Beobachter: Der Dalai Lama, Führer aller Exil-Tibeter, bekannte sich schon vor Jahrzehnten zum gewaltlosen Widerstand. Ist die Gewaltlosigkeit noch immer unbestritten?
Yangchen Büchli: Wir alle treten für Gewaltlosigkeit ein. Das Ziel des Dalai Lama ist der Dialog mit den Chinesen. Friede, Meinungsfreiheit, Erhaltung der Religion und Kultur sind seine und unsere Anliegen. Das wäre bei einer echten Autonomie innerhalb Chinas möglich.

Beobachter: Glauben Sie, dass Sie auch die jungen Tibeter davon überzeugen können?
Büchli: Ich sage ihnen immer: Die wirklichen Helden sind die Demonstranten in Tibet. Sie nehmen Gefängnis und Folter auf sich. Wir müssen ihnen helfen, wir müssen den Politikern und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) Zeichen geben. Das muss friedlich vonstatten gehen.

Beobachter: Wollen Sie, dass die Staatengemeinschaft die Olympischen Spiele boykottiert?
Büchli: Alle Tibet-Organisationen sind gegen einen Boykott. Das IOC hat die Spiele nach Peking vergeben; die Athleten freuen sich auf die Teilnahme. Die Vergabe an China war jedoch ein Fehler. Blauäugig glaubte das IOC an die Versprechen der Chinesen, die Menschenrechte einzuhalten und demokratische Freiheiten, eingeschlossen die Meinungsfreiheit, zuzulassen.

Beobachter: Immerhin hat der Schweizer Delegierte Jörg Schild das IOC aufgefordert, in China zu intervenieren. Die Unterdrückung der Meinungsfreiheit lasse sich nicht mit dem olympischen Gedanken in Einklang bringen.
Büchli: Dafür sind wir Herrn Schild sehr dankbar. Wir erwarten, dass ihm das IOC folgt. Schweigen ist keine Lösung - Schweigen tötet. Das IOC muss auch dafür sorgen, dass das olympische Feuer nicht via Mount Everest und Tibet nach Peking gelangt. Das wäre doch ein Schlag ins Gesicht der tibetischen Bevölkerung.

Beobachter: Das IOC beruft sich darauf, dass es kein politisches Gremium sei.
Büchli: Das IOC hat die Spiele nach Peking vergeben, jetzt kann es sich nicht vor der Verantwortung drücken. Auch die internationale Staatengemeinschaft ist in der Pflicht. Von der Schweiz verlangen wir, dass sie nun Druck auf die chinesische Regierung ausübt und uns unterstützt. Dazu gehört auch, dass sie im Herbst den Dalai Lama offiziell empfängt. Und die Uno muss endlich zur Kenntnis nehmen, was in Tibet und China abgeht.

Beobachter: Alles noch vor den Olympischen Spielen?
Büchli: Ja. Jetzt blickt die Welt auf China. Oft genug wurde Tibet - auch von den USA - als Druckmittel gegen China benutzt und wieder fallengelassen. Nun nutzen wir den Zeitpunkt, um auf uns aufmerksam zu machen. Das ist doch legitim. Erreichen wir nichts, droht Tibet eine düstere Zukunft.

Beobachter: Olympische Spiele hin oder her - alle Staaten drängen in den riesigen Wirtschaftsraum China. Hat Tibet gegen diese materiellen Interessen eine Chance?
Büchli: Richtig, die Welt wird wieder auf den neuen Glamour blicken. Das Wirtschaftswunder China blendet selbst die Amerikaner. Soeben strichen sie die Volksrepublik China von der schwarzen Liste der Staaten, die die Menschenrechte mit Füssen treten. Nach den Olympischen Spielen werden auch sie - und nicht nur sie - nicht mehr hinter die Fassade blicken wollen. Die Umweltzerstörungen, die rechtlosen chinesischen Bauern und die unterdrückten Minderheiten werden dann kein Thema mehr sein.

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Zahlen und Fakten zu Tibet, China und der Schweiz
1912 Der damalige Dalai Lama proklamiert die Unabhängigkeit Tibets.
1949 Die Volksrepublik meldet ihren Anspruch auf Tibet an.
1950 Einmarsch der Volksbefreiungsarmee in Tibet. Der erst 15-jährige heutige Dalai Lama übernimmt die Regierung.
1951 Tibet erhält theoretisch eine gewisse Autonomie und Religionsfreiheit.
1959 Ausbruch des grossen Tibeter-Aufstands. Die chinesische Armee schlägt ihn nieder. Der Dalai Lama und Hunderttausende Tibeter verlassen das Land. Zirka 80'000 Tote sind zu beklagen.
1967-76 Kulturrevolution in Tibet; Klöster, Schulen und Bibliotheken werden zerstört.
1989 Neue Unruhen in Tibet. Der Dalai Lama erhält den Friedensnobelpreis.
2008 Am 10. März, anlässlich des 49. Jahrestags des grossen Aufstands, brechen in Lhasa Unruhen aus, die auch auf Provinzen mit tibetischer Bevölkerung (Gansu, Qinghai, Sichuan) übergreifen.

Zwischen 3600 und 4000 Tibeter leben in der Schweiz. Im Parlament haben sie starken Rückhalt: 150 Nationalräte und 27 Ständeräte gehören der Parlamentarischen Gruppe Tibet an. Für Tibet wurden bisher 65 parlamentarische Vorstösse eingereicht, sieben mehr als zum Krisenherd Palästina.

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Yangchen Büchli, 52, ist Präsidentin der Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft. Ihre Eltern flohen vor den chinesischen Besatzern. Mit neun kam Yangchen Büchli zu Pflegeeltern nach Brugg. Mit 14 Jahren wandte sie sich ihrer Heimat zu; sie ist seit 28 Jahren Tibet-Aktivistin.