Das Beste, was ein Präsident für seine Partei im Vorfeld der Wahlen tun kann, ist, spektakulär zu verunfallen. Zu diesem Schluss kommt das SRG-Wahlbarometer vom September: CVP-Parteipräsident Adalbert Durrer (Bild), als Inlineskater ein Sturzpilot, habe «vor allem wegen seines Beinbruchs Sympathien gewonnen». Prompt legte seine Partei im Wahlbarometer um einen Prozentpunkt zu.


Ganz nach dem Motto: Jedes Ereignis dient der Werbung, ob positiv oder negativ. Wenn das Schule macht, muss man sich um die Gesundheit von Ursula Koch, Franz Steinegger oder Ueli Maurer in den nächsten Tagen ernsthaft Sorgen machen.


Nimmt man die Meinungsumfragen der letzten Monate als bare Münze, sind die kommenden Nationalrats- und Ständeratswahlen allerdings längst entschieden: Grosse Siegerin wäre die SVP (plus fünf Prozent), leicht zulegen dürfte auch die SPS (plus ein Prozent), während die FDP und die CVP – trotz Durrers Beinbruch – zu den Verlierern zählen würden.


Die Fehlprognosen von 1995

Doch die Pulsmesser der öffentlichen Meinung nehmen die politischen Temperaturen oft ungenau. So wurden bei den letzten eidgenössischen Wahlen 1995 vor allem der SVP deutliche Sitzgewinne, der Freiheits-Partei und der SPS ein leichter Zuwachs, den Grünen und der CVP hingegen starke Verluste vorausgesagt.

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Eine ziemlich falsche Prognose: Die SPS erzielte mit 15 Sitzgewinnen einen in diesem Ausmass unerwarteten Erdrutschsieg. Die SVP legte «nur» fünf Sitze zu. Und die als grosse Verliererin gehandelte CVP – ihr wurden bis zu 15 Mandatsverluste vorausgesagt – hielt sich mit nur einem Sitz weniger relativ gut. Richtig lagen die Demoskopen nur beim Debakel für die Grünen und beim Treten an Ort der FDP.


Auch bei den Zürcher Kantonsrats- und Regierungsratswahlen vom April dieses Jahres haben sich die Meinungsforscher geirrt: So sagte Isopublic für Radio Z die Wahl von Ruedi Aeschbacher (EVP) und Dorothee Jaun (SP) in die Kantonsregierung voraus, während den beiden Kandidaten Christian Huber (SVP) und Ruedi Jeker (FDP) eine Abfuhr prophezeit wurde. Es kam anders: Aeschbacher und Jaun blieben draussen, Huber und Jeker wurden komfortabel gewählt.

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Die Umfragen des Instituts Link für den «Tages-Anzeiger» sagten zwar alle sieben Regierungsräte richtig voraus, lagen aber bei der Rangierung arg daneben: Weder das glänzende Resultat von Huber (3.) noch die Zitterpartien von Ernst Buschor (7.) und Verena Diener (6.) wurden vorausgesehen.


Doch Schelte gibts nicht nur für die Demoskopen, sondern auch für einen Teil der Medien. «Anstelle von Interpretationen liefern sie vermeintliche Facts», erklärt Sibylle Hardmeier, Oberassistentin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich.


Hardmeier sieht zwei Stolpersteine: die statistischen Unschärfen und die Krux mit rein zufällig ausgewählten Befragten. Werden beispielsweise 600 Personen ohne Gewichtung ihrer Parteibindung befragt, ist das Resultat eine Lotterie. Geben da 20 Prozent an, sie würden die FDP wählen, können es in Wahrheit auch 16,8 oder 23,2 Prozent sein – so gross ist der mögliche statistische Stichprobenfehler.

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«In der Schweiz, wo bereits Verschiebungen von zwei Prozent einem politischen Erdrutsch gleichkommen, braucht es genauere Stichproben», fordert Hardmeier. Selbst bei 1400 nach dem Zufallsprinzip Befragten beträgt der Streubereich noch plus oder minus 2,7 Prozent.


Es sind immer Momentaufnahmen

Und die Politologin legt den Finger auf einen weiteren wunden Punkt: Seriöse Umfragen mit einer genügend grossen Stichprobe kosten Zeit und Geld. Oft wird bei beidem «gespart». Die Konsequenz: «Die erhobenen Daten werden genauer genommen, als es die Statistik erlaubt.»


Noch deutlicher wird der ehemalige Berner Soziologieprofessor Peter Atteslander in einem Beitrag für die «Neue Zürcher Zeitung»: «Es wäre die Pflicht der Medien, demoskopische Momentaufnahmen nicht zu Prognosen aufzuwerten, sondern sie kritisch zu hinterfragen.»

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Viele Stimmberechtigte entscheiden nämlich erst spät, ob und wie sie wählen. Ferner sagen lange nicht alle Befragten die Wahrheit. So schneidet etwa die SPS in Umfragen meist besser ab als bei den Wahlen – seriöse Demoskopen gewichten dies entsprechend.


Doch all diesen Vorbehalten zum Trotz bedient sich auch der Bund der politischen Meinungsforschung. So teilte etwa das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport Anfang September mit, dass vier von fünf Schweizern den Zivilschutz als notwendig erachten. Natürlich hatten da alle noch die Einsätze der Zivilschützer bei den grossen Uberschwemmungen in positiver Erinnerung.


Aber auch sonst will die Landesregierung oft wissen, was das Volk denkt. Claude Longchamp, Co-Leiter des GfS-Forschungsinstituts in Bern, weiss auch warum: «Die Kunst der demoskopischen Prognose besteht darin, sich zu kratzen, bevor es juckt.»

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Die so genannte Schweigespirale

Ob und wie Meinungsumfragen das Wahl- und Abstimmungsverhalten beeinflussen, ist umstritten. Die deutsche Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann glaubt an die so genannte Schweigespirale: Eine Mehrheitsansicht zieht dank dem Mitläufereffekt eine noch grössere Mehrheit an. Wer will schon zu den Verlierern gehören? Parteien im Stimmungstief hätten daher – so Noelle-Neumann – reduzierte Chancen.


Dem widerspricht Claude Longchamp: «Gerade das gelegentliche Versagen von Wahlvorhersagen ist doch der beste Beweis, dass der Mitläufereffekt nicht entscheidend ist.» Longchamp versteht seine Gilde als Seismograf und nicht als Kompass: «Demoskopie hat die Funktion, politische Akteure handlungsfähig zu machen, handeln müssen sie aber selber.»




Mit beschränkter Haftung

Das Meinungsforschungsinstitut Demoscope in Adligenswil listet folgende Störeinflüsse auf, die die gemachten Prognosen verzerren können:

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  • Umfragen erreichen eher immobile Leute, die viel zu Hause sind. Der aktive, politikinteressierte Teil der Bevölkerung ist eher untervertreten.



  • Erfasst wird, was jemand vorgibt zu tun, nicht, was er dann auch tatsächlich tut.



  • Grundsatzstudien zeigen, dass Urnengänger und jene, die zu Hause bleiben, sich in ihren politischen Ansichten deutlich unterscheiden. Die Demoskopen müssen also herausfiltern, wer tatsächlich wählen geht.



  • Umfragen werden in der Regel mehrere Wochen vor dem Urnengang gemacht. Die Meinungsbildung setzt aber meist erst in den letzten zwei bis drei Wochen ein.


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