Für Schweizer Asbestopfer war es stets zu spät: Weil Gesundheitsschäden in der Regel erst 25 bis 35 Jahre nach dem Kontakt mit der gefährlichen Faser ausbrechen, traten Gerichte auf ihre Entschädigungsklagen gar nicht erst ein, da die zehnjährige Verjährungsfrist bereits vorbei war. Absurde Konsequenz: Die Arbeiter hätten klagen müssen, bevor der Krebs bei ihnen überhaupt aufgetreten war.

In Kalifornien gelten andere Fristen: Alle Klagen, die innerhalb eines Jahres nach Feststellung der Krankheit eintreffen, werden rechtlich beurteilt – unabhängig davon, wann der Betroffene dem Asbeststaub ausgesetzt war. Massgeblich ist somit nicht die Dauer der Verjährung, sondern der Zeitpunkt, von dem an sie zu laufen beginnt. «Eine sinnvolle, gerechte Regelung», findet Frédéric Krauskopf, Professor für Privatrecht an der Uni Bern. «Für Spätschäden darf es nie zu spät sein.» Krauskopf sähe eine Regelung nach kalifornischem Muster gern in der Schweiz.

Schweizer Praxis «unzulässig»

Die Chancen dafür sind intakt. Denn die Richter am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg erklärten die bisherige, vom Bundesgericht abgesegnete Praxis für unzulässig, da sie Spätbetroffenen den Zugang zum Rechtsweg verwehre. Dass die Schweiz das Urteil anficht, ist wenig wahrscheinlich. Also muss sie ihre Rechtsprechung ändern – auf welche Art, lassen die Strassburger Richter offen.

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Klar ist für Jurist Krauskopf, wer am Zug ist: «Die Gerichte dürfen nicht warten, bis der Gesetzgeber entschieden hat. Das bestehende Gesetz bietet genügend Spielraum, die Praxis im Sinn der Geschädigten anzupassen.»

Auf gesetzgeberischer Ebene laufen Bestrebungen, die Verjährungsfrist bei Personenschäden auf 30 Jahre auszudehnen. Weil dabei jedoch nach wie vor vom schadenverursachenden Ereignis aus gerechnet wird, bleibt für Krauskopf «das Willkürliche» erhalten. Auch die Strassburger Richter halten in ihrem Urteil explizit fest, die von der Schweizer Politik geplante Revision bringe «keine gerechte Lösung».

Einiges deutet also auf eine künftige Verjährungspraxis, die auf den Stichtag abstellt, an dem eine Krankheit sichtbar wird. Kommt es tatsächlich dazu, würde Rechtswissenschaftler Krauskopf eine solche Regelung – wie in Kalifornien – vorerst auf den Asbestbereich beschränken, sonst würden Klagen von geschätzten 1000 bis 2000 Betroffenen in der Schweiz blockiert. Andere Gebiete mit möglichen Spätfolgen, etwa die Nano- oder die Gentechnologie, müsste man gesondert anschauen.

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