«Vor allem die Richter selbst pflegen mit viel Effort, was ein böszüngiger Zeitgenosse einmal liebevoll ihre ‹Lebenslüge› genannt hat.» Das schreibt Markus Felber, langjähriger Bundesgerichtskorrespondent der NZZ, in einem Text für einen Sammelband zum «Staat im Wandel».

Man halte am Bundesgericht krampfhaft am alten Bild eines Richters fest, der in einsamer Klause alle Urteile selbst erarbeite. Doch «aufgrund langjähriger Beobachtung kann davon ausgegangen werden, dass ein Teil der Richter überhaupt keine Urteilsentwürfe schreibt». Immer konsequenter würde diese Arbeit Gerichtsschreibern übertragen. Richter seien heute Teamchefs. Doch das mache das Gericht nicht transparent. So habe selbst das Parlament keine Auskunft erhalten, als es die Zahl der Bundesrichter neu festlegen wollte.

Felbers Text, der dem Beobachter vorliegt, wird nie veröffentlicht werden. Der Grund: Bundesgerichtspräsident Giusep Nay verfasste eine Entgegnung, die direkt im Anschluss an Felbers Text hätte gedruckt werden sollen. Darauf zog Felber seinen Artikel zurück: «Das ist Nachzensur und inakzeptabel», empört er sich.

Dem widerspricht Richter Nay: «Herr Felber stellte seinen Artikel dem Generalsekretär des Bundesgerichts zu, der ihn mir mit dessen Einverständnis überliess.» Darauf habe er den Herausgeber kontaktiert, der ihm anerboten habe, die Sicht des Bundesgerichts darzustellen, die keine direkte Entgegnung gewesen sei. Nay stimmt mit Felber zwar überein, dass Gerichtsschreiber eine sehr wichtige Funktion beim Erarbeiten eines Urteils hätten. Aber: «Seine Kritik, dass wir dies nicht wahrhaben wollen, dass wir einer Lebenslüge aufsitzen, stimmt in keiner Art und Weise.» Die Mitarbeit der Gerichtsschreiber sei übrigens auch gegenüber dem Parlament stets offen gelegt worden.

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