und blickt unter seinem Käppi hervor. «Ich war dabei.» Insgesamt verbrachte er wegen solcher Delikte zweieinhalb Jahre im Gefängnis.

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«Ich bin kein Penner»
Das mit den Einbrüchen ist vorbei. Juri dealt jetzt mit Gras, «etwas einigermassen Legales. Bin schliesslich auf Bewährung.» Gebettelt werde nie. Nur manchmal pumpt man sich untereinander an. Ab und zu geht Juri arbeiten. «Ich bin kein Penner. Höchstens ein Edelpenner», betont er. Er müsse täglich duschen, sonst fühle er sich schmutzig. «Ich trage auch immer frische Kleidung.» Geduscht und gewaschen wird bei Freunden, die ein Zuhause haben. «Nicht alle sind heimatlos, aber viele wollen möglichst nichts von ihren Familien wissen.» Wieder nimmt er sich ein Bier. Die Blase drückt. Er geht zum Pavillon. Er hat gelernt, unkompliziert zu sein. Als er zurückkommt, wäscht er sich die Hände am Brunnen und fragt nach Taschentüchern. «Ich sag ja, ich will sauber bleiben.»

Juri blickt auf die Uhr seines Handys. Es geht wieder gegen Abend zu. Er ist mit einigen Freunden verabredet. Sie wollen sich absprechen, wie sie die Nacht verbringen - bei Kollegen oder in einem Klub. «Weisst du, manchmal wünsche ich mir eine eigene Wohnung, einen anständigen Job und - einen Schweizer Pass.» Wie er das schaffen will, kann er nicht sagen. Aber wenn es so weit sei, werde er sich nicht mehr am Platzspitz aufhalten.

Das Hintertor des Parks führt wieder in eine andere Welt. In eine Gegend, in der man sich leicht unbehaglich fühlt. Eine Brücke führt zum Jugendkulturzentrum Dynamo und zur Jugendberatungsstelle Streetwork. Mit Graffiti bemalte Häuser und rasch vorübergehende Passanten prägen das Bild; Letztere kritisch beäugt von jungen Leuten, die auf der Brücke oder am Parkausgang herumstehen. Im «Dynamo» tanzen Kids zu Hip-Hop. Sie nehmen Besucher kaum wahr. Anders bei «Streetwork»: Dort werden Neuankömmlinge gemustert. Von Punks, die zugedröhnt im Aufenthaltsraum sitzen, und ihren Hunden, die am Boden liegen. Im PC-Raum sitzen einige von Juris Bekannten. Sie schreiben Bewerbungen oder kontaktieren Ämter, um ihr Leben einigermassen zu regeln. Manche erkennen mich wieder und grüssen knapp.

«Die Zahl der heimatlosen Jugendlichen, die zu uns kommen, hat seit vergangenem Herbst zugenommen», betont «Streetwork»-Geschäftsführer Donald Ganci. Zwar gebe es die klassische Obdachlosigkeit kaum mehr. Dafür habe sich die Stadt jahrelang eingesetzt und entsprechende Angebote geschaffen. «Aber es gibt Menschen, die ein Leben ohne festen Wohnsitz selbst wählen.» Das heisse nicht, dass es den jungen Leuten Spass mache, so zu leben. Aber sie hätten nicht die Kraft oder die Möglichkeit, ein geregeltes Leben zu führen. «Und wenn sie dann an uns gelangen, fördern wir sie, damit ihre Bemühungen, ein Obdach zu finden, effizienter werden.»

Das könne zwar die Zeit ohne Unterkunft verkürzen und die Lebenssituation etwas beruhigen. Doch die Probleme wie Verschuldung, fehlende Tagesstrukturen, berufliche Perspektivlosigkeit oder übermässiger Drogenkonsum seien damit längst nicht gelöst.

