Die Schweiz hat die zweithöchste Ärztedichte der Welt. Allein in den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Mediziner mit eigener Praxis um fast 50 Prozent auf über 14'000 erhöht. Die Kehrseite der komfortablen Versorgung: Je mehr Ärzte es gibt, umso häufiger die Behandlungen und desto höher die Gesundheitskosten.

Für den Bundesrat ist der dreijährige Zulassungsstopp für Arztpraxen eine «Notbremse», für SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi eine «Katastrophe für die Jungen». Das ist aber zu hoch gegriffen. Denn ändern wird sich vorderhand wenig.

Immerhin dürften bis 2005 rund 1000 neue Praxen eröffnet werden – sonst wären es etwa 1500 in drei Jahren. Zum Vergleich: Im Jahr 2001 wurden gemäss Santésuisse, dem Dachverband der Krankenversicherer, 1800 Gesuche eingereicht, aber nur knapp die Hälfte davon stammte von Ärzten. Der Rest war von verwandten Berufen wie Physiotherapeuten, Hebammen oder Logopädinnen. Tatsächlich wurden 2001 rund 500 Arztpraxen eröffnet.

Das wird auch bei den in letzter Minute eingereichten 1600 Gesuchen nicht anders sein. «Ich vermute, dass nur etwa zwei Drittel der Gesuchsteller eine Praxis eröffnen werden», schränkt Santésuisse-Sprecher Peter Marbet denn auch ein.

Vorsorgliche Gesuche
«Viele der eingereichten Unterlagen sind unvollständig oder gar ungültig», sagt Harald Sohns vom Bundesamt für Sozialversicherung. Mancher Arzt habe vorsorglich ein Gesuch eingereicht, obwohl er seine Ausbildung noch gar nicht beendet hat. Dies bestätigen Umfragen bei den kantonalen Gesundheitsdirektionen, die für die Umsetzung des Zulassungsstopps zuständig sind. In Zürich sind beispielsweise rund 90 Prozent der Gesuche unvollständig. Ähnlich tönts aus Bern und Luzern.

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«Wir wissen, dass viele Ärzte in mehreren Kantonen gleichzeitig ein Gesuch eingereicht haben, um ihre Chancen zu erhöhen», sagt Roland Unternährer von der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Sanitätsdirektoren, die die Antragszahlen der Kantone sammelt. Das ist durchaus legal, die Überschneidungen treiben aber die Anzahl der Gesuche künstlich in die Höhe. «Die Zahl der effektiven Praxiseröffnungen wird sich stark nach unten korrigieren», ist Unternährer überzeugt.

«Klug eingefädelt»
Das revidierte Zahlenmaterial soll bis Mitte September vorliegen. Genau rechtzeitig zur Herbstsession des Nationalrats, in der die Revision des Krankenversicherungsgesetzes zur Debatte steht. «Da wird es dann nicht um den Ärztestopp gehen, sondern einzig um die Aufhebung des Vertragszwangs», glaubt Matthias Winistörfer, Präsident des Verbands Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte. «Das hat Bundesrätin Ruth Dreifuss klug eingefädelt», so Winistörfer. «Wir sind jetzt fast gezwungen, einer Aufhebung oder zumindest einer Lockerung zuzustimmen.»

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Laut Dreifuss gibt der Zulassungsstopp tatsächlich die Chance, nach einer differenzierten Ausgestaltung der Vertragsfreiheit zu suchen. Der zeitliche Rahmen ist gegeben: In drei Jahren – nach Ablauf des Ärztestopps – muss eine Lösung stehen, denn «eine Verlängerung des Stopps wäre fatal», meint Winistörfer.

Gesundheitspolitiker aller Parteien und Krankenkassen fordern die Aufhebung des Vertragszwangs seit langem: Nicht mehr jeder Arzt soll automatisch über die obligatorische Krankenversicherung abrechnen können. So liessen sich laut Gesundheitsökonom Willy Oggier rund 20 Prozent der Kosten einsparen.

Die angestrebte Vertragsfreiheit ist aber eine heikle Sache: Viele Patienten bangen um die freie Arztwahl, andere befürchten eine massive Machtballung bei den Krankenkassen. Deren Dachverband Santésuisse gehört denn auch zu den lautesten Befürwortern der Aufhebung. Endlich könnten sie ihnen nicht genehme Ärzte – sprich: qualitativ ungenügende und eindeutig überteuerte – von der Zahlungspflicht ausschliessen.

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Dennoch wird es wohl dazu kommen: «In der Kommission sind die meisten dafür», schätzt Toni Bortoluzzi als Präsident der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit, «jetzt müssen wir nur noch den Nationalrat überzeugen.» Der Ständerat hat die Aufhebung bereits beschlossen. Sagt auch der Nationalrat Ja, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Volksabstimmung geben. Vor allem in der Westschweiz ist der Widerstand heftig. Aber immerhin bestimmt dann das Volk, wie es verarztet werden will.