Ende Dezember publizierte ein Untersuchungsausschuss des britischen Unterhauses einen vernichtenden Bericht über hohe Verluste bei der Lagerung des Grippemittels Tamiflu. Die Verluste waren durch die schlechte Bewirtschaftung des 424 Millionen Pfund (633 Millionen Franken) teuren Lagers entstanden.

Als Nebenprodukt seines eng gefassten Auftrags stiess der Untersuchungsausschuss jedoch – mit spürbarem Erstaunen – auf ein wesentlich grösseres Problem. Er stellte fest, dass Regierungsstellen rund um den Globus sich nicht einig sind, ob das Grippemittel Tamiflu von Roche tatsächlich die Gefahr von Lungenentzündungen und Todesfällen reduziert, weil die vollständigen Beweise für die Wirksamkeit nicht öffentlich zugänglich sind.

Anders gesagt: Niemand kann eine fundierte Meinung über den Nutzen von irgendwelchen Behandlungen abgeben, und schon gar nicht über Behandlungen mit Tamiflu, denn die Resultate von klinischen Forschungen werden Ärzten, Forschern und Patienten routinemässig vorenthalten. Im Fall von Tamiflu weigert sich Roche seit nunmehr fünf Jahren, diese Informationen herauszugeben. Dabei verletzt das Unternehmen erstaunlicherweise keine Gesetze.

Die erste Studie über fehlende Testresultate wurde 1986 veröffentlicht. Ein im Jahr 2010 publizierter Artikel der Forschungsstelle des nationalen britischen Gesundheitsdienstes NHS fasst rund ein Dutzend weitere Studien zum selben Thema zusammen. Die Chance, dass die Resultate einer klinischen Studie publiziert werden, liegen demnach bei ungefähr 50 Prozent. Es ist wenig überraschend, dass Versuche mit positiven Resultaten eine doppelt so hohe Chance haben, publiziert zu werden, als Versuche mit negativen Resultaten. Die Beweise für die Wirksamkeit eines Medikaments sind somit möglicherweise tendenziös. Dabei werden die Informationen nicht einfach aus Nachlässigkeit nicht publiziert, sondern aktiv zurückgehalten, wenn sie von Forschern verlangt werden.

Ärzte wie ich können unmöglich fundierte Entscheidungen über die beste Behandlungsart treffen, wenn die Informationen, auf die wir uns abstützen müssen, derart verfälscht sind. Das Problem ist endemisch, hat ernsthafte Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit und ist seit über zwei Jahrzehnten gut dokumentiert. Wie kann es also sein, dass dieser Zustand trotzdem noch immer hingenommen wird?

Es ist verlockend, zur Beantwortung dieser Frage auf das üble Märchen von den bösen Unternehmen zurückzugreifen, selbst wenn es keine Zweifel gibt, dass die Industrie heftig gegen mögliche Veränderungen lobbyiert hat. Geheime interne Memos, die 2013 durch ein Leck an die Öffentlichkeit gelangten, zeigen, dass amerikanische und europäische Branchenorganisationen eine Lobbystrategie diskutierten, inklusive einem Plan, von der Industrie gesponserte Patientengruppen zu mobilisieren.

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Der tatsächliche Skandal liegt jedoch bei den Behördenvertretern, die uns eigentlich beschützen sollten. Es scheint, als ob Beamte bei medizinischen Aufsichtsstellen sich immer noch ein ruhiges Leben wünschen, wo sie hinter verschlossenen Türen geheime Daten wälzen können, ohne dabei von Universitäten oder gar der breiten Öffentlichkeit kontrolliert zu werden.

Das ist besonders gefährlich wenn man bedenkt, dass einige der grössten medizinischen Skandale der vergangenen Jahre – etwa mit dem Anitrheumatikum Vioxx, dem Diabetesmedikament Avandia oder eben Tamiflu – nur durch unabhängige Forscher und Akademiker aufgedeckt wurden, und auch dies oft nur nach einem langen Kampf für den Zugang zu den Resultaten von klinischen Versuchen.

In einer neuen EU-Richtlinie, gegen welche die Pharmaindustrie verzweifelt lobbyiert hat, wird zwar verlangt, dass ab 2014 die Resultate von klinischen Studien besser zugänglich gemacht werden. Doch selbst wenn diese Regelung angenommen werden sollte, so wird sie nur wenig dazu beitragen, dass in den Kliniken und Arztpraxen besser Entscheide getroffen werden können. Die überwiegende Mehrheit der Behandlungen, die heute von Ärzten verschrieben werden – Medikamente gegen hohen Blutdruck, Cholesterin, Geschwüre und andere Beschwerden – sind nicht erst Anfang Jahr, sondern teils vor zwei Jahrzehnten auf den Markt gekommen. Die neue Regelung müsste deshalb rückwirkend für die letzten 20 Jahre gelten.

Nun gibt es jedoch Hoffnung. Rund 130 Patientengruppen, die mehr als eine Million Patienten repräsentieren, haben bei «All Trials» unterschrieben, einer von mir vor einem Jahr mitgegründeten Initiative des British Medical Journal. Weitere Unterstützer sind das National Institute for Health and Care Excellence (NICE), der medizinische Forschungsrat und GlaxoSmithKline, einer der grössten Medikamentenhersteller der Welt. Dank «All Trials» hat es in den vergangenen zwölf Monaten bezüglich Transparenz bei klinischen Studien mehr Fortschritte gegeben als in den 25 Jahren zuvor. Jeder, der diese Bemühungen zu unterlaufen versucht, wird feststellen müssen, dass dass ihm nicht nur die Patienten, sondern auch die Geschichte gegenüberstehen. Medizin basiert auf Beweisen: Zukünftige Generationen werden über uns, die wir das Zurückhalten von Studienresultaten tolerieren, gleich urteilen wie wir über jene Generationen, die noch mit Aderlässen Patienten zu heilen versuchten.

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Die Kolumne von Ben Goldacre erschien zuerst in der britischen Tageszeitung «The Guardian». Übersetzung und Bearbeitung: Thomas Angeli

«Die Medizin liegt in Trümmern»: So beginnt Ben Goldacres neustes Buch «Die Pharma-Lüge». Der 1974 geborene britische Mediziner und Publizist wirft darin einen vernichtenden Blick auf die Pharmaindustrie. Anhand von zahlreichen Beispielen entwirft Goldacre darin das Bild einer Branche, der das Wohl der Patienten nichts, der eigene Profit jedoch alles bedeutet. Besonders hart geht Goldacre mit der Praxis der Pharmaindustrie ins Gericht, dass nicht alle Daten aus klinischen Studien veröffentlicht werden.

Zusammen mit der Fachzeitschrift «British Medical Journal» hat Goldacre deshalb die Initiative «All Trials» («Alle Versuche», www.alltrials.net) gegründet. Ihr Ziel ist es, auf internationaler Ebene verbindliche Regeln einzuführen, wonach Pharmafirmen grundsätzlich alle Studien zu einem Medikament publizieren müssen. Für seine Artikel ist Goldacre, der unter www.badscience.net eine eigene Website betreibt, mit verschiedenen Preisen für Wissenschaftsjournalismus ausgezeichnet worden.

Ben Goldacre

Quelle: Thinkstock Kollektion