Mein Tod gehört mir – so könnte man salopp unsere Einstellung zum Sterben charakterisieren. Das Ende des Lebens liegt nicht mehr allein in der Macht eines Schöpfers oder des Schicksals. Vielmehr erscheint es planbar – vor allem bei unheilbar Kranken, deren Tod abzusehen, deren Leiden unerträglich und deren Lebensüberdruss verständlich ist. Und wir haben uns daran gewöhnt, dass die Organisationen Dignitas und Exit Sterbehilfe anbieten – mit steigenden Fallzahlen. Seit Anfang des Jahres ist gar im Lausanner Universitätsspital, wo sonst um Leben gerungen wird, Beihilfe zum Freitod erlaubt. Es scheint, als würde Sterbehilfe zu einer fast normalen Dienstleistung, die man bei Bedarf in Anspruch nimmt. Das eigene Sterben wird planbar: 80 Prozent derjenigen, die bei Dignitas die Zusage für den Todestrunk haben, verzichten vorerst auf ihn.

Diese scheinbare Normalität ist fatal. Denn so nachvollziehbar der Todeswunsch in vielen aufrüttelnden Fällen ist, so zweischneidig bleibt er in anderen. Ob das eigene Leben nicht mehr lebenswert ist, kann nur jeder selbst beantworten. Doch was, wenn der Betroffene psychisch krank ist? Wenn es sich um einen Jugendlichen handelt? Wenn der Arzt, der das Rezept für das Gift ausstellt, den aus dem Ausland angereisten Patienten und dessen Geschichte gar nicht kennt? Wer garantiert, dass kein Erbe Druck ausgeübt hat, um Krankheits- und Pflegekosten zu sparen? Wer stellt sicher, dass Sterbehelfer charakterlich geeignet sind und keine finanziellen Vorteile aus ihrer Tätigkeit ziehen?

Bisher fallen solche Fragen in die Eigenverantwortung von Exit und Dignitas, wie Martin Müller und Urs von Tobel in unserer Titelstory schreiben (Siehe Artikel zum Thema «Sterbehilfe: Tod auf Bestellung»). Und obwohl die nationale Ethikkommission bereits letzten Sommer eine gesetzliche Regelung und eine behördliche Aufsicht forderte, scheint die Bereitschaft dazu sehr gering. Im Bundesamt für Justiz befürchtet man, auf diesem Weg die Sterbehelfer staatlich anzuerkennen. Konsequenz des Wegsehens: Es bleibt vorerst die Sache privater Organisationen, sicherzustellen, dass Entscheide über Leben und Tod seriös getroffen werden – ein Armutszeugnis für den Staat.

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