Peter Voser hatte alles genau berechnet und geplant. Dieses Jahr, mit 63, wollte sich der ­gelernte Automechaniker und LKW-Chauffeur aus dem aargauischen Hägglingen frühzeitig pensionieren lassen. Nach dem Tod seiner Frau vor vier Jahren hatte er eine neue Liebe gefunden. Mit ihr wollte er seinen Ruhestand genies­sen. Den grossen Garten pflegen. Den alten Cadillac auf Vordermann bringen für die Hochzeit seiner Tochter. Zeit in seinem Ferienhaus im Bündnerland verbringen. Das Leben auskosten. Doch es kam alles anders.

Zur Pensionierung kam die Diagnose

Peter Voser verbringt manche Tage fast ausschliesslich im Liegen, weil ihm der Schnauf zum Aufstehen fehlt. An guten Tagen geht er einkaufen, doch im Laden ist er froh, wenn er sich auf den Einkaufswagen stützen kann. Voser hat Brustfellkrebs, Ursache: Asbest. Während seiner Ausbildung zum Automechaniker in den frühen Siebzigern kam er in Kontakt mit dem gefährlichen Stoff. «Die Bremsen enthielten Asbest. Beim Reinigen der Beläge staubte es immer gewaltig, doch uns hat nie jemand darauf hingewiesen, dass es schädlich sein könnte, den Staub einzuatmen», sagt er. «Und Schutzmasken gab es keine.»

Im letzten Juli, mehr als 40 Jahre später, stellte man bei Peter Voser die Krankheit fest. Eine Gewebeprobe belegte, dass Asbest an seinem Krebs schuld ist. «Es war ein Schock. Aus­gerechnet jetzt, wo ich mich zurücklehnen wollte, kam diese Diagnose», sagt er. Die Ärzte könnten ihm nicht einmal sagen, wie lange er noch zu ­leben habe. «Gestern ging es mir so schlecht, dass ich dachte, das sei es nun gewesen. Heute ist es etwas besser», sagt er. Was ihm daneben besonders zu schaffen macht: «Es war bekannt, dass Asbest gefährlich ist. Doch gewarnt wurden wir nicht.»

Quelle: Pascal Mora


Voser ist nicht der Einzige, dem es so erging. Asbest hat rund 1500 Menschen in der Schweiz das Leben gekostet, jährlich kommen etwa 120 neue Fälle dazu. In anderen Ländern haben Erkrankte ihre früheren Arbeitgeber und Versicherer teilweise erfolgreich auf Schadenersatz verklagt. Hierzulande geht das nicht. Zwar ist eine ­Klage grundsätzlich möglich, doch die Verjährungsfrist ist mit zehn Jahren ab dem letzten Kontakt mit Asbest viel zu kurz angesetzt.

Typische Asbestkrankheiten wie die Asbestose, Lungen- oder Brustfellkrebs brechen meist erst 20, 30 oder sogar 40 Jahre nach dem Kontakt mit dem gefährlichen Stoff aus. Betroffene müssten also klagen, bevor sie überhaupt wissen, dass sie krank sind. «Das ist absurd und rechtlich unhaltbar. Faktisch haben die Betroffenen keinen Zugang zum Gericht», sagt David Husmann. Der Zürcher Anwalt vertrat das unterdessen verstorbene Asbestopfer Hans Moor und zog den Fall des ehemaligen Alstom-Mitarbeiters bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg. Dies, nachdem das Bundesgericht eine Haftungsklage wegen der Verjährung abgelehnt hatte. Die Richter in Strassburg gaben Husmann Mitte März 2014 auf der ganzen Linie recht: Sie befanden, die Schweiz verletze mit ihrer Verjährungsfrist das Menschenrecht auf ein faires Verfahren.

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Das höchste Schweizer Gericht zaudert

Für Anwalt Husmann und seine Mandantin, Moors Witwe, war es ein wichtiger Sieg – doch gebracht hat er bislang nichts. Statt das Urteil aus Strassburg umzusetzen und den Fall neu aufzurollen, sistierte das Bundesgericht Anfang April das entsprechende Revisionsverfahren. Politisch liefen derzeit verschiedene Abklärungen zur Verjährung und zu allfälligen Entschädigungen von Asbestopfern, begründeten die höchsten Richter ihr Zaudern. So soll das Verjährungsrecht überarbeitet werden, ausserdem steht im Nationalrat eine Motion der Kommission für Rechtsfragen im Raum, die einen Fonds zur Entschädigung von Asbestopfern fordert.

Im Februar berief der Bundesrat zudem einen runden Tisch mit Vertretern von Arbeitgebern, Gewerkschaften, Opferorganisationen und des Bundesamts für Gesundheit (BAG) ein. Er soll unter der Leitung von alt Bundesrat Moritz Leuenberger Lösungen finden. Auch darauf beruft sich das Bundesgericht: «Können die Betroffenen aus einem Fonds oder im Rahmen ­einer Lösung des runden Tischs entschädigt werden, wäre eine Revision des ­bundesgerichtlichen Urteils allenfalls nicht mehr erforderlich.»

