Beobachter: Die neue Tierschutzverordnung kennt bei der Nutztierhaltung lange Übergangsfristen. Vollspaltenböden bei Schweinen etwa müssen erst 2018 verschwinden. Erst dann ist es auch verboten, Schafe dauerhaft anzubinden. Das ist doch nicht tierfreundlich.
Hans Wyss: Bei den Nutztieren spielt immer der ökonomische Aspekt eine Rolle. Wesentliche Änderungen, die Umbauten bedingen, benötigen deshalb eine Übergangsfrist. Bei der neuen Verordnung ging es darum, einen gangbaren Weg zwischen Tierwohl und Ökonomie zu finden.

Beobachter: Die Bauernlobby hat sich also durchgesetzt?
Wyss: Der Widerstand von Tierhalterorganisationen war zu Beginn sehr stark. Diese Kompromisse sind das Resultat intensiver Auseinandersetzungen.

Beobachter: Die neue Verordnung geht den Bauern immer noch zu weit. Sie sagen, ihre Wettbewerbsfähigkeit werde geschwächt.
Wyss: Der Bauernverband fordert, dass es keine neuen Bestimmungen mehr geben soll, wenn man in Verhandlungen um den Freihandel einsteigen will. Eine andere Sicht aber zeigt, dass ein guter Standard bei der Tierhaltung auf dem freien Markt ein Verkaufsargument ist.

Beobachter: Mit den langen Übergangsfristen hat die Verordnung doch gar keinen Biss.
Wyss: Das würde ich so nicht sagen. Viele Tierhalter werden während der Übergangsfristen den neuen Standard erfüllen. Ein grosser Teil wird sogar auf Labelprogramme umsteigen, die einen höheren Standard haben. Bereits heute sind zwei Drittel der Nutztiere in Labelprogrammen, die etwa eine besonders tierfreundliche Stallhaltung verlangen.

Beobachter: Laut dem Schweizer Tierschutz werden die bereits bestehenden Vorschriften teilweise nur mangelhaft eingehalten. Wie garantieren Sie, dass die neuen besser umgesetzt werden?
Wyss: Es gibt zwei zentrale Verbesserungen: Mit dem neuen Gesetz wird es in jedem Kanton eine Tierschutzfachstelle geben. Und neu enthält die Verordnung für alle wesentlichen Tierarten klare Bestimmungen. Und somit klare Massnahmen beim Feststellen von Mängeln.

Anzeige

Hans Wyss ist seit 2003 Direktor des Bundesamts für Veterinärwesen.