Für Ethik und Moral fühlt sich hierzulande die Christlichdemokratische Volkspartei (CVP) zuständig. Die «christlich-ethische Fundierung», heisst es auf der Homepage der Partei, sei ihr «Qualitätsmerkmal».

Von wegen: Während in Deutschland eine heftige Debatte über die Embryonenforschung tobt, während sich US-Präsident George W. Bush beim selben Thema unter den Augen der Weltöffentlichkeit nur mühsam zu einer Stellungnahme durchringen kann, herrscht in der helvetischen Politlandschaft das grosse Schweigen. Auch bei der Partei mit dem C.

«Embryonale Stammzellforschung hier in der Schweiz?», fragt CVP-Nationalrätin Rosmarie Dormann ungläubig. Davon habe sie noch nie etwas gehört. Beim Generalsekretariat der CVP fühlt sich die zuständige Spezialistin «nicht kompetent» und verweist an Ständerat Peter Bieri, der eine entsprechende Arbeitsgruppe gebildet habe. «Eine Arbeitsgruppe?», fragt dieser. «Nein, die gibt es noch nicht.» Seine Entschuldigung: «Die anderen Parteien sind auch nicht weiter als wir.»

Das stimmt. Unsere Politiker scheint es wenig zu kümmern, dass die Naturwissenschaftler im Begriff sind, ethische Grenzen zu verrücken. «Es geht um viel mehr, als um die Forschung an embryonalen Stammzellen», sagte kürzlich Wolfgang Frühwald, Präsident der deutschen Humboldt-Stiftung; es gehe um die Kernfrage: «Was ist der Mensch?»

Die Frage stellt sich auch in der Schweiz. Bis im September will sich der Schweizerische Nationalfonds entschieden haben, ob er mit Steuergeldern die Forschung an embryonalen Stammzellen finanzieren soll. Die Forschungsratspräsidentin des Nationalfonds, Heidi Diggelmann, geht von einem positiven Entscheid aus, wie sie unlängst gegenüber dem «Tages-Anzeiger» ausführte.

Die Schweiz ist in der Biomedizin weltweit an der Spitze. Und die Forscher schwingen auch selber das Zepter. «Die Schweizer», freut sich der an der Genfer Universität tätige deutsche Altersforscher Karl-Heinz Krause, «machen nicht solch ein grosses Aufheben um die Biomedizin wie die technikfeindlichen Deutschen.»

In Krauses Heimat wird seit Monaten heftig über die Lockerung des Embryonenschutzgesetzes diskutiert. Es geht um Menschenwürde, Eugenik und ethische Grenzen der Medizin. «Wer solche Entscheidungen allein der Wissenschaft überlassen will, verwechselt die Aufgaben von Wissenschaft und Politik», sagte der deutsche Bundespräsident Johannes Rau.

Anzeige

In der Schweiz hat Altersforscher Karl-Heinz Krause gemeinsam mit seiner Berufskollegin Marisa Jaconi beim Schweizerischen Nationalfonds einen Antrag um finanzielle Unterstützung für die Forschung an embryonalen Stammzellen gestellt, um daraus Herzmuskelzellen zu züchten. Bei der Gewinnung der hoffnungsträchtigen Stammzellen wird der Embryo getötet. In der Schweiz ist dies jedoch verboten.

Doch man hat längst eine Gesetzeslücke gefunden: «Der Import von embryonalen Stammzellen», sagt Forscher Krause, «ist nicht explizit verboten.» Mit anderen Worten: An Zellen von im Ausland getöteten Embryonen kann geforscht werden. Diese spitzfindige Auslegung stützt sich auf juristische und ethische Gutachten. Sowohl die Ethikkommission der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften als auch der Neuenburger Rechtsprofessor Olivier Guillod – bis vor einem Jahr selber Kommissionsmitglied – haben diese Ansicht geprüft und für gut befunden.

Allerdings ist dem Nationalfonds bewusst, wie brisant das Ganze ist. «Wir stehen vor einer undenkbar schwierigen Aufgabe», sagt Ueli Winkler, zuständiger Sekretär des Nationalfonds. «Wir müssen uns entscheiden, ob wir Wegbereiter für die Embryonenforschung sein und der politischen Debatte vorgreifen sollen.»

Diese Debatte ist erst für die Beratung des Forschungsgesetzes traktandiert, das das Parlament voraussichtlich 2003 behandeln will. Darin soll auch die Embryonenforschung geregelt werden. Bloss kann die eidgenössische Politik dann vermutlich nur noch tun, was sie schon seit Jahren tut: das Gesetz der Praxis anpassen.

Der Basler Ethiker Hans-Peter Schreiber ärgert sich über die Versäumnisse der Politiker. «Wenn die Schweiz einerseits verbrauchende Embryonenforschung verbietet, gleichzeitig aber die Zellforschung an im Ausland getöteten Embryonen zulässt, ist das moralische Schizophrenie», sagt er. Die Schweiz begebe sich in ein Dilemma, aus dem sie nicht mehr herausfinden werde. «Diese Situation hätte man verhindern können, wenn man vor drei Jahren Embryonenforschung zugelassen oder aber In-vitro-Fertilisation verboten hätte.»

