Ich habe die Liebe gefunden. Sie ist 66 Jahre alt, 150 Zentimeter gross und wohnt in Zürich.

Ich stolperte über sie auf der Suche nach einem Menschen, der seinen Namen dem römischen Gott der Liebe verdankt. Ich wollte wissen, wie es sich mit einem so befrachteten Namen lebt. Wird man gehänselt? Fällt einem vieles zu im Leben, nur weil man so heisst? Und vor allem: Färbt der Name ab?

49 Personeneinträge zeigt das offizielle Telefonbuch unter «Amor». Und 14 Firmen, darunter eine Kartenlegerin aus dem Tessin (zwei Franken pro Minute). Wer Amor heisst, stammt meist aus Tunesien, der Rest ist überwiegend spanischer Herkunft. Manche heissen Amor mit Nachnamen, andere mit Vornamen.

Ich musste mich entscheiden. Kaum leuchtete mir ihr Name vom Bildschirm entgegen, war es klar: Rosa Amor – die würde es sein! «Rose» passt nun mal besser zu «Liebe» als zum Beispiel Matthew (Sie mögen mir verzeihen, Herr Amor aus Rebstein SG, falls Sie dies lesen).

Aber würde diese Rosa Amor mit mir reden mögen? Würde sie auch etwas Spannendes zu erzählen haben?

Sie mochte und sie hatte.

«Ohne Liebe aufgewachsen»

Frau Liebe stammt aus La Coruña im Nordwesten Spaniens. Sie ist eine äusserst zierliche Person. Fast könnte man sie übersehen, wäre da nicht ihre Ausstrahlung: zuversichtlich, herzlich, vertrauenerweckend. Und ihr wacher Blick.

Anzeige

Sie hatte es mit dem Leben wie die meisten von uns mit der Liebe. Nicht gerade einfach. «Ich bin ohne Liebe aufgewachsen», erzählt Rosa. Dafür lernte sie schon als Kind, was harte Arbeit ist. Bis sie 14 war, musste sie bei verschiedenen fremden Familien schuften. Die Schule kam zu kurz. Mit 17 wanderte sie in die Schweiz aus, um das zu tun, was sie schon als Kind getan hatte: arbeiten. Das tat sie auch, bis zur Pensionierung vor ein paar Jahren. Als Mädchen für alles in der Restauration, als Kassiererin, später als Bäckereiverkäuferin und dann lange Jahre als Krankenpflegerin. Sie musste, denn ihr Mann konnte wegen seiner Krankheit immer wieder keiner Arbeit nachgehen. Manchmal war die Ehe schwierig. Vor 14 Jahren starb der Mann an Krebs.

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.
Anzeige

«Eigentlich bin ich katholisch, wie die meisten Spanier», sagt sie, «aber ich finde, die Kirche als Institution hat kaum etwas mit der christlichen Lehre zu tun.» Noch heute ärgert es sie, dass sie sich jahrelang ein schlechtes Gewissen machte, weil sie einmal mit einer Bekannten einen protestantischen Gottesdienst besucht hatte. «Die von der Kirche sollen Gutes tun und sich ansonsten nicht in unser Leben einmischen.»

«Dieselben herzlosen Muster»

«Ich wollte immer ein guter Mensch sein, das wurde uns ja auch eingetrichtert, und nicht immer besonders zimperlich», sagt Rosa. «Aber das war so schwierig.»

Irgendwann begriff sie: Wer sich selbst nicht liebt, kann auch andere nicht lieben. «Aber das war noch schwieriger!» Sie habe keinen Grund gesehen, sich selber zu mögen, ihre Eltern hatten es ja auch nicht getan.

Anzeige

Immer wieder spricht Rosa von einem Archiv im Kopf, in unserer Gefühlswelt, das all unsere Verhaltensmuster beherbergt. «Viele davon wurden uns schon als Kind beigebracht, von Menschen, die ebenfalls unglücklich waren und dieselben starren und herzlosen Muster in sich trugen.»

Dieses Archiv will sie ausmisten. Auch wenn sie mit der Kirche nichts am Hut hat, betet sie jeden Abend. Mit einem selbsterfundenen Gebet: «Ich liebe mich. Ich verzeihe mir. Ich nehme mich an, wie ich bin.» Und wenn sie wie früher manchmal mit ihrem Mann mit jemandem im Unguten ist, fügt sie noch hinzu: «Ich verzeihe dir, dass du nicht so sein kannst, wie ich mir das wünsche.»

Wer das Telefonbuch aufschlägt und aufs Geratewohl jemanden anruft, kann durchaus die Liebe finden.

Autor: Andrea Haefely
Bild: Luxwerk
Illustration: Thilo Rothacker

Anzeige