Die geplanten Fristen sind zu kurz

«Das grenzt an Rechtsverweigerung», sagt Frédéric Krauskopf, Professor für Privatrecht an der Uni Bern. «Das Urteil aus Strassburg war eindeutig, die Kläger haben ein Recht auf ein Verfahren.» Dieses werde ihnen nun erneut nicht zugestanden respektive auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben. Zudem gebe auch die Schaffung eines Fonds keine befriedigende Antwort auf die menschenrechtswidrige Verjährung von Spätschäden: «Das Problem stellt sich nicht nur bei Asbest, sondern in jedem Fall von Spätschäden.»

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Die aktuellen politischen Aktivitäten bringen auch den heutigen Asbest­opfern gar nichts. Bei der Anpassung des Verjährungsrechts hatte der Bundesrat vorgeschlagen, die Frist für ­Asbestopfer auf 30 Jahre zu erhöhen, doch konnte sich das Parlament nur auf 20 Jahre einigen. Für Opfer ist das einerlei: Beide Fristen sind zu kurz. Zudem würde die Änderung nur für neue Fälle gelten und greift nicht rückwirkend. Die erwähnte Motion für ­einen Entschädigungsfonds, dessen Finanzierung unklar ist, wurde zurückgezogen angesichts des runden Tischs. Dieser wiederum war eigentlich für Betroffene gedacht, die nicht bei der Suva versichert sind.

«Keiner will Verantwortung übernehmen, die Opfer werden im Stich gelassen.»

David Husmann, Anwalt

Das Bundesgericht mag die Sistierung nicht kommentieren. Man nehme ausserhalb der Urteilsbegründung grundsätzlich nicht Stellung zu einzelnen Entscheiden, schon gar nicht in hängigen Verfahren. Moritz Leuenberger, Leiter des runden Tischs, möchte sich ebenfalls nicht äussern, «um dessen Erfolg nicht zu gefährden».

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Klar scheint derzeit nur so viel: Die nächstliegende Lösung, nämlich eine kürzere Verjährungsfrist, die erst ab Krankheitsbeginn zu laufen beginnt, ist im Gegensatz zu anderen Ländern in der Schweiz politisch nicht durchsetzbar. «Sie wird offenbar von der Mehrheit als wirtschaftsfeindlich taxiert und darum abgelehnt», glaubt Anwalt David Husmann. Stattdessen werde das Thema weitergereicht wie eine heisse Kartoffel. «Keiner will Verantwortung übernehmen, die Opfer werden im Stich gelassen.»

Voser will 200'000 Franken vom BAG

Besonders der Bund habe sich bisher aus allem herausgehalten. «Als er den runden Tisch einberief, wies der Bundesrat explizit darauf hin, dass er ­keine aktive Rolle übernehme, sondern nur die Plattform zur Verfügung stelle», sagt Husmann, der als Präsident des Vereins für Asbestopfer selber in diesem Gremium sitzt.

Doch mit der Passivität des Bundes soll nun Schluss sein. Husmann vertritt auch den an Brustfellkrebs erkrankten Peter Voser. Und in diesem Fall will er nun trotz der ungeklärten Verjährungsfragen nicht nur die Suva auf Schadenersatz verklagen, sondern auch das BAG. «Es hätte schon damals die Pflicht gehabt, die Bevölkerung vor gefährlichen Stoffen zu warnen, und hat dies unterlassen», erklärt er den Schritt. Für Peter Voser fordert Husmann vom BAG knapp 200'000 Franken Schadenersatz und Genugtuung. Die Untätigkeit der Schweizer Justiz im Fall Moor will Husmann an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte berichten – in der Hoffnung, so lasse sich etwas bewegen.

Peter Voser schlägt sich derweil noch mit weiteren Problemen herum. Als LKW-Fahrer war er selbständiger Unternehmer und bei einem privaten Anbieter gegen Unfall und Invalidität versichert. Zudem arbeitete er Teilzeit als Buschauffeur und war wie alle Arbeitnehmer bei der Suva versichert. Inzwischen ist klar, dass er zudem ­eine volle IV-Rente erhalten wird, da er nicht mehr arbeitsfähig ist.

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«Ich habe jahrelang hohe Prämien gezahlt und nun muss ich – todkrank – jedem Rappen hinterherrennen.»

Peter Voser

Doch wer bezahlt nun was? «Es ist ein Riesenchaos. Als Durchschnittsbürger hat man keine Chance, da durchzublicken, und die Versicherungen sind die Letzten, die einen über die eigenen Ansprüche aufklären. ­Jeder versucht, sich zu drücken und die Leistungen auf einen anderen abzuschieben», sagt Peter Voser. Ohne Anwalt sei es unmöglich, zu seinem Recht zu kommen. «Ich finde das ­unsäglich, schliesslich habe ich jahrelang hohe Prämien gezahlt, und nun muss ich – todkrank – jedem Rappen hinterherrennen.»

Dabei gehe es ihm ums Prinzip und nicht ums Geld, so Voser. «Lieber wäre ich gesund», sagt er und schaut sich um in seiner Stube, die er eigenhändig renoviert hat und jetzt eigentlich geniessen wollte.