Die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt teilte am 09. 09. 2013 mit: «Im Verlauf des späteren Morgens wurde an der Gundeldingerstrasse eine jüngere Frau tot aufgefunden, welche bis zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht identifiziert wurde. Die ersten Abklärungen der Kriminalpolizei, der Kriminaltechnischen Abteilung sowie des Instituts für Rechtsmedizin ergaben, dass die Frau einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist. Der Grund der Tat und der Tathergang sind zur Zeit noch nicht bekannt.»

Tags darauf folgte der Nachtrag: Die Polizei kläre ab, ob der 39-jährige Schweizer, der sich mit einem Sprung vor den Zug das Leben genommen habe, für das Tötungsdelikt verantwortlich gewesen sei.

«Das waren Panikschreie, Angstschreie»

Ana Núñez* fühlt sich gut an diesem Sonntagnachmittag. Die 41-jährige Balletttänzerin – 14 Jahre lang war sie Solistin in einem der weltbesten Ensembles in Madrid – ist bereit für ihre letzte Saison. Sie will in Basel noch einmal alles geben. Der perfekte Abgang nach einer schönen Karriere, in der sie alles erreicht hat. Núñez ist bei sich daheim, ihre elfjährige Tochter übt Flöte, ihr Freund ist ge­rade gegangen. Da hört sie laute Schreie, schreckliche Schreie. «Ich ging sofort ins Treppenhaus, wollte helfen. Aber etwas sagte mir: ‹Hör doch, das sind Panikschreie, Angstschreie, Schmerzensschreie! Wenn du hier hilfst, bringt der uns auch noch um.›» Ana Núñez ruft die Polizei. Die Frau schreit um ihr Leben. Sie wird brutal gegen die Tür geknallt – wieder und wieder und wieder. «Irgendwann war dann nichts mehr. Einfach nichts. Totenstille.»

Sie kniet nieder und betet für die tote Frau

Endlich trifft die Polizei ein. Es kommen gleich fünf Patrouillen. Sie gehen von Wohnung zu Wohnung. Bei sechs von 16 Türen öffnet niemand. Aber sechs Wohnungen aufbrechen geht nicht. Und weil niemand sonst im Haus die Schreie gehört haben will und Ana Núñez nicht angeben kann, aus welcher Wohnung sie gekommen sind, ziehen die Polizisten unverrichteter Dinge ab.

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Ana Núñez und ihre Tochter bleiben allein zurück – und der Mörder ist im selben Haus. «Ich bin völlig ausgeflippt, konnte mich gar nicht mehr beruhigen.» Núñez tigert durch die Wohnung, geht auf den Balkon, zurück in die Küche, ins hintere Zimmer. Und immer wieder schaut sie hinab in den Vorgarten, ob da nicht die tote Frau liegt – oder der Mörder? Dann zündet sie an ihrem Altar die Kerzen an, kniet nieder und betet für die tote Frau. «Irgendjemand musste doch für sie da sein. Sie war doch so allein.»

Sie ruft ihren Freund an, er soll bitte zurückkommen. Dann flüchtet sie mit der Tochter aus dem Haus. Sie kauern sich auf dem Trottoir gegenüber unter den Regenschirm, warten, bis der Freund endlich da ist. Doch das Schlimmste kommt erst. Die Nacht. Ana Núñez zittert am ganzen Körper, kriegt kein Auge zu. Die Schreie bringt sie nicht mehr aus ihrem Kopf.

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Am Montagmorgen fährt Ana ­Núñez wie gewohnt zur Arbeit. Tanzen ist Knochenarbeit. Man tanzt immer: mit 39 Grad Fieber, wenn die Hüfte lädiert ist oder man völlig übermüdet ist. Im Tram sind alle so schrecklich normal, starren mit ihren Montagmorgen­gesichtern in ihre Handys. Sie aber denkt: «He, dort oben liegt eine tote Frau! Und der Mörder läuft frei herum. Ihr könnt doch nicht so tun, als sei nichts geschehen!»

Haben Sie sich das nicht eingebildet?

Im Ballett schliesst sie sich in der Garderobe ein. Sie heult, kann nicht tanzen. Irgendwann klingelt das Telefon. Sie soll um 15 Uhr zur Einvernahme zu Kriminalpolizei kommen. Sie wird anderthalb Stunden lang verhört, gefragt, ob sie sich auch bestimmt nicht irre. Da eröffnet man ihr, in der Wohnung gegenüber sei die Leiche einer Frau gefunden worden. «Ich habe nur noch geschrien.»

