Mit einem Touristenvisum und Schulden in Höhe des Flugtickets kam die kolumbianische Mutter in die Schweiz. Sie hatte Arbeit in einer vermeintlichen Kinderkrippe angenommen und wollte mit dem Erlös ihre Familie ernähren. Doch die Kinderkrippe entpuppte sich als Haushalt, und die Frau wurde zur Arbeit als Dienstmädchen gezwungen. 14 Stunden betrug die Arbeitszeit pro Tag, sieben Arbeitstage zählte die Woche. Das Visum lief aus, Lohn war nicht in Sicht.

Eines Tages geriet die Kolumbianerin beim Einkaufen in eine Polizeikontrolle. Sie verschwieg den Grund ihres Aufenthalts, weil sie Repressalien gegen ihre Familie in Kolumbien befürchtete – solche waren ihr vom Arbeitgeber mehrfach angedroht worden. Die Frau wurde als illegale Aufenthalterin ausgewiesen und nahm das traumatische Erlebnis sowie ihre Schulden mit nach Hause.

Für Doro Winkler, Mitarbeiterin im Fraueninformationszentrum Zürich (FIZ), ist dies ein klassischer Fall von Frauenhandel, ebenso wie eine erzwungene Heirat oder Zwangsprostitution. Das Informationszentrum berät Migrantinnen und wird mehrmals pro Monat mit Lebensläufen konfrontiert, die dem anonymisierten Beispiel gleichen. Nach den Erfahrungen der FIZ-Mitarbeiterinnen werden Verstösse von illegalen Aufenthalterinnen gegen das Ausländergesetz häufiger geahndet als solche von Frauenhändlern.

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Petition verlangt neue Identität
Eine Petition, die das FIZ-Team am 15. März bei den eidgenössischen Räten einreichte, verlangt unter anderem Schutz vor Ausschaffung, Straffreiheit, Polizeischutz, eine neue Identität für Betroffene und Schutz für deren Angehörige im Herkunftsland. Betroffene sollen auch dann geschützt werden, wenn sie nicht bereit sind, im Strafverfahren auszusagen. Die Initiantinnen verweisen auf ähnliche Gesetze in den Niederlanden und in Deutschland.

Von Januar 1997 bis August 1998 wurden dem Bundesamt für Polizeiwesen 32 Fälle von Menschenhandel in der Schweiz gemeldet, Anzeigen gab es aber keine. «Mit einer Aussage gefährden sich die Frauen selber. Um dies zu vermeiden, brauchen sie vorab einen legalen Aufenthaltsstatus», sagt die Rechtsanwältin Susanne Bertschi, Mitglied der Kommission für Migration und Integrationsfragen des Kantons Basel-Stadt. Touristenvisa, Bewilligungen als Selbstständigerwerbende für Prostituierte oder auch humanitäre Aufenthaltsgenehmigungen wären solche Möglichkeiten.

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Keine Zeugenschutzprogramme
Für Ausländerinnen, die zu Aussagen gegen Frauenhändler bereit sind, gibt es schon heute gewisse Schutzmassnahmen, wenn sich die Betroffenen legal in der Schweiz aufhalten. Diese Massnahmen gehen allerdings nicht so weit, wie es die Petition verlangt.

Viele kantonale Strafprozessordnungen kennen Zeugnisverweigerungsrechte, polizeilichen Personenschutz und Möglichkeiten, die Identität eines Zeugen zu unterdrücken. Das Opferhilfegesetz von 1991 gewährt Beratung, Schutz und Entschädigung für die Opfer von Straftaten und wahrt deren Rechte im Strafverfahren.

Dagegen sind Schutzprogramme, die über den Prozess hinausgehen und dem Zeugen eine umfassende neue Identität verschaffen, in der Schweiz unbekannt. Sie sind auch in Zukunft nicht vorgesehen.

Kritiker fragen denn auch, ob ein verstärkter Schutz für Opfer von Frauenhändlern von anderen Migrantinnen nicht missbraucht werden könnte. Doch Doro Winkler hält entgegen: «Wer so fragt, sucht den Missbrauch bei den Falschen.»

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