Zur Person

Christina Schori Liang arbeitet seit mehr als 20 Jahren in der Sicherheitspolitik, heute beim Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik (GCSP).

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Beobachter: Macht Ihnen der neue Reichtum von Terrororganisationen Angst?
Christina Schori Liang: Angst ist das falsche Wort. Aber ich finde es extrem beunruhigend, dass Terroristen immer mehr Geld zur Verfügung haben.

Beobachter: Wie viel?
Schori Liang: Die Terrormiliz Islamischer Staat, die al-Shabaab oder die al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel haben Millionen, wenn nicht Milliarden Franken zur Verfügung. Terrorgruppen mit solchem Reichtum haben wir noch nie erlebt.

Beobachter: Noch nie? Die kolumbianische Farc soll auch nicht gerade arm sein.
Schori Liang: Reiche Terrorgruppen wie die irische IRA oder eben die Farc gab es auch in der Vergangenheit. Bei ihnen zeigten sich die Folgen ihrer finanziellen Ressourcen deutlich: Obwohl die Regierungen sie erbittert bekämpften, konnten sie über Jahrzehnte problemlos überleben. Aber heute sind die Dimensionen nochmals grösser.

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Beobachter: Warum sind Terrororganisationen heute so viel reicher?
Schori Liang: Sie nehmen in bisher ungesehenem Ausmass an den kriminellen Märkten teil. Zu Beginn vor allem am Drogenhandel. Seit etwa neun Jahren schmuggeln Terroristen in Westafrika und der Sahelzone lateinamerikanisches Kokain. Mittlerweile haben sie ausgeklügelte Routen von Häfen in Guinea-Bissau über Mali und Marokko bis nach Europa aufgebaut. Dann kam der Waffenhandel dazu.

Beobachter: Das sind alte Märkte, in denen kriminelle Gruppen schon immer tätig waren. Errichten Terroristen auch neue?
Schori Liang: Zu einer enorm wichtigen Geldquelle sind Entführungen geworden. Die al-Qaida im Maghreb entstand zum Beispiel erst, nachdem der Top-Terrorist Mokhtar Belmokhtar gegen sieben Millionen Franken Lösegeld für 32 gekidnappte Europäer erpressen konnte. Für al-Shabaab oder Boko Haram ist ein Entführter aus dem Westen heute 5,5 Millionen Franken wert. Das sind unglaubliche Zahlen. Ein ganz neuer Markt ist auch der Menschenschmuggel. Die Terroristen sind zwar selber darin nicht tätig, verdienen aber viel Geld damit. Bei neun von zehn Mi­granten aus Afrika oder der Türkei haben kriminelle Gruppen ihre Finger im Spiel. Vom Gewinn geben die Schmuggler den Terroristen rund einen Drittel als Steuer ab.

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«Der IS wickelt die Geschäfte noch immer übers Bankensystem ab. Das muss gestoppt werden.»

Christina Schori Liang

Beobachter: Arbeiten Terroristen heute öfter mit kriminellen Organisationen zusammen?
Schori Liang: Ja, diese Verknüpfung ist neu und gefährlich. Man kann es als Outsourcing sehen – die Terroristen heuern Kriminelle für mühsamere Operationen an. Wilderei ist beispielsweise für al-Shabaab zu aufwendig und ressourcen­intensiv. Daher bezahlen sie Wilderer in Ostafrika, die Elefanten töten und das Elfenbein einsammeln.

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Beobachter: Die Regierungen vor Ort müssten doch merken, was vor ihrer Nase passiert.
Schori Liang: Natürlich. Aber vor allem in West­afrika gibt es nicht nur zwei Akteure – Terroristen und Kriminelle –, sondern drei: Korrupte Regierungen kooperieren mit Kriminellen, obwohl sie genau wissen, dass sie damit den Terrorismus fördern und ihrer Bevölkerung schaden. Es ist absurd. Aber das ist die Macht des Geldes.

Beobachter: Warum können diese Netzwerke so ungehindert wachsen?
Schori Liang: Viele Nationalstaaten im Nahen Osten und im Maghreb sind sehr fragil geworden, die Leute ärmer. Das sind ­ideale Bedingungen für Kriminelle. Und in gescheiterten Staaten haben Terroristen heute genügend Macht und Geld, um eigene kleine Mini-Staaten zu errichten, was ihnen erneut Geld einbringt. Terroristen von al-Shabaab brachten in Somalia einen Hafen in ihren Besitz und besteuerten dann die Kohle, die von dort nach Europa befördert wurde. Ein Teufelskreis.

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Beobachter: Finanzieren die Terroristen ihre Netz­werke auch mit kriminellen Tätigkeiten hier in Europa, in der Schweiz?
Schori Liang: Ja. Eine Studie der französischen Regierung zeigt, dass sich die meisten Terrorzellen in Europa selbst finanzieren. Um an das Geld zu gelangen, begehen sie Betrug, auch via Internet.

Beobachter: Werden die Leute zuerst Terroristen und dann kriminell?
Schori Liang: Meist ist es genau umgekehrt. Terrorgruppen machen in europäischen Gefängnissen Jagd auf Kleinkriminelle aus dem Nahen Osten, um sie dann zu bekehren. Die Kleinkriminellen haben bereits das nötige Know-how, um gute Terroristen zu sein. Sie wissen, wie man Waffen beschafft, sie haben keine Skrupel.

Beobachter: Ist sich der Westen dieser neuen Gefahren bewusst?
Schori Liang: Schon. Aber die Reaktion darauf ist zu langsam.

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Beobachter: Was wäre die richtige Reaktion?
Schori Liang: Bisher ist es nicht gelungen, die kriminellen Organisationen und Schmuggelrouten vor Ort zu zerschlagen. Aber auch von Europa aus liesse sich viel machen. Wir müssen verhindern, dass die Terroristen auf das Finanzsystem zugreifen können. Obwohl die Geldströme weltweit besser reguliert und kontrolliert werden, kann der IS immer noch Zahlungen für geschmuggeltes Öl oder Antiquitäten über das Bankensystem abwickeln. Das muss gestoppt werden.

Beobachter: Braucht es mehr internationale Zusammenarbeit?
Schori Liang: Wir wissen immer noch zu wenig darüber, wie Terrorismus und Kriminalität verknüpft sind. Daher müssten die internationalen Organisationen sowie die einzelnen Staaten und ihre Geheimdienste besser zusammenarbeiten und mehr Informationen austauschen. Wir können den Terrorismus erst dann besiegen, wenn wir seine Geldquellen zum Versiegen bringen. Allein mit militärischen Mitteln haben wir keine Chance.

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Quelle: Getty Images
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Autor: Jessica King
Infografik: Anne Seeger
Bild: Mehdi Chebil/Laif