Hussein hiess der angeklagte Libanese in der ersten Verhandlung vor dem Bezirksgericht Baden AG, Ali war sein Name beim zweiten Gerichtstermin. Grund für den Namenswechsel: Seine Papiere waren plötzlich aufgetaucht. Damit alterte er auf einen Schlag um zwölf Jahre. Ali ist heute 39.

War Ali nun der skrupellose Boss einer Bande, die in der Region Baden den Heroinhandel kontrollierte? Hatte er seine Dealer im Metroshop beim Badener Bahnhof postiert und eine Asylantenunterkunft zu einem Drogenshop umfunktioniert? Handelte der selbst nicht süchtige Ali aus reiner Gewinnsucht, wie ihm das der Staatsanwalt vorwarf? Oder war er bloss eine kleine Nummer, die – bedroht von finsteren Nahost-Gestalten – ab und zu ein paar Gramm Stoff an Konsumenten verkitschte?

Der untersetzte, schwammig wirkende Angeklagte mit schwarzem, vollem Haar und dunklen, treuherzig blickenden Augen hatte während der Untersuchung zugegeben, 45 Gramm Heroin und zehn Gramm Kokain verkauft zu haben. Ausserdem habe er einmal einen Joint geraucht, was denn auch in der Anklageschrift getreulich aufgeführt war.

Alis Abnehmer belasteten ihn jedoch schwer: Mehr als ein Kilo Heroin und 112 Gramm Kokain habe er unter die Leute gebracht. Der Verkauf einer solchen Menge gilt als schwerer Fall; der Staatsanwalt forderte eine Zuchthausstrafe von neun Jahren und 15 Jahre Landesverweis.

Ein Produkt des Bürgerkriegs
Alis Lebenslauf passt in den von Krieg geschundenen Libanon. Die Schule konnte er nur bis zum 13. Altersjahr besuchen. Dann starb sein Vater, und Ali musste für den Lebensunterhalt der grossen Familie aufkommen – zuerst in einer Bibliothek, dann als Mechaniker. Später diente er als Soldat, wurde zweimal verletzt. In Beirut heiratete Ali und wurde Vater von drei Söhnen und einer Tochter.

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In den neunziger Jahren begann er seine intensive Reisetätigkeit. Er weilte mit und ohne Familie verschiedene Male an der Elfenbeinküste und in Mali und hielt sich dazwischen wieder in Beirut auf. Er habe dort Handel getrieben, unter anderem mit alten Autos, sagte Ali bei der Verhandlung. Der Gerichtspräsident bemühte sich, die Auslandsaufenthalte zeitlich zu fixieren, wobei er sich hauptsächlich auf die Einträge in Alis Pass stützte. Die Aussagen des Angeklagten blieben wirr; ihm war offensichtlich wenig an der Klärung gelegen.

Im Bann von bösen Menschen
Der Grund für das Zeit raubende Frage-und-Antwort-Spiel: Ein Zeuge hatte in der Untersuchung ausgesagt, Ali sei bereits 1996 am Letten in Zürich als Dealer aufgetreten. Damals habe er sich Hassan genannt und täglich hohe Umsätze erzielt. Ali indes beteuerte, nie zuvor in der Schweiz gewesen zu sein. Zudem habe er in dieser Zeit einen Bart getragen; der Zeuge habe ihn gar nicht erkennen können. Doch das Gericht hielt einen früheren Aufenthalt in Zürich zumindest für möglich.

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Beim Leben seiner Kinder beschwor Ali, bis 1999 nie mit Drogen in Berührung gekommen zu sein – oder wenn, dann nur mit geringen Mengen. Das Unheil habe erst mit der Einreise in die Schweiz seinen Lauf genommen. Am Zürcher Hauptbahnhof angekommen, habe er vergeblich nach seinen Geschäftspartnern Ausschau gehalten.

An ihrer Stelle seien zwei unbekannte Araber erschienen, die ihm geraten hätten, nach Kreuzlingen zu fahren und dort einen Asylantrag zu stellen. Den Pass habe er ebenfalls auf Rat seiner neuen Freunde verschwinden lassen. Im Asylantenheim sei er dann mit schlechten Menschen in Kontakt gekommen, die ihm auch Drogen angeboten hätten. Ali ernst: «Ich habe einige Male Drogen genommen. Doch dann habe ich an meine Familie denken müssen und den Konsum bleiben lassen.»

Von den schlechten Menschen kam er nie mehr richtig los, auch nicht als er in die Region Baden zog. So habe er in der Asylantenunterkunft nur Karten spielen wollen, aber auch dort seien plötzlich Drogen im Spiel gewesen. Ab und zu habe er kleine Mengen verkauft; andere Menschen aus dem Nahen Osten hätten ihm dafür jeweils zehn Franken Provision gegeben.