Anzeige

Während die Forscher den Tabubruch vorbereiten, wähnt sich die Politik in der Sicherheit einer unverbindlichen Richtlinie für Mediziner, die die Forschung an Embryonen verbietet. Doch handelt es sich dabei um eine falsche Sicherheit: Die Richtlinie wird nämlich aller Voraussicht nach noch in diesem Jahr zurückgezogen. «Mit dem In-Kraft-Treten des Fortpflanzungsmedizin-Gesetzes Anfang Jahr erübrigt es sich, sie weiter aufrechtzuerhalten», erklärt Margrit Leuthold, Generalsekretärin der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften.

Das ist eine völlig neue Betrachtungsweise. Denn ein Verbot der Embryonenforschung enthält das Gesetz nicht. Als die Sozialdemokratische Partei vor drei Jahren den Satz, «Menschliche Embryonen dürfen nicht als Forschungsobjekte verwendet werden», im Gesetz verankern wollte, legte sich die bürgerliche Mehrheit im Nationalrat quer. Genau dies, sagte der damalige CVP-Bundesrat Arnold Koller, stehe ja bereits in der Richtlinie der Akademie. Und er erachte diese als «befriedigend».

Nur: Die Richtlinie war schon damals unverbindlich, und Kontrollen haben nie stattgefunden. Richtlinien haben zudem den Vorteil, dass sie schneller ausser Kraft gesetzt sind als ein Gesetz. Inzwischen diskutiert die Akademie der Medizinischen Wissenschaften intern bereits über Embryonenforschung und über das «therapeutische Klonen», das heisst das Klonen von Embryonen zu Forschungszwecken.

Das Parlament hätte das Thema in der Frühlingssession aufgreifen können. «Aber den Parteien fehlt der Mut, sich mit dem Thema auseinander zu setzen», sagt SVP-Nationalrat Walter Schmied. Vergeblich hat der Einzelkämpfer aus dem Berner Jura versucht, die Gesetzeslücken zu schliessen. Eine parlamentarische Initiative, mit der er die Embryonenforschung verbieten wollte, wurde im März deutlich abgelehnt. Schmied blickt sehnsüchtig nach Deutschland: «Wenn solche Entscheide bei uns von ein paar Wissenschaftlern und Ethikern gefällt werden, dann ist das ein Armutszeugnis für uns Politiker.»

Anzeige

Nicht nur für die Politiker. Auch bei den kirchlichen Instanzen ist es auffallend still. «Das Thema haben wir wohl etwas verschlafen», sagt Agnell Rickenmann, Generalsekretär der Schweizer Bischofskonferenz. Trotzdem sei in der nächsten Zeit von der katholischen Kirche zu diesem Thema nichts zu erwarten, «da wir uns gegenwärtig mit der Abtreibungsfrage und der Sterbehilfe befassen». Ähnlich tönt es bei der reformierten Kirche. Am Institut für Sozialethik des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds werde das Thema zwar verfolgt, «aber bis jetzt noch nicht konkret bearbeitet», sagt Dorothea Loosli, wissenschaftliche Assistentin beim Institut.

Unterdessen überschlägt sich die Entwicklung an der wissenschaftlichen Front. Bereits haben Ärzte aus verschiedenen Ländern die ersten Klonbabys angekündigt und damit die Diskussion über die Gentechnologie um eine zusätzliche Dimension erweitert. Klonbabys sind zwar hierzulande noch kein Thema, wohl aber das therapeutische Klonen.

Ausgerechnet Christoph Rehmann-Sutter, seit kurzem gewählter Präsident der Ethikkommission und gewissermassen die höchste bioethische Instanz, hat in der «Schweizerischen Ärztezeitung» die dafür nötige Gesetzeslücke gefunden. Die Bundesverfassung, schreibt Rehmann-Sutter, verbiete zwar «jede Art des Klonens». Therapeutisches Klonen sei womöglich trotzdem nicht strafbar, weil der Embryo ja nicht für die Herbeiführung einer Schwangerschaft, sondern für die Forschung hergestellt werde. Zudem werde beim therapeutischen Klonen keine Samenzelle, sondern ein Zellkern (Nukleus) in die Eizelle gebracht. Und: «Nukleustransfer ist vom Buchstaben des Gesetzes nicht abgedeckt», so Christoph Rehmann-Sutter.

Anzeige

«Hätten wir im Gesetz ein generelles Embryonenforschungsverbot», sagt SVP-Mann Walter Schmied, «hätten wir diese Wortklauberei heute nicht.» Stattdessen öffnet die dürftige Gesetzesgrundlage den Forschern Tür und Tor. So reden die Mediziner in der Regel nicht von Embryonenforschung, sondern von therapeutischer Forschung, wenn sie bei der Zeugung von Retortenbabys dem Embryo «zu einer besseren Überlebenschance» verhelfen. Wie weit ein Arzt bei seinen «diagnostischen oder therapeutischen Experimenten» gehen will, liegt in seinem Ermessen.

Die Gentechkritikerin Florianne Koechlin fordert eine Atempause. «Diese Euphorie und diese Hektik, mit der ethische Barrieren durchbrochen werden, sind gefährlich.» Schliesslich wisse noch niemand, ob die Erwartungen in die Biomedizin überhaupt erfüllt werden könnten. Sie fordert auch Alternativen zur Forschung an embryonalen Stammzellen. «Ich werde mich vehement dagegen wehren, einen potenziell einzigartigen Menschen – also den Embryo – zum industriellen Rohstoff zu machen.»