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TheaterIrgendeine Katastrophe ist immer

Im wirklichen Leben finden sie kaum Beachtung – bei der Theatergruppe «Schräge Vögel» stehen sie im Rampenlicht: Obdachlose, Süchtige und psychisch Kranke.

Ein Paradiesvogel ist auf der Erde gelandet. Sein Flügel ist gebrochen, niemand will ihm helfen: Szene aus «Trotzdem Wiehnacht».
von

Probewoche, Tag vier. Im Kirchgemeindesaal des Zürcher Aus­senquartiers Wiedikon riecht es nach kaltem Rauch und feuchten Kleidern. Grelles Licht verbreitet Arbeits­atmosphäre. Am Bühnenrand steht Nicole Stehli, Sozial- und Theater­pädagogin. Auf der Bühne hochkonzentriert die Theatertruppe «Schräge Vögel». Nur noch wenige Tage bis zur Premiere. «Grüezi, ich bin der Tinu, ich lebe auf der Gasse, mein Hobby ist Kiffen», sagt einer, den Blick auf den Boden gerichtet. Ein anderer stellt sich als «Banker» vor und sagt, er habe ein Problem mit Schulden. Stehli klatscht in die Hände, sagt: «Grad noch einmal. Ihr könnt das besser.»

Die Namen der Schauspieler sind frei erfunden, ihre Geschichten wahr. Wer bei den «Schrägen Vögeln» mitwirkt, hat ein Drogen- oder Alkoholproblem, ist obdachlos, psychisch krank oder sonst vom Schicksal gebeutelt. Dass diese Menschen mit ihren Theaterproduktionen das Publikum begeistern, gleicht einem modernen Märchen. Am Anfang steht Nicole Stehli, eine junge Frau mit langen, ­lockigen Haaren. Sie nennt sich Niggi und arbeitete in den Sozialwerken von Pfarrer Sieber. Als ihre Diplomarbeit anstand, entschied sie, ein Theater auf die Beine zu stellen, zusammen mit den Leuten, die in der Notschlafstelle ein und aus gingen. «Vergiss es!», sagten die Kolleginnen und Kollegen. «Die machen niemals mit.»

Nicole Stehli, Theaterpädagogin: «Ich erkannte, dass diese Leute viel mehr können, als man ihnen zutraut.»
Quelle: Ursula Markus

Sie habe damals keine Ahnung gehabt vom Theater, sagt die heute 33-jährige Zürcherin. «Ich habe einfach gesehen, dass diese Leute viel mehr können, als man ihnen zutraut. Und dass sie ­jemanden brauchen, der ihnen die Chance gibt, das zu beweisen.»

Unter den Randständigen fand Nicole Stehli sogar einen ehemaligen Schauspieler. Gemeinsam schrieben sie ein kurzes Stück über das Leben auf der Strasse. Aber würde überhaupt jemand zu den Proben kommen? Haben diese Leute trotz ihren Problemen die Kraft, sich für das Theaterspielen zu begeistern?

Stehli hoffte, hielt aber einen Plan B bereit. Im schlimmsten Fall würde sie die Aufführung allein bestreiten. Ein Dutzend Leute kam zur ersten Probe, doch nicht alle wollten auf die Bühne. Stehli engagierte Köche, Grafiker, Bühnenbildner und probte mit jenen, die schauspielern wollten – in der Notschlafstelle, im Wald, auf Tischtennistischen. «Ressourcenorientiert» nennt sie das und meint damit, dass man flexibel sein muss – und jeder beitragen soll, was er kann.

Am Tag der Premiere fiel die Hauptdarstellerin von einer Parkbank und verletzte sich so schwer, dass sie zum Arzt musste. Sie bestand darauf, dass Niggi sie begleitet. Ein Problem, denn Stehli sollte bereits für einen Schauspieler einspringen, der zu betrunken für die Bühne war. Noch nie, erzählt Stehli jetzt bei einem Verveine-Tee, habe sie einen Arzt so zur Eile angetrieben wie damals. Die Premiere fand statt, im Publikum merkte niemand, dass die Hauptdarstellerin ein grosses Pflaster am Rücken hatte und Stehli, gelassen wie immer, eine Variante ihres Plans B fuhr.

Die Aufführung kam «mega gut» an. Das Publikum war begeistert, die Darsteller wollten weitermachen. «Diese Menschen stehen sonst kaum im Rampenlicht», sagt Stehli, «und wenn, dann nur negativ. Im Theater werden sie gefeiert, sind für einmal diejenigen, die anderen eine Freude machen.»

