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Aids-MedikamenteNach Südafrika geliefert, in Europa verkauft

Mehr als zwei Jahre lang hat ein Schweizer Geschäftsmann HIV-Medikamente aus Südafrika nach Europa importiert. Die Mittel waren für die Ärmsten bestimmt und daher stark verbilligt.

Der von Swissmedic Ende 2015 abgeschlossene Fall zeigt: Längst nicht alle verbilligten Medikamente gelangten zu den Bedürftigen.

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Wäre da nicht der blöde Zwischenfall in einer Apotheke in Delmenhorst bei Bremen gewesen, die Geschäfte von M. K. würden wohl weiterhin prächtig laufen. Mit einer simplen Reklamation beendete aber ein Kunde im Juni 2009 das lukrative Geschäftsmodell. Er brachte eine Packung des HIV-Medikaments Combivir in die Apotheke zurück, weil er entdeckt hatte, dass ein Teil der in der Schachtel steckenden Blister leer waren.

Die Apotheke schickte die beanstandete Packung an den Hersteller GlaxoSmithKline, und dort stellte man Erstaunliches fest: Blister, Beipackzettel und Schachtel waren gefälscht,  aber die Medikamente waren echt. Durchsuchungen in mehreren Apotheken im Raum Bremen führten zum Pharmahändler Ernst S. auf der Insel Sylt – und von dort geradewegs nach Zürich zu M. K. Dies zeigt eine Ende März rechtskräftig gewordene Strafverfügung von Swissmedic, die dem Beobachter vorliegt.

Arzneimittel aus dem Hilfsprogramm abgezweigt

Der ehemalige Banker K. war der Dreh- und Angelpunkt des Geschäfts auf Kosten von HIV-Infizierten in Südafrika – und er machte satte Profite damit: Swissmedic geht von rund 900'000 Euro und 140'000 britischen Pfund aus, die M. K. eingestrichen hat.

Der heute 70-Jährige machte sich dabei gemeinsam mit südafrikanischen Komplizen die grassierende Aids-Epidemie am Kap zunutze. Damit sich die Immunschwächekrankheit in Entwicklungsländern nicht noch weiter ausbreitet, hatten verschiedene Medikamentenhersteller gemeinsam mit Uno-Organisationen Ende der 90er-Jahre die «Accelerating Access Initiative» ins Leben gerufen. Darin verpflichteten sich die Pharmafirmen, ihre Medikamente in Entwicklungsländern nur für einen Bruchteil des in Europa und den USA verrechneten Preises abzugeben.

Der von Swissmedic Ende 2015 abgeschlossene Fall zeigt jedoch, dass längst nicht alle verbilligten Medikamente zu den Bedürftigen gelangten. J. B. jedenfalls, ein südafrikanischer Geschäftsmann, der sich selber als «Medizin-Grosshändler» bezeichnet, konnte dank guten Kontakten aus dem Vollen schöpfen und praktisch alles liefern, was von M. K. für den deutschen Händler Ernst S. bestellt wurde. Möglich machten das «government people», wie J. B. in einem Mail schreibt, also Beamte, welche die Arzneimittel aus dem Hilfsprogramm abzweigten und an B.s Firma Rainbow Pharmaceuticals and Exports in Kapstadt lieferten.

Vorwand Namibia

Grosshändler B. musste danach nur noch die englischsprachigen Verpackungen und Beipackzettel für den deutschen Markt aufbereiten. Dazu bestellte er bei den Herstellern jeweils eine für Deutschland bestimmte Packung der Medikamente, und zwar eine aus der aktuellen Produktionscharge, wie die Strafverfügung von Swissmedic zeigt. Als Begründung gab J. B. dabei an, die Aids-Medikamente für deutschsprachige Patienten in der ehemaligen deutschen Kolonie Namibia zu benötigen. Dass die deutschsprachige Bevölkerungsgruppe in Namibia bloss noch ein paar Tausend Menschen umfasst, fiel niemandem auf.

J. B. fertigte originalgetreue Kopien der Verpackungen und Beipackzettel an, verpackte die Medikamente neu und liess sie über einen Mittelsmann per Flugzeug via Zürich nach Brüssel verfrachten. Dort übernahm ein Transportunternehmer, der die Ware nach Deutschland brachte.

Zahlungen via Panama

Die Akten von Swissmedic zeigen klar, dass J. B. und sein Schweizer Geschäftspartner M. K. wussten, dass ihr Tun illegal war. So erwähnt der Südafrikaner in einem Mail an K., er habe der HIV-Klinik des Friedensnobelpreisträgers Desmond Tutu Medikamente geschenkt – «als Teil meiner Tarnung». Während der Untersuchung erklärte M. K. seinerseits, er habe gewusst, dass eine Partnerin eines Geschäftspartners von J. B. bei der Desmond Tutu HIV Clinic gearbeitet habe. Es habe deshalb «wohl verschiedene Wege gegeben, wie man an diese Ware gelangt ist».

Auszüge aus der Strafverfügung von Swissmedic

Quelle: Gianluigi Guercia/AFP/Getty Images
Quelle: Gianluigi Guercia/AFP/Getty Images

Auch die Wege des Geldes verschleierte M. K. so gut wie möglich. Für die Abwicklung der Zahlungen benutzte er drei Firmen mit Sitz in Panama, die Konten bei einer Zürcher Privatbank unterhielten. Deren wirtschaftlicher Berechtigter war M. K. persönlich.

Und das Geld floss reichlich. Die rund 900'000 Euro und 140'000 britischen Pfund, die er mit den illegalen Geschäften erwirtschaftete, kann der Zürcher Geschäftsmann jedoch nicht geniessen:  Das Geld wurde von Swissmedic eingezogen. Dazu wurde M. K. wegen Widerhandlung gegen das Heilmittelgesetz zu einer bedingten Geldstrafe von 18'000 Franken, einer Busse von 8500 Franken und zur Übernahme sämtlicher Verfahrenskosten verurteilt.

«Nichts gewusst»

M. K. sieht sich selber als Opfer in der Affäre. Er habe «nicht gewusst, dass das Gesetz so etwas verbietet», erklärt er auf Anfrage des Beobachters. Persönlich habe er «nicht eine Schachtel in der Hand gehabt» und immer nur Bestellungen des deutschen Händlers Ernst S. nach Südafrika weitergeleitet.

Auch K.s Geschäftspartner J. B. in Kapstadt konnte sich nicht lange an den Gewinnen aus den illegalen Geschäften freuen. Er wurde von einem Gericht wegen Verstössen gegen das südafrikanische Heilmittelgesetz zu einer Busse von insgesamt 80'000 Rand (rund 5200 Franken) verurteilt und musste seine Firma später auflösen.

Veröffentlicht am 03. Mai 2016

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2 Kommentare

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Wetziker
Mir sind gerade die tränen geflossen als ich das gelesen habe... Wie abgestumpft und geldgeil muss der typ sein um noch den ärmsten die medikamente zu stehlen?? Bin selber betroffen und lebe gottseidank hier in der Schweiz.... 25000 fr busse?? Ein scherz.. Mein vorschlag: steckt den typ mit dem virus an und setzt ihn in Afrika aus , aber ohne geld.. ..bin traurig..

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Rolf.
Tja, so etwas nennt man doch "Handels- und Gewerbefreiheit", ein in der Schweiz verankertes Recht. Aber scheinbar gilt dies nicht für alle...

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