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Der Arzt schreibt Ana Núñez krank. «Wochenlang habe ich mich dafür verantwortlich gefühlt, dass ich die Polizei nicht überzeugen konnte und die Frau nicht gerettet werden konnte. Auch wenn ich nach vielen Therapien jetzt weiss, dass ich nichts falsch gemacht habe, frage ich mich noch immer: Hätte ich nicht doch helfen können?»

Ana Núñez hat den Boden unter den Füssen verloren. Sie kann nicht mehr tanzen, obwohl sie mit Tanzen bisher immer alles verarbeitet hat. Sie beginnt zu stottern, obwohl sie in ihrem Leben noch nie gestottert hat. Sie kann nicht allein Lift fahren, nicht die Treppe hoch zu ihrer Wohnung steigen. Man muss sie unten vor der Haustür abholen und hinaufbegleiten.

Und nachts, wenn sie sich ins Bett legen will, wartet immer der Mörder – mit dem Messer in der Hand. Er sei ein Schleicher gewesen. Man habe nie auch nur einen Laut aus seiner Wohnung gehört. Weder Fernseher noch Radio noch Stimmen. Auch im Treppenhaus nichts. Lautlos sei er um die Ecke gekommen, dass einen der Schauder packte. Vom ersten Moment an, als er einzog, hatte sie ein schlechtes Gefühl. Wegen dieser schreck­lichen Augen. Eine Nachbarin habe sie damals beruhigt, er sei zwar ein asozialer Typ und ein bisschen heavy, aber völlig ungefährlich. Der tue bestimmt niemandem etwas zuleide. So lautlos, wie er durchs Haus geschlichen kam, so lautlos habe er gemordet. Ausser sich – aber lautlos, wie nur ein Tier lautlos sein kann.

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Tage nach dem Mord öffnet Ana Núñez die Lifttür, und vor ihr stehen Männer, auf deren T-Shirts mit riesigen Lettern «Tatortreiniger» steht. Sie bemerkt, dass die Tür zur Nachbarwohnung offen steht, und sieht das Blut. Alles ist voller Blut. Sie läuft schreiend weg. Die Männer schliessen die Tür, Sekunden später kommt ihre elfjährige Tochter nach Hause.

*Name geändert

Quelle: Andreas Gefe

Sie steht mitten in einer Blutlache

Wochen später finden sie und ihre Tochter beim Haus ein Eile-mit-Weile-Spiel, darauf ein Zettel «zum Mitnehmen». Sie greift zu und geht ins Haus zurück. Da kreischt ihre Tochter und zeigt mit dem Finger auf den Boden. Die Mutter schaut hinab – und sieht die Blutlache. Sie steht mittendrin. Tage später erzählt die Vermieterin beiläufig, ein Hausbewohner habe kürzlich schrecklich Nasenbluten gehabt und dummerweise vergessen aufzuwischen. «Es waren solche Kleinigkeiten, die uns dann nächtelang nicht schlafen liessen.»

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Der Mord katapultiert Ana Núñez förmlich aus ihrem gewohnten Leben. «Man denkt pausenlos daran. Ich habe die Frau seither jede Minute schreien hören. Auch jetzt, wenn ich von ihr erzähle, höre ich sie. Irgendwann denkst du, jetzt hör doch endlich auf, du spinnst langsam! Aber dann hörst du, wie im Treppenhaus eine Tür ins Schloss fällt, und alles ist wieder da.»

Mitte Oktober wendet sich ihre Therapeutin an die Opferhilfe beider Basel und weist darauf hin, ihre Pa­tientin brauche zur längerfristigen Stabilisierung eine weiterführende psychotherapeutische Begleitung. Anfang Dezember teilt die Krankenkasse Ana Núñez mit: «Aufgrund der Empfehlung unseres Vertrauensärztlichen Dienstes vergüten wir Ihnen ab Behandlungsbeginn aus der Zusatzver­sicherung Ambulant II pro Sitzung maximal 60 Franken für eine Serie von 20 Sitzungen.» Für eine zweite Serie von 40 Sitzungen zahle man maximal 50 Franken pro Stunde. «Danach werden wir keine zusätzlichen Leistungen mehr erbringen.»

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Wer etwas hören muss, ist nicht Opfer

Ana Núñez, seit dem Mord krankgeschrieben, kann es nicht fassen. Für jede Therapiestunde müsste sie 121 Franken selber zahlen. Opferhilfe erhält sie keine. Sie wendet sich an die Stiftung SOS Beobachter. «Mir war schnell klar, wir müssen handeln. Genau dafür sind wir da: wenn jemand unverschuldet durch die Maschen des Sozialsystems fällt», sagt Geschäftsführer Walter Noser.

Ein halbes Jahr später, Ana Núñez ist noch immer krankgeschrieben, springt SOS Beobachter erneut ein. Sie hat endlich eine neue Wohnung gefunden. «Ein Lichtblick! Irgendwann muss das ja ein Ende haben. Wir können nicht so leben, dass wir ständig mit dieser schrecklichen Geschichte konfrontiert werden.» SOS Beobachter übernimmt die Umzugskosten.

