Die Eltern einer heute 20-jährigen Serbin, die seit ihrem fünften ­Lebensjahr in der Schweiz lebt, stellten im Juli 2009 für diese ein Einbürgerungsgesuch. Die Gemeindeversammlung von Amriswil TG lehnte das Gesuch wegen der Behinderung der jungen Frau ab. Begründung: Weil sie das geistige Niveau eines Kleinkinds aufweise, könne sie gar keinen eigenen ­Willen zur Einbürgerung haben.

Nachdem das Thurgauer Justiz­departement diesen Entscheid aufgehoben hatte, gelangte die Gemeinde ans kantonale Verwaltungsgericht und schliesslich ans Bundesgericht. Dieses ging in ­seinem Entscheid davon aus, dass die junge Frau die Tragweite der Einbürgerung tatsächlich nicht ­erfasse. Aber: Wäre das ein ­berechtigter Ver­weigerungsgrund, wäre eine Einbürgerung für alle Behinderten unmöglich, denen es an Urteilsfähigkeit fehle – und das sei diskriminierend.

Zudem sehe das Gesetz die Einbürgerung von Minderjährigen und Personen unter umfassender Beistandschaft vor. Urteilsfähigkeit der Einzubürgernden werde also nicht vorausgesetzt. Weiter: Die eingebürgerte Schwester der Gesuchstellerin sei ihre umfas­sende Beiständin. Sie habe die Frau in diesem Verfahren vertreten und die Einbürgerung deutlich befürwortet. Dieser Willensäusserung komme entscheidende ­Bedeutung zu.

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Bundesgericht, Urteil vom 13. Mai 2013 (1D_2/2012)