Wenn irgendwo auf der Welt eine Regierung droht, Zigarettenpackungen ohne Logo einzuführen, zückt die Tabaklobby gern und oft zwei Studien der Universität Zürich. Im Auftrag des Zigarettenmultis Philip Morris International hatten der Zürcher Ökonomieprofessor Michael Wolf und sein Kollege Ashok Kaul von der Universität des Saarlands untersucht, ob junge Menschen in Australien weniger rauchen, seit das sogenannte Plain Packaging eingeführt wurde; Tabakkonzerne müssen auf dem Päckchen das Logo weglassen und stattdessen Fotos kranker Organe abdrucken.

Philip Morris entschädigte die Forscher dafür mit mehreren zehntausend Franken. Das Fazit der beiden: Es lässt sich nicht nachweisen, dass diese Zigarettenverpackungen einen Einfluss darauf haben, ob der Anteil der jugendlichen Raucher sinkt. Seither dient diese Erkenntnis der Tabaklobby als Hauptbeweis für die Wirkungslosigkeit «neutraler» Verpackungen.

Studien der Uni Zürich sind umstritten

Präventionsfachleute bezweifeln die Aussagen der beiden Ökonomen und verlangen von der Uni Zürich, dass sie die zwei Studien zurückzieht. Ihr prominentester Kopf ist Pascal Diethelm, ehemaliger Ökonom bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Präsident der Präventionsorganisation Oxyromandie.

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Diethelm hatte 2001 die «Rylander-Affäre» aufgedeckt: Er wies nach, dass der Genfer Professor Ragnar Rylander jahrzehntelang heimlich von Philip Morris unterstützt worden war und so geholfen hatte, die Gefahren des Passivrauchens herunterzuspielen.

Diethelms Wort hat Gewicht in der Wissenschaftswelt, auch wenn er klar als Anti-Tabak-Lobbyist auftritt. Die Uni Zürich liess daher 2015 die beiden Studien von Wolf und Kaul durch den Berner Soziologieprofessor Ben Jann begutachten. Dieser kritisierte das Design der Untersuchungen und sagte, er sei «nicht mit allen Aspekten glücklich». Insbesondere bemängelte Jann, dass Wolf und Kaul ihren Studien die Annahme zugrunde gelegt hätten, der Anteil der Raucher unter Jugendlichen wäre auch ohne die Einführung neutraler Verpackungen gesunken. Es hätte «aussagekräftigere Designs» gegeben, schrieb Jann in seinem Gutachten. «Der Punkt ist: Wir wissen schlicht nicht, wie sich der Trend ohne die Massnahme entwickelt hätte.» Doch denke er nicht, dass die Studien vom methodischen Ansatz her fehlerhaft seien. Jann empfahl darum, die Studien mit der Anmerkung zu versehen, sie seien umstritten. Dieser Hinweis fehlt aber auf der Website der Uni Zürich nach wie vor.

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Tabakkonsum sank offenbar deutlich

Die beiden «Working Papers» geraten nun weiter unter Druck. Präventionsfachmann Diethelm hat die vorhandenen Daten selber erneut analysiert, gemeinsam mit Koautor Timothy Farley, der «keinerlei Verbindung zur Anti-Tabak-Bewegung hat», wie Diethelm betont. Ihr Resultat widerspricht demjenigen von Wolf und Kaul fundamental. In ihrem in einer Fachzeitschrift publizierten und von Spezialisten geprüften Artikel legen sie dar, dass der Anteil der jugendlichen Raucher in Australien seit der Einführung der neutralen Verpackungen deutlich zurückgegangen ist.

Gestärkt wird diese Erkenntnis durch eine Studie der australischen Regierung. «Die Analyse zeigt, dass Veränderungen bei der Verpackung (neutrale Packungen in Kombination mit verstärkten grafischen Gesundheitswarnungen) zu einer Abnahme der Raucher-Prävalenz geführt haben.» An der Uni Zürich will man sich trotzdem nicht von den umstrittenen Studien distanzieren. Die Vorwürfe, diese seien fehlerhaft, seien durch das Gutachten von Professor Ben Jann entkräftet worden, teilt der Mediendienst mit, für einen Rückzug gebe es «keinen Grund».

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Die Debatte dürfte weitergehen, denn das Institut für Politikevaluation in Wiesbaden, wo Kaul als wissenschaftlicher Leiter fungiert und Wolf als Teil des «Research Network», hat mittlerweile nachgelegt. Neutrale Verpackungen hätten «die Raucher-Anteile nicht reduziert», heisst es in einer Ende 2015 publizierten Studie. Finanziert wurde sie übrigens von einem alten Bekannten: dem Tabakmulti Philip Morris International.

Gesetzesentwurf: Die Tabaklobby darf länger sprechen als ihre Gegner

Demnächst berät das Parlament das Tabakproduktegesetz. Neutrale Zigarettenverpackungen sind im Entwurf nicht vorgesehen, wohl aber ein Verkaufsverbot für Jugendliche unter 18 Jahren und Einschränkungen bei der Werbung. Gegen diese wehren sich insbesondere die Tabakindustrie und die Vertreter der Medienbranche. Beide erhielten bei der Anhörung durch die Gesundheitskommission des Ständerats Ende März ausgiebig Zeit, ihre Standpunkte darzulegen – für die Präventionsfachleute war bloss etwa halb so viel Zeit vorgesehen. Das zeigt eine Sitzungseinladung, die dem Beobachter vorliegt.

Die Kommission hörte sich 45 Minuten lang Vertreter folgender Firmen und Verbände an: British American Tobacco, Japan Tobacco International, Philip Morris (je ein Vorstandsmitglied), Verband Schweizerischer Zigarrenfabrikanten (zwei Mitglieder), Vereinigung des schweizerischen Tabakwarenhandels (zwei Vertreter), Swiss Vape (einer). Dazu als Kritiker des Gesetzesentwurfs 30 Minuten lang zwei Vertreter des Werberverbands Kommunikation Schweiz und des  Verbands Schweizer Medien. Während die Gegner mit zwölf Personen über 75 Minuten hinweg argumentieren durften, waren für die acht geladenen Befürworter von strengeren Vorschriften nur 45 Minuten reserviert. Eingeladen waren mit je zwei Vertretern die Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention, die Ärztevereinigung FMH, die Präventionsorganisation Cipret-Vaud und der schweizerische Jugendrat.

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