Andreas Benz ist ein Daniel Düsentrieb. Einer, der gern knobelt und neue Lösungen sucht. Nicht aufgibt, bis er sie hat. Seine erste grosse Idee hat er als junger Student. Jahre später macht sie ihn bekannt. Doch dann begeht er diesen einen Fehler, für den er bis heute bezahlt.

Seine Tragödie nimmt ihren Anfang in den Achtzigerjahren, im Süden Deutschlands. Den Ulmer zieht es zu den schönen Künsten. Mit einer Big Band begibt er sich auf Wanderjahre, Klarinette und Saxofon stets im Gepäck. In ganz Europa lebt er die Liebe zu seinen Instrumenten.

Doch es kommt, wie es in jeder Beziehung kommen muss: Mit der Zeit fallen dem Musiker Macken auf. Eine Weile spielt er darüber hinweg, dann wirft die junge Stirn erste Falten. Schuld ist das Rohrblatt am Mundstück der Instrumente. Jeder Spieler weiss, wie mühsam es sein kann. Mal zu dick und mal zu dünn, dann nicht elastisch genug. Das kann ich besser, denkt sich Benz. Und wird Ingenieur.

Die Lehrjahre führen ihn von Deutschland in die Schweiz, von der Anstellung in die Selbständigkeit. Mit 24 ist Benz sein eigener Boss, in den kommenden Jahren übernimmt er Aufträge für Siemens, Geberit und ABB. Doch auch wenn der Ingenieur in ihm nun den Takt angibt, will der Musiker nicht verstummen.

250'000 Franken in fünf Jahren

Die Blättchen gehen Benz nicht aus dem Kopf. Also setzt er seine Idee in die Tat um: Tüftelt und spielt, tüftelt und spielt. Bis er nach zwei Jahren zufrieden ist. Seine Feinschliffmaschine produziert hochpräzise Blättchen, auf Hundertstelmillimeter exakt. Der Tüftler schenkt ihnen seinen Namen, die Benz-Reeds erobern den Markt.

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Seine frühen Vierziger sind Benz’ Meisterjahre. Mit den Arbeitsstunden steigen die Umsätze, mehren sich die Kunden. Musiker, Musikhäuser und Grosshändler wollen die Reeds, bald reisen sie um die Welt wie einst der Tüftler. Eine einzige Bestellung kann 10'000 Franken einbringen, in fünf Jahren erwirtschaftet Benz eine Viertelmillion. Doch 17 Stunden Arbeit am Tag fordern ihren Tribut, zudem kämpft Benz mit einem Herzproblem. «Ich wollte kein Händler mehr sein, sondern wieder Ingenieur. Also entschloss ich mich, die Fertigungsanlage zu verkaufen.»

Plötzlich bleiben die Zahlungen aus

Über einen Vermittler lernt er Christian Krause* kennen. Der Schreiner ist ein paar Jahre älter als Benz, Jahrgang 61, gebürtiger Deutscher. Ausgenutzt habe er ihn, schon beim ersten Treffen: «Für meine Anlage, die bekannte Marke und eine Datenbank mit 4700 Kunden wollte ich einen sechsstelligen Betrag. Krause handelte mich auf die Hälfte herunter.» Trotzdem willigt Benz ein. Im Dezember 2011 unterzeichnen die Männer einen Vertrag, am Tag vor Weihnachten kommt es zur Übergabe. 20'000 Euro erhält Benz in bar, der Rest soll in den nächsten 24 Monaten folgen. Doch nach den ersten beiden Raten stoppen die Zahlungen.

Benz ruft Krause an. Die Anlage funktioniere nicht, behauptet der wütend. «Das war vorher kein Thema. Anscheinend fehlten ein Spalter und ein Kabel – beides kann man für 15 Franken kaufen», sagt Benz. «Aber er brüllte mich an, dass er sein Geld zurückhaben wolle.»

Benz wittert Probleme und betreibt Betreibungen Wie Sie das Schlimmste verhindern Krause gleich am nächsten Tag. Dieser reagiert mit einer Kündigung des Vertrags. Darin heisst es, Benz habe nicht alles Material übergeben, dafür aber Schulden. Zudem verkaufe er selber noch Reeds. Und so spitzt sich der Streit zu, bis er zu einer Fehde wird. Die Männer holen sich juristische Hilfe und ziehen bis vor Bundesgericht.

Das Verfahren ist mühsam, es dauert fünf Jahre. Es läuft aber gut für den Tüftler. Die Behauptung «mangelhafte Übergabe» weist das Gericht zurück. Denn die Maschine war funktionstüchtig und ist es noch immer. Krause hat sie benutzt und Reeds verkauft, das gibt er zu. Im März 2017 hält das Bezirksgericht fest, dass die Kündigung des Vertrags nicht rechtmässig war. Krause schuldet Benz einen hohen fünfstelligen Betrag zuzüglich Zinsen.

