Das Jammern über Wikileaks ist reine Zeitverschwendung. Wichtige Dokumente sind im Zeitalter des ­Internets kaum mehr geheim zu halten – ­weder Diplo­maten-Depeschen noch interne ­Dokumente der Kriegsführung wie die Irak- oder die ­Afghanistanpapiere.

Das Problem liegt woanders: Die vieldiskutierten Wikileaks-Dokumente hatten bisher ­keinerlei Konsequenzen. So wurde bis heute keine einzige ­Strafuntersuchung ein­geleitet. Das zerstört die letzte Hoffnung auf Gerechtigkeit. Dafür mit­verantwortlich sind die klassi­schen Medien, ­die ­ihre Aufgaben nicht gemacht haben. Sie ­forderten die Konsequenzen für die aufgedeckten Missstände nicht ein.

Da stellte Wikileaks vor mehr als ­acht Monaten das Video «Collateral Murder» ins Internet. Es zeigt ­US-­Soldaten, die von einem Helikopter aus ­Zivilisten regelrecht hinrichten, darunter Helfer, die erste Opfer bergen wollen, und zwei Journalisten. Die Soldaten schossen ohne Not und klopften dazu menschen­verachtende Sprüche. Eine interne Untersuchung habe die Soldaten ­entlastet, erklärte das Pentagon ­umgehend. Sie hätten Anlass gehabt, zu glauben, die Opfer seien Feinde. Kaum eine Zeitung fragte, ob denn eine interne Unter­suchung des ­Pentagons genügend ­unabhängig ist, um wirklich die grösstmögliche Wahrheit zu garantieren. Das Thema ver­schwand sang- und klanglos aus den Schlagzeilen.

Wenn keiner klagt, passiert nichts

Dasselbe Bild zeigt sich bei den Afgha­nistan- und bei den Irakprotokollen, die vor zwei und mehr Monaten von Wikileaks ver­öffentlicht wurden. Zwar lässt sich gemäss dem Londoner ­«Guardian» damit belegen, dass die irakische Polizei systematisch foltere, verge­waltige ­und morde. US-Behörden unternähmen nichts, ­obwohl sie davon wüssten. Doch passiert ist nichts. Keine Untersuchung, keine Anklage. Die Medien liessen auch dieses Thema fallen.

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Stattdessen stürzten sie sich – und mit ihnen die globale Öffentlichkeit – auf die Diplomaten-Depeschen, die vor einem Monat von Wikileaks ins Internet gestellt wurden. Und auf die schillernde Figur Julian Assange, den Gründer der Enthüllungsplattform, der wegen Verdachts auf Vergewaltigung in Haft sitzt.

So wird denn viel zu viel über Wikileaks ­geredet und viel zu wenig über die Kriegs­verbrechen. Dadurch nimmt das Völkerrecht ­Schaden: Es entsteht der Eindruck, Kriegs­verbrechen blieben ohne Konsequenzen.

Mit ein Grund für das Versagen der Medien: Die Journalisten sind von der Fülle der Dokumente schlicht überfordert. Man stelle sich vor, ein Schweizer Wikileaks hätte Tausende von ­Ermittlungsakten der Zürcher Polizei veröffentlicht. Wäre das Strafverfahren gegen Armeechef Roland Nef wegen Nötigung seiner Ex-Lebenspartnerin je entdeckt worden?

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Die Journalisten müssen umdenken

Transparenz allein genügt nicht, um Miss­stände wirksam öffentlich zu machen. ­Es braucht ­informierte Whistleblower, Insider, die in der Fülle der Dokumente die entscheidenden Belege für Missstände ­benennen können.

Das zeigt der Skandal um Abu Ghraib, das Foltergefängnis der USA im Irak. Die Täter wurden bereits ­verurteilt. Ausgelöst haben das nicht Zehntausende von Dokumenten im Internet, sondern der Anruf einer Mutter an einen ­Journalisten des ­Magazins «The New Yorker». Ihre Tochter, ehemalige Soldatin im Irak, sei bedrückt vom Militäreinsatz heimgekehrt. Auf ihrem Computer habe sie seltsame Fotos gefunden. Die Fotos zeigten Folterungen von Gefangenen durch US-Soldaten.

Nun würde allerdings das Video «Collateral Murder» für den Beginn einer Strafuntersuchung genügen. Diese wurde von den Medien aber gar nicht eingefordert. Liegt das etwa daran, dass ein ­öffentlich einsehbares Video für die Medien zu wenig Nutzen abwirft, weil die Information nicht exklusiv verwertet werden kann? Waren die Journalisten deshalb nicht hartnäckig?

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Ein solcher Reflex wäre fatal. Medien würden zu unglaubwürdigen Sensationshaschern, die ­­von einer Wikileaks-Enthüllung zur nächsten hopsen. Da braucht es ein Umdenken. Whistleblower ihrerseits müssen sich gut überlegen, ob sie ihre Dokumente einfach ins Internet stellen wollen. Gezielte Indis­kretionen gegenüber einzelnen Journalisten ­haben bisher mehr Missstände aus der Welt ­geschafft als die Veröffentlichung von Hunderttausenden von Dokumenten.