Sparen ist Trumpf – jetzt nehmen die Sparapostel in der Politik die Opferhilfe ins Visier. Obwohl sie noch keine zehn Jahre existiert, hat sie schon Tausenden wirksame Unterstützung geleistet. Das Opferhilfegesetz, das Entschädigungen und Genugtuungen ermöglicht, geht auf eine Volksinitiative des Beobachters zurück. Es werden dabei keine Riesenbeträge ausgeschüttet. Kein Kanton droht daran zu verarmen. Und doch formiert sich eine breite Koalition der Knauser, die den Opfern weniger zahlen will.

Nicht jede Gewalttat hinterlässt sichtbare Spuren. Nicht jedes Opfer kann den Schaden in Franken beziffern. Geld ist zwar keine Medizin gegen körperliches und seelisches Leid. Aber es ist eine spürbare Anerkennung für erlittenen Schmerz, für Demütigung oder Angst. Eine Art greifbares Mitleid.

Sparen auf dem Buckel der Opfer ist nicht populär. Das weiss auch die hohe Politik. Zu ihrem Glück bietet die Opferhilfe Spielraum für kantonale Auslegungen und Ermessensentscheide. Und wo das Gesetz keine zwingenden Leistungen vorschreibt, soll nun abgebaut werden. Das fällt nicht so sehr auf. Akut gefährdet sind die Genugtuungen, die Gewaltopfer und ihre nächsten Angehörigen für nicht bezifferbare Schädigungen erhalten. Also zum Beispiel bei Vergewaltigung oder Kindsmissbrauch. Denn während für messbare finanzielle Einbussen laut Gesetz Entschädigungen gezahlt werden müssen, handelt es sich bei den Genugtuungen um eine «Kann»-Bestimmung.

Selbst diese geht vielen Kantonen zu weit. Ein Beispiel: Die 62-jährige A. wird in ihrer eigenen Garage vergewaltigt. Das Departement des Innern des Kantons Solothurn stellt zwar fest, dass von sexueller Nötigung, Schändung und Freiheitsberaubung ausgegangen werden muss: «Infolge ihrer körperlichen Behinderung war Frau A. nicht fähig, Widerstand zu leisten.»

Der Täter wurde nicht gefasst. Frau A. verlangte eine Genugtuung von 12000 Franken. Das schien den Solothurnern zu hoch. Obwohl der Täter «das stark eingeschränkte Abwehrvermögen von Frau A. offensichtlich skrupellos ausnützte und sie mit dem Tode bedrohte», ist solche Unbill den Behörden nur gerade 8000 Franken wert. Denn: «Die Genugtuungen sind grundsätzlich nicht in der oberen Bandbreite anzusiedeln.»

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Sparen ist eben Trumpf – nicht nur in Solothurn. Der Beobachter wird weiter darüber wachen, dass das Opferhilfegesetz nicht aus reiner Sparwut ausgehöhlt wird. Das verspricht er den Opfern. Und den Politikern.