Eine Stadtnomadin ohne Perspektive war auch Tanya. Die schüchterne 22-Jährige ist häufig bei «Streetwork» anzutreffen. Die Sozialarbeiter konnten ihr helfen, von der Strasse wegzukommen. Ihre Geschichte klingt wie ein Krimi. «Meine Eltern und ich verstanden uns nie sehr gut. Sie stammen ursprünglich aus dem Balkan, ich bin hier aufgewachsen und lebe nach Schweizer Sitten.» Sie hält inne und sucht in meinen Augen Verständnis. Ihre Finger mit dem abgesplitterten roten Nagellack ruhen auf dem Bauch, der sich unter ihrem weiss-rosa gestreiften Pulli wölbt. Tanya ist im neunten Monat schwanger. Mein Nicken motiviert sie weiterzusprechen. «Gerade jetzt vermisse ich meine Mutter.» Doch Kontakt kann sie keinen zu ihr herstellen. Dafür liegt zu viel im Argen. Sie erzählt von ihren Depressionen und Essstörungen - und von Eltern, die kein Verständnis gehabt hätten, für die psychische Krankheiten nicht existieren. «Irgendwann schenkten sie mir trotzdem als Auszeit ein Wochenende bei Verwandten in ihrem Heimatort.»

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«Ich schlief bei irgendwelchen Bekannten, nahm Kokain und kiffte.»: Tanya (Name geändert), 22, ehemalige Stadtnomadin


Tanya hatte ein ungutes Gefühl dabei, erklärte sich aber einverstanden. Sie hätte ihrem Instinkt trauen sollen. Kaum war sie bei ihren Verwandten angekommen, nahmen diese ihr Handy, Pass und Geld ab. «Sie eröffneten mir, dass ich nun meinen Verlobten kennenlerne. Ich wurde gegen meinen Willen verheiratet und durfte erst nach zehn Tagen zurück in die Schweiz.» Tanya sieht auf ihren Babybauch. Das Kind, das in ihr wächst, ist nicht von ihrem Ehemann.

Als ihre Eltern ihren Mann in die Schweiz nachholten, blieb für Tanya nur die Flucht aus der kleinen Zürcher Gemeinde in die Stadt. «Ich schlief bei irgendwelchen Bekannten, nahm Kokain und kiffte.» Das habe einfach zu dieser Szene gehört. So lebte sie von Januar bis Mai des vergangenen Jahres. In dieser Zeit lernte sie ihren jetzigen Freund und Vater ihres Kindes kennen, einen Asylbewerber. Tanya lächelt, während sie von ihm spricht.

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Wo ist Juri?
Im Mai dann griff sie eine Patrouille der SIP (Sicherheit Intervention Prävention Zürich) auf, als sie sich wieder irgendwo herumtrieb. «Sie brachten mich hierher.» Die Sozialarbeiterin Brigit Evers Diallo nahm sich ihrer an. Sie begleitet sie, wohin es nötig ist, und hilft ihr, Probleme anzugehen, wenn Tanya nicht weiterweiss. «Für Menschen wie Tanya eine Wohnung zu finden ist sehr schwierig. Jeder Vermieter bevorzugt einen gut integrierten, problemlosen Mieter.» Sie konnte Tanya zunächst für einige Zeit im Heim der Heilsarmee unterbringen. Doch diese Zeit ist nun abgelaufen. Und jetzt? Tanyas Gesicht hellt sich auf. «Ich kann bald in eine Mutter-Kind-Wohnung in der Agglomeration ziehen.»

Der Platzspitz ist verlassen - bis auf ein paar Jugendliche, die heimlich knutschen, rauchen oder Bier trinken. Keine Spur von Juri und seiner Clique. Der Parkwächter fährt auf seinem Fahrrad über die Kieswege und weist die Besucher vom Platz. Ich gehe in Richtung Hauptbahnhof, hinter mir schliesst der Wächter das Tor zur ominösen Welt, in der sich je nach Tageszeit und Wetter heimatlose junge Erwachsene, Dealer, Kiffer oder Spaziergänger aufhalten - und wo die Polizei immer wieder einmal auftaucht. Für heute ist Schluss damit.

Am Fluss treffe ich Juri und seine Freunde. Sie verkaufen Gras, trinken Bier, rauchen und besprechen, was sie in dieser Nacht unternehmen sollen. Als ein paar Punks vorbeigehen, werden sie lauthals verspottet - die Gruppe bleibt am liebsten unter sich. Als ich mich von ihnen verabschiede, ahne ich noch nicht, dass es das letzte Mal ist, dass ich Juri sehe.

An den folgenden Tagen bleibt die Suche nach ihm vergebens. Einige Zeit später höre ich, dass Juri offenbar im Spital liegt. Niemand kann Genaues darüber sagen, wo und weshalb. Ob ihn jemand vermisst? In den Spitälern weiss niemand über einen Juri Bescheid, und auf dem Mobiltelefon ertönt nur die Ansage: «Auf dieser Rufnummer können zurzeit keine Anrufe empfangen werden.»

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