Kawumm! Der Boden des Rings biegt sich unter der Wucht der fallenden Körper. In den Ecken des hell erleuchteten Kampfrings nehmen die Männer erneut Anlauf und stürmen aufeinander los. Aus vollem Lauf stossen die beiden zusammen. It’s wrestling time! Marshal T. und Disco Inferno lassens zu kunstvollen Hebefiguren krachen – meist auf ihre breiten Rücken.

«Marshal, zeigs ihm!», ruft jemand aus dem Publikum. «Hopp Schwiiz.» Doch Disco Inferno hat Marshal im Schwitzkasten und drückt mit seinem mächtigen Unterarm zu. Sein Gesicht verzieht sich, der Schweiss trieft. Marshal schlägt mit dem rechten Bein aus, rafft sich auf und bringt Disco mit einer geschickten Drehung zu Fall. Das Glück währt nur kurz; Disco gewinnt schliesslich die Oberhand und den Zweikampf.

Disco, ein John-Travolta-Verschnitt in knallengen Zebrahosen und Leopardenfell-Blazer, gibt den Part des arroganten Lackaffen aus Amerika. Ständig fährt sich der 105-Kilo-Mann mit einer Bürste durch das Haar und streicht sich nach jedem Überschlag die Frisur glatt. Aus den Lautsprechern plärrt «Disco Fever». Die Armbewegungen zum Song hat sich Disco Inferno den Tanzfilmen aus den siebziger Jahren abgeguckt. Selbst wenn er am Boden liegt und ihm der Gegner sein Knie in den Rücken rammt, hört er nicht auf, seine Arme im Takt zu bewegen.

Wrestling oder Catchen, diese Mischung aus Ringkampf und Show, ist in Amerika seit Jahren höchst beliebt. Stars der World Wrestling Federation (WWF) wie Chris Jericho, Steve Austin oder der Urvater der Wrestlingszene Hulk Hogan sind längst Millionäre. Die WWF-Stars balgen sich vor Zehntausenden von Zuschauern in ausverkauften Hallen. Einer von ihnen, Jesse «The Body»Ventura, nutzte gar seine Popularität und liess sich zum Gouverneur des US-Bundesstaats Minnesota wählen. Die Schweizer Fangemeinde kennt diese Begeisterung nur aus dem Fernsehen. Gerade mal 80 Leute finden sich ein zum «Battle» in der Winterthurer City-Halle.

Marshal T. alias Thomas Heri kommt aus Buchs ZH. Er hat sich, wie alle Kämpfer, ein Pseudonym mit eigenem Charakter zugelegt. «Gimmick» nennt das die Fachwelt. Heri hat sich für eine Rolle des Guten, des Vertreters von Recht und Ordnung, entschieden. Der Swiss Wrestling Federation, dem Schweizer Schauringer-Verband, fehlte ein Polizist. So wurde Thomas Heri Marshal T. Das Gute gewinnt nicht immer über das Böse, aber oft. Ganz wie im richtigen Leben und genau nach vorheriger Absprache unter den Ringern.

Beschimpfungen gehören dazu


Das Publikum buht während des gesamten Kampfs Disco Inferno aus. «Disco sucks!», schimpft die Fangemeinde dem Kampfviereck, das auch beim Wrestling unsinnigerweise Ring genannt wird, entgegen. «Shut up!», brüllt der Discokönig zurück und stachelt die lautstarken Betrachter zu neuen Höchstleistungen an. Schliesslich gehören gegenseitige Beschimpfungen zum guten Ton. Das Wrestlingpublikum soll als aufgebrachte Masse selbst Bestandteil der Show werden. Bei 80 Zuschauern kein leichtes Unterfangen.

Show hin oder her: Wrestler sind trainierte Athleten. «Nachahmen sollte man die Kämpfe zu Hause in der Stube nicht», sagt Thomas Heri, der jeden Mittwoch im Schweizer Wrestling-Hauptquartier in Winterthur trainiert und daneben viel Krafttraining macht. «Das ist nötig, um einen so wuchtigen Kämpfer wie Disco Inferno in die Luft heben zu können.»

Im geschundenen Körper muss auch ein gesunder Geist schlummern. «Wrestling ist wie Schach. Sehr anspruchsvoll. Das ist keine primitive Prügelei, sondern eine präzise Choreografie», betont Angry Steve Allison, der sich freundlich als Stefan Schwitter vorstellt.

Angry Steves Augen strahlen Ehrlichkeit und kindliche Begeisterung aus, wenn er über seinen Sport spricht. Er ist eher der Typ «netter Junge von nebenan». Trotzdem falle es ihm nicht schwer, in die Rolle des Bösewichts zu schlüpfen: «Ich wollte schon immer Schauspieler oder Sportler werden.» Im Wrestling findet der Fitness- und Personaltrainer beides und noch mehr: Freundschaft zum Beispiel.

Angry Steves Mitstreiter Golden Boy wohnt in Wangen im Kanton Schwyz. Wenn er zum Training nach Winterthur fährt, ist er noch Sascha Schnellmann und im richtigen Leben Paketpostbote. Mit Wrestling hat er letzten Oktober angefangen. Dies ist sein erster Kampf. Er musste lange darauf warten. Im Training hat er sich zuerst eine Hand und später einen Zeh gebrochen.

Seine Begeisterung dagegen ist ungebrochen. Die Showkämpfe faszinieren ihn seit je. Im Fernsehen hat er jeweils die «Moves», die Bewegungen und Handgriffe der amerikanischen WWF-Kämpfer, studiert und analysiert. Sein Pseudonym hat Golden Boy einem Boxweltmeister abgeguckt, dem Hispanoamerikaner Oscar de la Hoya. «Er ist ein Riesentalent», schwärmt Schnellmann.