Urs: «Wir sind alles Menschen, die schon vieles erlebt haben.»
Quelle: Ursula Markus

Inzwischen geht es im Saal des Kirchgemeindehauses zur Sache. Ein Paradiesvogel ist auf der Erde gelandet. Im normalen Leben heisst der Vogel Manu, sie ist 37 und arbeitet an einem geschützten Arbeitsplatz im Service. Auf der Bühne pfeift der Vogel aus dem letzten Loch. Ein Flügel ist gebrochen, niemand will ihm helfen. «Ohne Krankenkasse hilft dir keiner», sagen die Halbgötter in Weiss. Die Erfahrungen der «Schrägen Vögel» fliessen in ihre Stücke ein, Dialoge entstehen spontan, und wenns harzig wird, geht man eins rauchen – oder schaut Urs an.

Der 49-Jährige hat immer eine Idee. Es passt wunderbar in dieses moderne Märchen, dass er in der Truppe heute so etwas wie der Leitwolf ist. Denn als Urs vor sieben Jahren zu den «Vögeln» stiess, hing seine Existenz an einem dünnen Faden. Er war mitten in einem Schub seiner affektiven Schizophrenie, rauchte Marihuana in rauen Mengen und stand kurz vor dem Rausschmiss aus seiner Wohnung.

Als Urs auf Niggi traf, trug er ein zwei Meter langes Kreuz auf dem Rücken, an dem Jesus hing. Urs hatte es aus einer Kirche gestohlen, aus Wut auf die Katholiken, die ihm, wie er sagte, seinen Stoff geklaut hatten. Stehli, damals Sozialpädagogin bei Pfarrer Sieber, erkannte das theatra­lische Talent des wütenden Mannes sofort. Sie sorgte dafür, dass Jesus an seinen angestammten Platz zurückfand, Urs sein Leben wieder in den Griff bekam – und dass er seine Krea­tivität fortan auf der Bühne auslebte.

Drei Jahre nach der fulminanten Premiere kündigte Stehli ihren Job. Sie wollte ihren Traum von einem ernst zu nehmenden Theaterprojekt verwirk­lichen. «Man macht gemeinsam Theater, aber man lernt noch so viel mehr: Pünktlichkeit, Verbindlichkeit, Konfliktbewältigung und Solidarität.»

Die junge Enthusiastin lebte vom Ersparten, half ihren «Vögeln», das Leben abseits der Bühne in Ordnung zu bringen, tingelte mit ihnen von Amt zu Amt, stellte Budgets auf, machte Gefängnis- und Spitalbesuche und steckte die eine oder andere Niederlage weg. Daneben schrieb sie Konzepte, Bettelbriefe und erarbeitete Stücke. Sie blieb ruhig, wenn einer betrunken zusammenklappte, wenn ganze Szenen vergessen gingen oder wenn Urs schon zu Beginn den Schlussgag ausplauderte. Ressourcenorientiert halt.

Marcel: «Durch die ‹Schrägen Vögel› habe ich gelernt, mich zu öffnen.»
Quelle: Ursula Markus

Rauchpause im Kirchgemeindesaal. Marcel bleibt drinnen. Der schlanke 42-Jährige mit dem strohigen Blondschopf hält den Ablaufplan des neuen Stücks in seinen grossen Händen mit den schwarzen Rändern unter den Fingernägeln. Ihn führte nicht Jesus zum Theater, sondern der Wunsch, auf Drogen zu verzichten. Der Heizungsmonteur aus St. Gallen wollte ohne Heroin und Kokain durchs Leben gehen. Die Psyche rebellierte, die Einsamkeit wurde erdrückend.

Dass Marcel heute im Theater einer ist, der grosse Rollen spielt, ist alles andere als selbstverständlich. Er, der als Kind stotterte, kündigt jetzt mit klarer Stimme die nächste Szene an. «Durch die ‹Schrägen Vögel› habe ich gelernt, mich zu öffnen, auf andere zuzugehen», sagt Marcel. «Und ich fand Leute, denen ich mich verbunden fühle.» Noch immer verbringt er viel Zeit allein in seinem WG-Zimmer. Aber da ist jetzt der Montag – die Probe mit den anderen, denen man nichts vormachen muss. Mit der 39-jährigen Ma­nuela etwa, die seit vier Jahren zu den «Schrägen Vögeln» gehört und gerne mal einen Punk spielen würde, mit grünen Haaren und allem, was dazugehört.

Als sich Stehli 2014 die Chance bot, mit den «Schrägen Vögeln» am Strassen­theaterfestival Entepola in Chile teilzunehmen und im Gegenzug Jugendliche von dort in die Schweiz einzu­laden, sagte sie zu. Heute schüttelt sie den Kopf über ihre Naivität. Sie klapperte Boutiquen an der Zürcher Bahnhofstrasse ab und bat um eine Spende. Ihre Schauspieler taten es ihr gleich. ­Eine Bijouterie versprach 600 Franken, den Rest musste die Truppe mit Gagen einspielen oder von Verwandten und Bekannten organisieren.

