Das Unheil zeichnete sich für den Sexualstraftäter Markus W. (Name der Redaktion bekannt) ab, als er Mitte Januar im Gefängnis Thorberg BE in eine Abteilung mit verschärften Haftbedingungen verlegt wurde. Da konnte etwas nicht stimmen, stand doch die baldige Freilassung bevor. «Doch man sagte mir, die Verlegung sei nur aus logistischen Gründen notwendig», erinnert sich Markus W.

Der Therapeut gilt als Hardliner
Welche Logistik dahintersteckte, erfuhr der 51-jährige Verwahrte eine Woche später: Die Luzerner Vollzugsbehörde hatte beschlossen, sich über die Empfehlungen von diversen Gutachtern hinwegzusetzen und Markus W. nicht zu entlassen. Dabei hatte sogar die als äusserst streng geltende Innerschweizer Fachkommission «Gemeingefährliche Straftäter» die Freilassung empfohlen. Nicht Knall auf Fall, aber schrittweise über einen offenen Vollzug, begleiteten Urlaub und externe Arbeit. Auch liegen diverse Gefängnisführungsberichte vor, die Markus W. grosses Verantwortungsgefühl, Sozialkompetenz und hohen Arbeitseinsatz attestieren. Er wirke beruhigend auf Mitgefangene, sei freundlich und umgänglich. In 98 von 100 internen Bewertungen erhielt er die Bestnote.

Umso eigenartiger die Begründung von Jeannette Bösch Hähni, der Leiterin des Luzerner Vollzugs, zum Entscheid: Es hätten sich «sowohl die Leitung der Strafanstalt wie auch der zuständige Therapeut des Forensischen Psychiatrischen Dienstes des Kantons Bern negativ über das Verhalten der verurteilten Person geäussert». Bei diesem Therapeuten handelt es sich um Oberarzt Ralph Aschwanden. Ein Hardliner, der nach einer einzigen, fünf Minuten dauernden und im Streit beendeten Besprechung mit Markus W. dessen chemische Kastration empfahl. Daraus leitet man nun ein «hohes Rückfallrisiko» ab, was aber durch kein psychiatrisches Gutachten bestätigt wird. Im Gegenteil: Die Gemeingefährlichkeit von Markus W. entspreche heute der «eines Normalbürgers» - zu diesem Schluss kommt Gutachter Piet Westdijk, der W. mehrmals getroffen hat.

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Wer soll entscheiden dürfen?
Letztlich entscheidet aber eine politische Behörde über den Verbleib von Markus W., und das ist problematisch: Die im Massnahmenrecht spezialisierte Oberrichterin Marianne Heer fordert schon lange, «dass ein Gericht über die Entlassung von Verwahrten entscheidet - wie im Tessin und teilweise in der Westschweiz». Denn in politischen Behörden herrsche immer «die Angst vor gewissen Medienkampagnen, sobald ein ehemaliger Vergewaltiger rausgelassen wird», erklärt der renommierte Strafrechtsprofessor Günter Stratenwerth. Er sieht im Entscheid der Luzerner Vollzugsbehörde einen klaren Verstoss gegen Schweizer Recht: «Eine Verwahrung muss aufgehoben werden, wenn der Grund dafür - nämlich die Gemeingefährlichkeit - wegfällt.» Die in Luzern zuständige Justizdirektorin Yvonne Schärli-Gerig lässt derweil ausrichten, dass solche Entscheide nicht in ihren Aufgabenbereich fielen - obwohl die Vollzugsbehörde ihr untersteht.

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Sandra Sutter-Jeker, die Anwältin von Markus W., erhofft sich nun vom Verwaltungsgericht eine Korrektur des Behördenentscheids.