Ana Núñez wurde Zeugin eines Mordes. Der Täter hat ihr weder physisch noch psychisch Gewalt angetan. Er hatte auch nicht die Absicht, sie in irgendeiner Form zu schädigen. Darum gilt sie – juristisch gesehen – nicht als Opfer. Sie ist bloss Tatzeugin. Die kantonale Opferhilfestelle kann ihr beratend beistehen, darf sie aber finanziell nicht unterstützen. Anspruch auf Opferhilfe hat nur, «wer durch eine in der Schweiz begangene Straftat in der körperlichen, psychischen oder ­sexuellen Unversehrtheit unmittelbar beeinträchtigt worden ist».

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Es handle sich um einen Schreckschaden, sagt der Basler Anwalt Dominik Zehntner, Mitautor des juristischen Kommentars zum Opferhilfegesetz. Deshalb komme hier im besten Fall das Unfallversicherungsgesetz zum Tragen, nicht aber das Opferhilfe­gesetz. Als Ohrenzeugin, die mit dem Opfer nicht verwandt sei, habe sie keinerlei Chancen auf Entschädigung.

Der Grund dafür versteckt sich hinter dem Begriff der Adäquanz, der Angemessenheit. Es bestehe nur ein vager, aber kein direkter Kausalzusammenhang zwischen der Tat und Ana Núñez’ Erkrankung. Für Zehntner zeigt der Fall in all seiner Brutalität: «Beim Opferhilfegesetz hat man die Tatzeugen weitgehend vergessen. Ein Missstand.»

Sie hätte Angehörige sein müssen

Jelena Riniker, die eine Dissertation über die «Opferrechte des Tatzeugen» verfasst hat, sagt: «Der Schutz von Tatzeugen ist schon von Gesetzes wegen sehr schwach. In der Praxis aber wird er so gut wie nie angewendet.» Bei Ana Núñez’ Fall fehle «die erforderliche unmittelbare Nähe zur Tat». Sie hätte Angehörige sein müssen, zumindest Augenzeugin. Zudem werde Opferhilfe praktisch nur bei sogenannten Vorsatzdelikten entrichtet: wenn der Täter die oder den Betroffenen direkt schädigen wollte. Riniker hält es wie Dominik Zehntner für unerlässlich, dass bei der Revision des Opferhilfegesetzes die Position der Tatzeugen gestärkt werden müsse. Grosse Hoffnungen machen sich die beiden Juristen nicht.

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Justizministerin Simonetta Sommaruga kündigte zwar an, ihr Bundesamt werde im Verlauf des kommenden Jahres das Opferhilfegesetz unter die Lupe nehmen und «insbesondere untersuchen, ob die finanzielle Hilfe für die Opfer ausreichend ist». Sie reagierte damit auf eine Motion aus ihrer Partei. SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr hatte gefordert: «Ein Opfer soll so viel Geld erhalten, wie für eine Therapie oder Wiedergutmachung nötig ist.»

Im Schnitt 3500 Franken Genugtuung

Das Opferhilfegesetz war 2007 bei der letzten Revision unter dem damaligen Justizminister Christoph Blocher entscheidend verwässert worden. Es wurden Höchstgrenzen für Hilfeleistungen eingeführt, um Auswüchse von Einzelzahlungen zu verhindern. Die Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen nun aber, dass die Revision dazu führte, dass Opfer heute schlechter dastehen.

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Letztes Jahr wurden in 661 Fällen Genugtuungen zur Linderung von persönlichem Leid entrichtet – im Schnitt 3500 Franken. Zum Zeitpunkt der Revision waren es 5000 Franken, vor 14 Jahren mit 7000 Franken noch doppelt so viel. Konstant geblieben ist dagegen die Zahl der Personen, die von kantonalen Opferhilfestellen beraten werden. Sie liegt bei 31'000 Fällen. Das lässt nur einen Schluss zu: Die letzte Revision des Opferhilfegesetzes ging auf Kosten der Opfer.

Diesen Trend will die SP umkehren. Aber schon jetzt ist klar: Die nächste Revision des Opferhilfegesetzes wird Augen- und Ohrenzeugen wohl nichts bringen. Sie seien nicht Gegenstand der Evaluation, erklärte Folco Galli, der Sprecher des Bundesamts für Justiz.

Menschen wie Ana Núñez und ihre mittlerweile zwölfjährige Tochter, die mitanhören mussten, wie in der Nachbarwohnung eine Frau ermordet wurde, werden in der Schweiz auch in Zukunft nicht als Opfer anerkannt.

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