Die schärfsten Gesetze nützen nichts, wenn sie nicht vollzogen werden. So müssten seit 1992 die Zapfhähne so ausgerüstet sein, dass beim Tanken möglichst wenig Benzindämpfe (Benzol) entweichen. «Für diese Stoffe wurde keine Schwelle nachgewiesen, unterhalb derer keine Gefahr für die Gesundheit besteht», hält ein Bericht des Bundesamts für Umwelt fest. So genannte Gasrückführsysteme an den Zapfhähnen sollen verhindern, dass Giftdämpfe in die Umwelt gelangen.

Doch funktionieren die nur schlecht oder gar nicht. Normalerweise kontrolliert die Branche die Geräte selber. Kürzlich wollte es die Aufsichtsbehörde des Kantons Solothurn aber wissen: Das Amt für Umwelt nahm Stichproben. Freundlicherweise waren diese einige Wochen im Voraus angekündigt worden. Amtschef Markus Egli gibt sich «erschrocken über die schlechten Resultate». Fast bei jedem dritten von 109 kontrollierten Zapfhähnen entweichen mehr Benzindämpfe als erlaubt.

Im Kanton Zürich ist die Situation nicht besser. Hansjörg Sommer vom Zürcher Amt für Umwelt schätzt, dass ein Viertel aller Zapfhähne schlecht funktioniert. Diese Quote sei «eindeutig zu hoch». Denn: «Benzol verursacht Krebs.» Gefährdet sei vor allem das Tankstellenpersonal.

Dieser ungenügende Vollzug der Luftreinhalteverordnung ist schon lange zu beobachten. Bereits im Jahr 2000 entwich bei jedem dritten Zapfhahn zu viel Benzol. Bei jedem fünften Hahn funktionierte die Gasrückfuhrpumpe überhaupt nicht. Damals streute sich die Branche Asche aufs Haupt und gelobte Besserung. Passiert ist wenig. Immerhin, so die Antwort des Autogewerbeverbands, der die Funktionstüchtigkeit der Zapfsäulen kontrolliert, habe die Zahl der Hähne, die überhaupt nicht funktionierten, abgenommen.

Die Benzinbranche blockt seit Jahren
Der Solothurner Aufsichtsbeamte Egli zeigt sich erschrocken; umso mehr erstaunt das Fazit seines Berichts. Er fordert nicht, wie zu erwarten wäre, dass nun alle Tankstellen mit Geräten nachgerüstet werden, die automatisch abstellen, wenn zu viel Giftdämpfe entweichen - wie in Deutschland üblich. Nein, die Aufsichtsbehörde findet es gar in Ordnung, dass die Branche sich weiterhin selber kontrolliert. Das Vollzugskonzept des Autogewerbeverbands habe sich «bestens bewährt», sagt Markus Egli dem Beobachter: «Wir möchten der Vereinbarung mit dem Autogewerbeverband nochmals eine Chance geben.»

Die Tankstellenbetreiber werden ihre Freude haben an derart netten Aufsichtsbeamten. Man könnte sich auch fragen, wieso man über 10'000 Franken für einen Bericht ausgibt, der einen Missstand aufdeckt und dann keine Folgen hat. Seit Jahren wehrt sich die Branche vor allem aus wirtschaftlichen Gründen gegen die Installation von automatischen Abschaltsystemen. Heute führt BP Schweiz auch technische Gründe ins Feld. Zudem sei der Benzolgehalt im Benzin gesenkt worden.

Immerhin: Der Kanton Zürich verlangt den Einbau solcher Geräte - allerdings nur bei neuen Tanksäulen. Und was unternimmt die zentrale Aufsichtsbehörde? Ulrich Jansen vom Bundesamt für Umwelt kündigt vorerst Stichproben in weiteren Kantonen an. Sollten diese die schlechten Resultate von Solothurn bestätigen, «müssen wir uns ernsthaft überlegen, automatische Abschaltsysteme für obligatorisch zu erklären». Interessant: Bisher hat man sich das offenbar nicht «ernsthaft» überlegt.

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