Wenn CVP-Ständerat Urs Schwaller spricht, hören die Parlamentarier ganz genau hin. Jedes Wort kommt auf die Goldwaage, nicht wegen des Inhalts, sondern wegen des Klangs. Hat er einen Akzent? Ist er frankophon oder hat er bloss Kreide gefressen? Bis in geheimste Seelenwinkel reicht das Interesse. Betet er französisch? Träumt er deutsch? Sagt er seiner Frau: «Je t’aime» oder «Ich liebe dich»? Einen richtigen Welschheits-Prozess ziehen die Inquisitoren auf, um die entscheidende Frage zu beantworten: Ist er ein echter Romand gemäss ethnischem Reinheitsgebot? Ohne die «Appellation d’Origine Contrôlée» ist ihm eine Kandidatur für die Couchepin-Nachfolge von vornherein verwehrt, denn der Sitz steht der Romandie zu.

Die Schweiz stand immer vor der Aufgabe, die Minderheiten zu integrieren und den nationalen Zusammenhalt zu sichern. Sie löste dies mit einem feinen System von föderalen Rücksichtnahmen und freiwilligen Proporzen. Und genau das zeigt sich nun am Streit um Schwallers Zungenschlag als Problem: die Überregulierung der Bundesratswahl. Wir haben einen Wust von informellen Quoten aufgetürmt, damit viele Anspruchsgruppen gleichzeitig berücksichtigt werden.

  • Gemäss Parteienproporz erhalten die grossen Parteien Bundesratssitze entsprechend ihrer Wählerstärke. Nach 44 Jahren Zauberformel eroberte 2003 die SVP einen Sitz der CVP. Nun fragt sich, ob die CVP der FDP einen Sitz abnimmt.

  • Gemäss Sprachenproporz sind zwei bis drei Bundesräte keine Deutschschweizer. Drei Romands gab es nie. Wenn für kurze Zeit nur einer im Bundesrat sass, hatte er einen Tessiner an der Seite.

  • Gemäss Regionalproporz haben die grossen Kantone Bern, Zürich und Waadt in der Regel einen Bundesrat.

  • Gemäss Geschlechterproporz sind mittlerweile zwei bis drei Frauen die Regel.

  • Gemäss Hausregel wählt das Parlament Leute aus den eigenen Reihen. Bundesräte von ausserhalb sind selten.


Wählbar sind laut Verfassung zwar alle Stimmberechtigten. Nimmt man aber alle ungeschriebenen Regeln zusammen, schrumpft das Reservoir der Wählbaren drastisch. Nichts gegen die einzelnen Ansprüche, jeder ist berechtigt. Nichts gegen das Ziel, im Vielvölkerstaat Minderheiten zu achten und ihre Identifikation mit der Regierung zu festigen. Aber all die Vorgaben führen dazu, dass die Bundesratswahl zum mechanischen Vorgang wird. Man liest oben das gerade geforderte Profil ein, unten spuckt die Maschine einen Namen aus. Eine negative Selektion, bei der nicht der Fähigste siegt, sondern wer nach der – immer auch taktischen – Anwendung aller Ausschlusskriterien übrigbleibt.

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Herkunft ist kein Fähigkeitszeugnis

Dass man die Bundesratswahl einem solchen Mechanismus überantwortet, zeigt letztlich ein völlig unpolitisches Verständnis der Sache. Man vertraut dem Proporz und einer diffusen helvetischen Blut-und-Boden-Ideologie. Man tut so, als wäre politisches Handeln irgendwie ethno-genetisch, Resultat einer Gnade der richtigen Geburt und der Aufzucht auf der richtigen Scholle – als wäre Romand sein, Frau sein oder Deutschschweizer sein ein politisches Programm und ein Fähigkeitszeugnis.

Daneben werden die wirklich wichtigen Merkmale zweitrangig: Weltanschauung, Lebenserfahrung, Weitsicht, Rückgrat, Willenskraft, Entscheidungsfreude, Führungsstärke. Kein Wunder, generiert das jetzige System selten Gestalter, kaum Staatsmänner und -frauen und nie Visionäre, sondern meist Durchschnittstypen, blässliche Verwalter und politische Zwerge, die in normalen Zeiten lendenlahm und in Krisen überfordert sind.

Das Parlament kennt das Dilemma genau und mogelt sich durch. Man akzeptierte, dass Ruth Dreifuss noch schnell die Papiere zügelte. Man legt Bundesräten Doppelrücktritte nahe, um besser mit den Quoten jonglieren zu können. Oder man biegt die Quote für die Romandie zu einer für die «lateinische Schweiz» inklusive Tessin zurecht. Aber das sind Verlegenheitslösungen.

Man müsste eingestehen, dass mit all den Regeln viele Fähige von vornherein verhindert werden. Statt den Proporz-Ansprüchen den Vorrang vor allem andern zu geben, sollten sie erst in zweiter Linie zum Tragen kommen. Qualität kommt vor Quote. Deshalb bricht die Schweiz nicht auseinander. Sie braucht die Fähigsten, ob Mann oder Frau, Romand, Tessiner oder Deutschschweizer, Bergler oder Mittelländer, Bundeshäusler oder Quereinsteiger. Wir brauchen ganz einfach die «Wägsten und Besten».