Die islamischen Vorbeter sollten in der Schweiz ausgebildet werden, eine hiesige Sprache sprechen und Kultur, Recht und Politik unseres Landes kennen. Das wäre, sagt eine Nationalfonds-Studie (NFP), ein Mittel, um den Islam dem kulturellen Kontext der Schweiz anzupassen. Laut der Studie der Universität Zürich «Imam-Ausbildung und islamische Religionspädagogik in der Schweiz?» wird diese Forderung von vielen befragten Muslimen und Institutionen in der Schweiz mitgetragen.

Was bringt uns diese Erkenntnis? Ist es wirklich so, dass «nur importierte Imame Probleme schaffen», wie der «Tages-Anzeiger» titelte? Können die Gebote des Islams einfach durch Miteinander-Reden mit den Zielen einer liberalen Demokratie in Einklang gebracht werden?

Auf den ersten Blick haben Islam und Christentum einiges gemeinsam. Beide Lehren stützen sich auf das Wirken von Propheten, beide betonen die Bedeutung der Barmherzigkeit, beide verkünden den alleinigen und wahren Gott. Und beide verbreiteten ihre Lehre auch mit Gewalt.

Aber es gibt einen riesigen Unterschied. Die meisten Christen interpretieren die Bibel längst nicht mehr wortwörtlich. Für sehr viele Muslime hingegen ist der Koran noch heute buchstäblich das Wort Gottes. Wo immer auf der Welt das heilige Buch von westlicher Seite kritisiert oder gar der Prophet Mohammed beleidigt wird, regt sich lauter, teils gewalttätiger Protest in Muslimgemeinden.

Denn für Muslime ist der Koran das entscheidende Regelwerk. Seine Gebote stehen im Zweifel über jenen des Staats, sie sind wichtiger als die vom Menschen festgelegten Gesetze und Verordnungen.

Es geht hier nicht um die überbewertete Debatte ums Kopftuch, das nirgends im Koran explizit gefordert wird. Das wahre Konfliktpotential zeigt sich am Beispiel der Erklärung der Menschenrechte, die in Absatz 1 festschreibt: «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.» Und zwar unabhängig von ihrer Religion. Der Mensch gilt als moralisch selbst verantwortliche und entscheidungsfähige Person, er darf weder unmenschlich behandelt noch erniedrigt werden. Und er hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit. Alle diese zentralen Forderungen der Menschenrechtskonvention sind mit dem Islam inkompatibel. Die Frauen haben nach streng islamischem Recht eine untergeordnete Stellung. Glaubensabtrünnigkeit gilt als Todsünde, und Körperstrafen sind gemäss Scharia erlaubt.

Anzeige

Es genügt deshalb nicht, wenn die Imame in der Schweiz ausgebildet werden und unsere Sprache sprechen. Es genügt nicht, wenn die NFP-Studie fromme Wünsche aufstellt und in vage Formulierungen verpackt.

Natürlich ist es erfreulich, dass eine Mehrheit der Befragten das «Interpretieren der Quellen» des Korans wichtiger findet als das sture Auswendiglernen. Aber was genau bedeutet der Satz: «Die Mehrheit der Muslime in der Schweiz wünscht einen Islam, der in den Schweizer Kontext passt»? Sicher gibt es viele Muslime, die ihren Glauben innerhalb unseres Wertesystems praktizieren. Aufschlussreich ist aber, dass eine Minderheit der befragten Muslime fordert, der Staat dürfe «nicht versuchen, Imame nach seinen eigenen Wünschen zu formen». Als genügte es zu belegen, dass eine Mehrheit der Muslime in der Schweiz zum Dialog bereit ist. Das hat niemand bezweifelt. Aber Dialogfähigkeit ist noch kein Bekenntnis zu den Werten unserer Demokratie. Genau darum geht es aber.

Unsere liberale Demokratie ist ja nicht einfach die Macht der Mehrheit, sondern der Konsens darüber, die Freiheit und die Freiheit des Individuums ins Zentrum zu stellen, Minderheiten zu schützen und die vom Souverän verabschiedeten Gesetze des Staats zu akzeptieren.

Dies zu respektieren muss für alle hier tätigen Imame Pflicht sein. Wie weit der Weg dorthin ist, erhellen die Autoren der Studie: In einer Imam-Ausbildung, schreiben sie, müssten natürlich «gewisse rechtliche Grundsätze» berücksichtigt werden. Dazu gehörten die Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Rechtsgleichheit und das Verbot der Diskriminierung. Der spannendste Satz folgt unmittelbar danach, und er belegt die Kapitulation vor diesem Ziel: «Geboten ist grundsätzlich eine sinngemässe und verhältnismässige Übertragung.»

Anzeige

Nein. In der Schweiz müssen die Gesetze für alle gleich gelten, egal, welcher Religion sie angehören.