Vor der Abreise organisierte Stehli eine Art Stresstest. Ein Ausflug in ein Obdachlosenheim im deutschen Nürnberg sollte zeigen, wer fähig war, die Regeln einer Auslandsreise einzuhalten. Sich abmelden, wenn man die Gruppe verlässt, pünktlich da sein, wenn ein Bus oder ein Zug wartet, nur so viel trinken, dass man nicht erbrechen muss. Man reiste «low-budget», schlief in Schlafsäcken auf dem Boden. «Easy mit Obdachlosen», sagt Stehli. Warum tut sie sich das selber an? Sie zögert: «Ich weiss es gar nicht so genau. Ich habe diese Menschen einfach gern.»

Manuela: «Auf der Bühne kann ich aus mir raus­schlüpfen, jemand anders sein.»
Quelle: Ursula Markus

Probewoche, Tag fünf: «Grüezi, ich bin der Tinu, ich lebe auf der Gasse, mein Hobby ist Kiffen», sagt der schräge Vogel, der eigentlich Mäse heisst. Stehli nickt ihm anerkennend zu, und Marcel, der versucht, die Fäden in der Hand zu behalten, atmet auf. Der «kleine Mäse», wie sie ihn nennen, hat die Nächstenliebe in die Truppe gebracht. Stehli ist sichtlich gerührt, als sie seine Geschichte erzählt.

Mäse stiess kurz vor der Chile-­Reise zur Gruppe. Die Leiterin erklärte ihm: «Ich kann niemanden mitnehmen, den ich nicht wirklich kenne.» Mäse verstand. Doch da waren die ­anderen «Vögel». Auch jener, der sein Leben lang Schulden gehabt hatte und erst seit kurzem ein wenig Geld auf dem Konto hat. «Wenn Mäse mitkommen darf», bot er an, «übernehme ich sämtliche Kosten.» Stehli schmolz wie heisser Käse. Einmal mehr: Plan B.

Da Mäse schwer krank ist, brauchte er Spezialbewilligungen, einen Rucksack voller Medikamente und Stehli eine rudimentäre Ausbildung in Krankenpflege. Doch bereits bei der Ankunft auf dem Transitflughafen Toronto zeigte der Patient Entzugserscheinungen – man hatte ihr nicht alle Medikamente mitgegeben. Mäse musste acht Stunden bis Chile durchhalten. Die ganze Truppe fieberte mit – und war dann sehr stolz auf ihren tapferen Mitspieler. Den Auftritt in Santiago de Chile vor 1500 Zuschauern wird nicht nur er nie mehr vergessen.

Auch nach zwölf grossen Theaterproduktionen, vielen Auftritten im In- und Ausland und ihrem Job als Leiterin des Flüchtlingstheaters Malaika ist Stehli die Begeisterung für ihr Projekt anzumerken. Sie zahlt sich einen bescheidenen Lohn aus. Irgendwann müsse sie aber kürzertreten, sagt sie. Ihrem Privatleben zuliebe. «Mit diesen Projekten bist du 24 Stunden im Einsatz. Und irgendeine Katastrophe ist immer.» Sagts und springt schon wieder auf. Thomas, der im Rollstuhl sitzt, muss auf die Toilette.

Probewoche, Tag sieben. Ans Kürzertreten ist jetzt nicht zu denken, in einer halben Stunde ist Premiere. Der Kirchgemeindesaal ist schon halb voll, Helfer tragen weitere Stühle herbei. Draussen kocht Stehlis Freund für die Gäste. Im kargen Saal riecht es jetzt nach teuren Parfüms, das Licht ist gedimmt. Die «Schrägen Vögel» – vollständig anwesend notabene – genehmigen sich eine letzte Zigarette gegen das Lampenfieber, es herrscht höchste Konzentration.

Jeder Satz sitzt, jede Geste. Hier sind Profis am Werk, das merkt das Publikum. Es applaudiert und feiert jene, die im Alltag nicht im Rampenlicht stehen. Urs etwa, der durch die «Schrägen Vögel» einen Platz im Leben gefunden hat. Oder Marcel, der keine harten Drogen angefasst hat, seit er auf der Bühne steht.

Und natürlich klatscht das Publikum auch für die junge Frau, die jetzt im kleinen Schwarzen vor der Bühne steht. Dafür, dass sie vor vielen Jahren gemerkt hat, dass diese Menschen vom Rand der Gesellschaft viel mehr können, als man ihnen zutraut.

Informationen und Termine unter www.schraege-voegel.ch.

Veröffentlicht am 06. Dezember 2016