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Die Heroindealer seien aber so schlecht gewesen, dass Ali sie habe schlagen müssen. Diese Keilerei ging nicht spurlos an ihm vorbei; eine Weile lang stand er mit einem eingegipsten Arm im Badener Metroshop unterhalb des Bahnhofs – dort wo sich die Süchtigen mit Stoff eindeckten. Offensichtlich ein multifunktionaler Gips, denn kleinlaut gestand Ali, dass er Drogen im Gips versteckt habe – aber bloss einmal, und natürlich nur ganz wenig.

Die Zeugen machen alles klar
Mit seinen Aussagen hatte Ali vor Gericht einen schweren Stand. Denn immerhin hatten in der Untersuchung rund ein Dutzend Abnehmer bestätigt, dass ihnen Ali innert weniger Monate 1013 Gramm Heroin und 112 Gramm Kokain angedreht habe. Einige dieser Konsumenten mussten vor Gericht erscheinen. Sie lieferten den Richterinnen und Richtern die Bestätigung, dass Ali im grösseren Stil mit Drogen gehandelt hatte; sie bezeichneten ihn als «so etwas wie den Chef der Bande».

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Zeuge Giorgio, der angab, Ali vom Zürcher Letten her zu kennen, sah in ihm einen Dealer mit menschlichen Zügen. Ali habe ihm mehrmals Stoff geschenkt. Diese Aussage bestätigte auch Sandra und versicherte, für den Stoff nie andere Dienstleistungen angeboten zu haben.

Die Zeugen sagten aus, was das Gericht hören wollte. Trotzdem ärgerten drei von ihnen den Gerichtspräsidenten. Zeuge Giorgio tat dies aber nicht selbst, sondern überliess die Provokation dem Sozialarbeiter, der ihn begleitete. Der erschien mit einem Plastikbecher im Gerichtssaal und schlürfte ab und zu etwas Kaffee. Fauchte der Gerichtspräsident: «Können Sie Ihren Kaffee nicht anderswo trinken?»

Zeugin Sandra verpasste zweimal den Zug und traf erst mit Riesenverspätung ein. Und Zeugin Myriam schliesslich erschien überhaupt nicht. Ihretwegen musste die Verhandlung vertagt werden. Ihre späte Aussage belastete Ali gleichwohl. Alis Reaktion auf all die Vorwürfe: samt und sonders Lügen.

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Ein Eigentor des Angeklagten
Ein Korn Wahrheit fand der Staatsanwalt in Alis Aussagen: dass er selbst kaum Rauschgift konsumiert habe. Doch genau diese Abstinenz belastete Ali schwer. «Der Angeklagte ist nicht süchtig. Er hat aus reiner Geldgier gehandelt», so der Ankläger. Ali sei eindeutig der Kopf einer Bande gewesen – auch wenn dies in keinem Organigramm festgehalten sei. Im Badener Metroshop habe er einen schwungvollen Handel aufgezogen, desgleichen in einem Asylantenheim der Region, wo es wie in einem Wespennest zugegangen sei. 60000 Franken habe er dabei nachweislich verdient, wohl aber noch einen weit grösseren Gewinn gemacht. Dass Ali bereits am Letten viel Geld verdient habe, hielt der Staatsanwalt für erwiesen. Er verlangte neun Jahre Zuchthaus, 15 Jahre Landesverweis und die Abgabe des Gewinns.

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Der Verteidiger zweifelte die Aussagen der Zeugen an. Alle von ihnen hätten sich als unzuverlässig erwiesen. Nicht bewiesen sei die Bandenstruktur mit Ali als Chef. Die verschiedenen Händler hätten lose Beziehungen untereinander gehabt. Erwiesen sei die grosse Menge an Stoff. Und Ali bereue seine Taten. Der Verteidiger plädierte für eine zweijährige Strafe.

Das Gericht verurteilte Ali zu sechs Jahren Zuchthaus und 15 Jahren Landesverweis; zudem muss er 20000 Franken Gewinn abliefern, und sein Natel wurde als Tatwerkzeug beschlagnahmt. Den Gewinn hatte das Gericht tiefer angesetzt, weil es den Reinheitsgehalt des Heroins nicht genau eruieren konnte. Zur Abweichung vom Strafantrag führte die Unklarheit über die Stellung Alis im Drogenhandel. Ein internationaler Boss sei er nicht gewesen, jedoch ein Chef auf regionaler Ebene.

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Alis lautstarker Kommentar: «Das ist ungerecht!»