Ein Ehepaar mit drei erwachsenen Kindern hatte sich nach mehr als 25 Jahren Ehe auseinander gelebt und wollte sich scheiden lassen. Ein kantonaler Richter in Lausanne hatte der Ehefrau für die Dauer des Scheidungsverfahrens einen Unterhaltsbeitrag von 900 Franken pro Monat zugesprochen. Dabei wurde berücksichtigt, dass der Ehemann zwei seiner erwachsenen Töchter finanziell mit insgesamt 2000 Franken unterstützt. Dieser Betrag wurde zu seinem Bedarf hinzugerechnet – entsprechend tiefer fielen die Alimente für die Ehegattin aus.

Mit dieser Berechnung war die Ehefrau nicht einverstanden und zog die Angelegenheit bis vor Bundesgericht. Sie stellte sich auf den Standpunkt, dass die Berücksichtigung der Kinderalimente beim Bedarf des Ehegatten willkürlich sei.

Das Bundesgericht teilt diese Meinung: Die gegenseitige Unterstützungspflicht der Ehegatten sei höher zu gewichten als die elterliche Unterhaltspflicht gegenüber volljährigen Kindern. Deshalb dürften die Unterstützungsbeiträge, die der Ehemann an die mündigen Kinder entrichtet, nicht zu seinem Bedarf hinzugezählt werden, so das Urteil der höchsten Richter. Daher seien die Alimente der Ehefrau angemessen zu erhöhen.

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Bundesgericht, Urteil vom 19. Januar 2006 (5P.361/2005)