Sieben Mal die Tour de France gewonnen, sieben Mal gedopt: Was der frühere Profirennfahrer Lance Armstrong, 41, der US-Talkmasterin Oprah Winfrey beichtete, überraschte in der Radsportszene kaum noch jemanden. Der Nachsatz hingegen schon: 2009 und 2010, als er sein Comeback gab, sei er die Tour de France ohne verbotene Mittel gefahren. Die Frage könnte bei allfälligen Strafverfahren wegen der Verjährungsfrist relevant sein.

Verband fehlte Geld für Tests

Nun zeigt ein internes Dokument des in Aigle ansässigen Radsport-Weltverbands UCI: Ausgerechnet 2009 und 2010 wurden gewisse Fahrer seltener kontrolliert als andere. Im Protokoll der Cycling Anti-Doping Foundation der UCI vom 18. Juni 2010 steht unter dem Punkt «Situa­tion Ende 2009» ausdrücklich: «Reduktion der Tests für ‹ältere› Athleten, aber gleiche Anzahl Tests wie 2009 für die ‹neuen› Athleten».

Im Klartext: Etablierte Fahrer – und zu denen zählte Armstrong – wurden 2009 und 2010 bei Dopingkontrollen bewusst geschont. Der Grund für die – offiziell nie kommunizierte – Massnahme: Finanzprobleme. Die UCI, die darauf verzichtete, auf konkrete Fragen des Beobachters zu antworten, hatte Anfang 2008 den sogenannten biologischen Pass eingeführt. In diesem werden die Werte aus Urin- und Bluttests der Fahrer eingetragen und zu einem Profil zusammengeführt. Daraus lässt sich der Gebrauch von unerlaubten Mitteln ab­lesen. Seine Einführung hatte aber für die UCI hohe Ver­luste gebracht, wie das Protokoll zeigt: 640'000 Franken im Jahr 2009. Das machte eine Reduk­tion der Tests nötig.

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Dass dabei ausgerechnet die etablierten Fahrer, unter denen sich viele mit einer (vermuteten) Dopinggeschichte fanden, seltener getestet wurden, ist für den deutschen Dopingexperten Fritz Sörgel «ein rein taktischer Entscheid. Aus pharmakologischer Sicht gibt es keinen Anlass, die älteren Fahrer weniger oft zu testen.»

2009 wie 2010 auffällige Werte

Sörgel, der Armstrongs Blutprofil aus jener Zeit analysierte, entdeckte zwar Unregelmässigkeiten, glaubt aber, dass es «sehr schwierig wäre, einen Athleten aufgrund dieser Werte zu sperren». Anders die amerikanische Anti-Doping-Agentur: Die Wahrscheinlichkeit, dass Armstrongs Blutwerte von 2009 und 2010 natürlich vor­kämen, lägen bei eins zu einer Million, befand sie.

Protokoll der Cycling Anti-Doping Foundation, das zu diesem Artikel geführt hat
herunterladen (PDF, 1,8 mb)

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