Für die einen ist es nur ein kleinstmöglicher Zellhaufen – fühlt nicht, denkt nicht, zappelt nicht. Für die andern ist es das Grösstmögliche überhaupt – menschliches Leben, wenige Tage nach seiner Zeugung. Darf man das embryonale Klümpchen zerstören? Die Frage ist von höchster Brisanz. Der Streit um den Schwangerschaftsabbruch gab einen Vorgeschmack. Jetzt geht es um die ethischen Grenzen der Forschung – und mithin um den Einstieg in ein Milliardengeschäft.

Denn die Wissenschaft hat den Embryo als idealen Rohstofflieferanten entdeckt. Im Winzling steckt ein grosses Potenzial:

Seine Stammzellen können sich in fast alle Arten menschlicher Körperzellen verwandeln. Daraus erhofft man sich Fortschritte bei der Behandlung von Krebs, Parkinson, Alzheimer oder Diabetes. So liesse sich eines Tages vielleicht ein menschliches Ersatzteillager heranzüchten. Nur: Wollen wir das? Und dürfen die Forscher das?

Das Ausland führt die Debatte laut und heftig. Soll man menschliche Embryonen zu Forschungszwecken klonen? Darf man ihre Stammzellen nutzen, wenn dabei der Embryo und damit heranwachsendes Leben zerstört wird? Und wie lassen sich Missbräuche, bis hin zum Klonen von Menschen, noch verhindern?

Erstaunlich ruhig bleibt es zu all diesen Fragen in der Schweiz. Man wähnt sich wohl in Sicherheit. Die Bundesverfassung und das Fortpflanzungsmedizingesetz verbieten die Gewinnung von Stammzellen aus eigens dafür produzierten Embryonen; sie verunmöglichen auch den «Erwerb» embryonaler Stammzellen. So weit alles klar – letztlich ein Verdienst der seinerzeitigen Beobachter-Initiative gegen Missbräuche der Fortpflanzungs- und Gentechnologie.

Doch kaum ist das neue Gesetz in Kraft, wird schon an seinen Buchstaben gedreht und nach Gesetzeslücken gesucht. Die Embryonenforschung sei nicht grundsätzlich ausgeschlossen, heisst es etwa. Und das Verbot, menschliches Keimgut zu erwerben, werde durch importierte, vom Hersteller geschenkte Stammzellen nicht verletzt. Absurd: Das Produzieren und das Töten von Embryonen zu Forschungszwecken wären zwar verboten, wissenschaftliche Experimente an importierten Embryonen aber erlaubt.

Höchste Zeit, dass auch in der Schweiz eine kontroverse Diskussion in Gang kommt – nicht nur in kleinen, akademischen Zirkeln. Und bevor sich die wildesten Ideen klonen.

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