Wehleidigkeit kommt nicht gut an


«Pass auf! Da, hinter dir!», kreischt ein kleiner Junge. Als wäre das Krokodil hinter dem Kasperli her, warnt der Knirps den Guten vor einem weiteren Angriff des Bösen. Golden Boy hats gehört und dreht sich um. Ein gezielter Schlag – und Angry Steve hält sich stöhnend die Nase. «Susie! Susie!», quittiert das Publikum Angry Steves Wehleidigkeit. Der erholt sich entsprechend schnell, steigt aufs höchste Ringseil und springt auf seinen Gegner. Der Goldjunge bleibt liegen. Angry Steve gewinnt.

Gewinnen, verlieren: je nach Absprache


Golden Boys Fangemeinde – Mutter, Schwester, Freundin, einige Arbeitskollegen – hat sich Plätze in der ersten Reihe gesichert. Golden Boys Freundin Sabrina teilt seine Leidenschaft fürs Wrestling: «Seit dem ersten Match, den ich gesehen habe, bin ich begeistert», sagt die junge Frau. Sabrina und die übrigen Verwandten und Bekannten buhen Angry Steve nach Kräften aus. Lange währt ihr Ärger nicht. Schliesslich wissen sie, dass ihr Favorit das nächste Mal mit grosser Wahrscheinlichkeit gewinnen wird.

Die Soap-Opera der Muskeln wird irgendwann in den nächsten Wochen fortgesetzt. Golden Boy will die Niederlage nicht auf sich sitzen lassen. Auch Marshal T., der seinen Titel gegen Muskelprotz Disco Inferno verloren hat, will eine Revanche. «Das nächste Mal werde ich dir zeigen, wer das Gesetz ist», schreit er nach dem Kampf. «Wann und wo auch immer, ich werde den Titel zurückholen!»

Der Amerikaner kommt für eine Gage von 800 bis 1000 Dollar plus Spesen gerne wieder in die Schweiz. Und er wird das tun, was es zu tun gibt: gewinnen oder verlieren, Titel verteidigen oder abgeben – je nach Dramaturgie.

Keine Stars ohne Fanartikel. Auf dem Klapptisch liegen T-Shirts und Autogrammkarten. Daneben hat ein Pärchen Wrestlingartikel aus Mexiko ausgestellt: Ringerfigürchen, bunt bedruckte T-Shirts, kunstvolle, handgefertigte Masken, die bestens in einen Lack-und-Leder-Laden passen würden.

«Früher dachte ich, Wrestling sei doof», sagt Sandra. In Mexiko sei sie aber auf den Geschmack gekommen. «Die Mexikaner lieben Wrestling», erzählt sie. In ihrem Sortiment führt sie auch die silberne Maske des grössten mexikanischen Wrestlingstars: «El Santo». In über 60 Filmen habe «der Heilige» mitgewirkt, sagt sie mit glänzenden Augen. Besonders gefielen ihr seine Verkleidungen. Mexikanische Wrestler leben in totaler Anonymität, erklärt die fliegende Händlerin. Ihr Gesicht würden sie nie auf der Strasse zeigen.

Die Schau muss inzwischen weitergehen. Hart leuchten die Scheinwerfer eine kleine Tanzfläche vor dem Ring aus. Ein zierliches Girl mit Nietenband um den Hals und knappster Unterwäsche am Leib zeigt darauf seine Nummer. Zu düsterer Musik und eindeutig erotisch gemeinten Bewegungen reibt sie sich mit Öl ein. «Was hat das mit Wrestling zu tun?», schreit ein Zuschauer. Andere sind still beeindruckt.

Ist das gespielte oder echte Wut?


Mit fortschreitendem Abend werden die Kämpfe wilder, scheinen keinen Regeln mehr zu folgen. Einsam und verlassen steht der Ringrichter in der vorgesehenen Kampfzone. Sonny Siaki, ein weiteres Muskelpaket aus Amerika, und Darksoul ziehen es vor, neben dem Geviert aufeinander einzudreschen. Das derbe Treiben verscheucht die Zuschauer von ihren Plätzen. Ist das noch Show, oder sind die ernsthaft wütend?

Der Amerikaner Siaki, 1,86 Meter gross, 115 Kilogramm schwer, schmeisst Opponent Darksoul – ihn und die Schweiz wild verfluchend – mitten in die Sitzbänke, die wie Dominosteine umkippen. Darksoul gehört trotz düsterem Namen zu den Guten. Er befreit sich aus dem Durcheinander an umgefallenen Sitzgelegenheiten, schüttelt sich den Niederwurf aus den Knochen und schlägt bald wieder auf den geduldig wartenden Siaki ein: «Wie fühlt sich das an?», fragt er gehässig, während der US-Riese zu Boden kracht.

Tatsächlich, Sonny Siaki fühlt sich so schlecht, dass er sich geschlagen geben muss. «Deine Seele gehört mir!» ist Darksouls Motto. Dagegen nützt nicht einmal Siakis Unterarmtattoo: «In God I trust».

Sonny Siaki, der Star des Abends, ist ennet dem Grossen Teich eine Wrestlingikone. Nach der Kampfshow wartet eine Begleitung auf ihn: Die attraktive, langhaarige Frau ist sichtlich um sein leibliches Wohl besorgt.

Wie es ihm in der Schweiz gefällt? Doch, er geniesse es sehr, meint der Hüne. «Was ich im Ring über die Schweiz gesagt habe, war übrigens ein Witz», lacht er und gibt, bevor er mit der hübschen Frau den Schauplatz in Richtung Zürich verlässt, lässig noch ein paar Autogramme.

Quelle: Werner Koschig