2001 wurden in der Schweiz 947 Jugendliche wegen Gewaltdelikten verurteilt. Knapp 58 Prozent von ihnen stammen aus dem Ausland. Murat, 18, ist einer von ihnen. Verurteilt wurde er wegen Körperverletzung, Raub, Rauschgifthandel und Diebstahl. Mit 15 führte er eine Gang an; mit 16 wurde er von Skinheads verprügelt. Fortan fehlten ihm drei Schneidezähne.

Die Kollegen verspotteten ihn. «Das war der Anfang von allem», erklärt er. Murat lebt heute in einem Erziehungsheim.

Für die Gewalt vieler jugendlicher Ausländer machen Fachleute eine typische Desorientierung verantwortlich: Viele der Heranwachsenden ziehen mit mehrjähriger Verzögerung zu ihren Eltern in die Schweiz. Die neue Kultur, die andere Sprache sind ihnen fremd; auch die eigenen Eltern sind ihnen fremd geworden. Die Pubertät verunsichert sie zusätzlich. Das Geld, das ihnen in die alte Heimat geschickt wurde, machte sie dort zu kleinen Dorfkönigen – in der Schweiz bricht dieser Status schlagartig zusammen. Renato Rossi, Direktor der Baselbieter Arbeitserziehungsanstalt Arxhof: «Der Zustand ist für diese Jugendlichen mit plötzlicher Erblindung vergleichbar. Es ist ihnen praktisch unmöglich, Signale zu interpretieren.» Daraus entstehen enorme Ohnmachtsgefühle – und «Ohnmacht ist der Schlüssel zur Gewalt», so Rossi.

Ein weiterer Faktor für Gewalt ist Armut. Die Working-Poor-Rate bei Immigranten liegt bei 12,2 Prozent – doppelt so hoch wie bei den Schweizern. Bei Lehrstellen werden Einheimische bevorzugt. Ohne Perspektiven schwindet auch der Respekt.