Andreas Benz kosntruiert eine Maschine
Quelle: Andreas Gefe

An dieser Stelle könnte die Fehde zu Ende sein. Benz könnte sich freuen, seinen Ärger begraben. Doch Krause bezahlt keinen Rappen. Bei ihm gebe es nichts zu holen, sagt er dem Pfändungsbeamten. Er lebe am Existenzminimum Existenzminimum Was muss zum Leben reichen? , habe kein Vermögen. Das Betreibungsamt stellt deshalb Verlustscheine aus. Sobald Krause zu Vermögen kommt, kann Benz eine neue Betreibung einleiten. Wann das sein wird, weiss niemand.

Benz kocht. «Ich habe ein florierendes Geschäft verkauft! Das Geld kann doch nicht einfach verschwinden!» Zusammen mit seinem Anwalt Raphael M. Schmid recherchiert er. Findet heraus, dass sich Krauses Arbeit und Leben rund um ein grosszügiges Haus abspielen. Dass da teure Autos stehen. In Armut lebt er also nicht.

Benz’ Anwalt vermutet einen Trick. Im Jahr 2010, kurz vor Vertragsschluss, übernimmt Krause die Geschäftsführung einer Aktiengesellschaft. «Wahrscheinlich ein Mantelhandel. Krause kaufte eine ‹leere› Unternehmenshülle. In den Statuten passte er den Zweck der Firma – das Vertreiben von Benz-Reeds – extra an», so der Anwalt. «Obwohl das Bundesgericht solche Geschäfte als unzulässig erachtet, kann man nichts mehr tun, wenn der Mantelhandel bereits im Handelsregister eingetragen wurde.»

«Das ist doch alles eine Intrige! Krause* wusste, dass ich Herzprobleme hatte. Wahrscheinlich dachte er, ich sterbe, und das Problem löst sich von selber!»

Andreas Benz, Musiker und Ingenieur

Erwiesen ist, dass Krause den Vertrag zwar als Privatperson schliesst, die Blättchen aber anschliessend über die Firma vertreibt. Im Pfändungsverfahren wird sie nicht berücksichtigt, da die Aktien bereits auf Krauses Sohn überschrieben wurden. Sogar die Staatsanwaltschaft befasst sich damit und kommt zum Schluss, dass nur eine heimliche Übertragung strafbar gewesen wäre.

Der Tüftler könnte das Urteil anfechten, doch dazu fehlt ihm die Kraft. «Das ist doch alles eine Intrige! Krause wusste, dass ich Herzprobleme hatte. Wahrscheinlich dachte er, ich sterbe, und das Problem löst sich von selber!» Benz’ Meisterjahre sind vorbei, die Leichtigkeit ist verflogen. Es fällt ihm schwer, nicht zurückzudenken. Was, wenn er seine Anlage nicht verkauft hätte? Jede Zeitreise endet in der Gegenwart, wo Benz ohne Geld, Maschine und Marke dasteht.

Klage wegen übler Nachrede

Die Männer sind schlecht aufeinander zu sprechen. Keiner will nachgeben, keiner will loslassen. Als Krause ihn beschuldigt, er wolle auf kriminelle Weise an Geld kommen, wittert Benz eine Möglichkeit, seinem Gegenspieler eins auszuwischen. Umgehend klagt er auf üble Nachrede, das Gericht verdonnert Krause zu einer Geldstrafe.

Noch im gleichen Monat beginnt eine neue Untersuchung. Benz will seine Anlage zurück. Doch plötzlich behauptet Krause, er habe sämtliche Teile entsorgt. Alt und kaputt sei die Anlage gewesen, primitiv und unprofessionell. «Die Blätter machten zirka sieben Jahre lang ungefähr 5000 Franken Umsatz im Jahr. Das deckte nicht einmal die Selbstkosten», sagt er. Benz habe ihm zu viel Umsatz versprochen.

Eine Entsorgungsfirma bestätigt die Beseitigung einer grösseren und einer kleineren Maschine. Um welche es sich handelte, kann nicht eruiert werden. «Es wurden wohl nur Elemente entsorgt. Einiges lässt sich nachbauen, nicht aber das Kernstück», sagt Benz. Er bezweifelt auch, dass die Entsorgungsquittungen echt sind.

Es geht Benz am Ende um seine Maschine, vor Jahrzehnten erträumt und mühsam ertüftelt. Sein Jugendtraum zu Schrott gepresst? Das will er nicht glauben, das kann er nicht glauben. Deshalb versucht er es weiter.

Plötzlich grosser Umsatz

«Im April 2017 war Krause an einer Messe, im August – also nach der Entsorgung – verspricht er einem Kunden monatliche Lieferungen von bis zu 7600 Schachteln», sagt Andreas Benz. «Damit kommt man auf einen Umsatz von rund 128'000 Euro pro Monat. Es ist doch abwegig, eine Maschine bei solchen Einnahmen zu entsorgen.» Für Krause ist hingegen klar, dass die Bestellung von Benz selbst gekommen sein muss. «Es ist auffällig, wenn solche abnormalen Anfragen kommen. In den letzten Jahren hat sich nie jemand für solche Mengen interessiert.»

Weshalb er anderen Kunden weiterhin Reeds verkauft, kann Krause erklären. Die Blättchen stammten aus Lagerbeständen, die er abbauen müsse. