Stellen Sie sich vor, Sie sind 88 Jahre alt, haben ein pralles Leben voller Schaffenskraft hinter sich und keinerlei Perspektive mehr. Sie plagen sich ab unter unerträglichen Schmerzen, können wegen der vielen Tabletten kaum noch das Essen behalten, sehen bald nichts mehr und leiden unter einem Hörsturz. Das Leben ist nur noch eine Qual im Kerker des eigenen Körpers.

So ging es dem einstigen Werbe­grafiker Turo Kipf. «Die einzige Freiheit, die mir noch bleibt, ist die Freiheit, selbst über meinen Tod zu bestimmen», sagte er dem Beobachter, kurz bevor er mit Hilfe von Exit im Januar freiwillig aus dem Leben schied (siehe Artikel zum Thema «Ich will sterben»).

Kipf ist einer von knapp 400 Menschen, die allein letztes Jahr dank einer Sterbehilfeorganisation friedvoll Abschied nehmen durften von einem Leben, das ihnen aus ganz persönlicher Sicht und nach reiflichster Überlegung als nicht mehr lebenswert erschien. 

Ginge es nach Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, müsste sich Kipf noch heute plagen. Denn die Justiz­ministerin will die Suizid­hilfe wenn nicht ganz verbieten, dann mindestens prohibitiv regeln. Nur wer unter einer unmittelbar tödlichen Krankheit leidet und sich das bei voller eigener Urteilskraft von zwei verschiedenen Ärzten bestätigen lässt, soll sich künftig noch an eine Sterbehilfeorganisation wenden dürfen. 

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Menschen wie Kipf blieben also künftig gegen ihren Willen zum Weiterleben verurteilt. Es sei denn, sie wählten den einsamen, konventionellen Freitod, wie ihn jedes Jahr mehr als 900 verzweifelte Männer und über 400 Frauen verüben, ohne dass jemand dagegen einschreiten könnte. Nicht eingerechnet all jene, die mangels genauen Wissens über die Risiken bei einem Suizidversuch scheitern und so ihre Lage im schlimmsten Fall noch elender machen.

Der Entwurf des Bundesrats zur Regelung der Suizidhilfe zielt damit am Kernproblem vorbei, nämlich der Erforschung der Ursachen der hohen Selbstmordrate in der Schweiz. Noch schlimmer aber: Er greift ein in eines unserer zentralen Grundrechte. Das Recht, die Art und den Zeitpunkt des eigenen Todes selbst zu bestimmen.

Auch wenn der Staat ver­pflichtet ist, das Leben seiner Bürger möglichst zu schützen, geht es nicht an, Sterbewillige zu entmündigen, die sich ihren Todes­wunsch reiflich überlegt haben und deren einziges Ziel es ist, in Frieden, Würde und fachkundig begleitet zu sterben. Für diesen Entscheid ist niemand dem Staat Rechenschaft schuldig.

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Das Einzige, was der Staat zu über­prüfen hat, ist die Arbeit einer Sterbehilfe­organisation.

Dazu genügen unsere heuti­gen Gesetze vollauf. Der untaugliche Gesetzes­entwurf muss deshalb zurück­gewiesen werden.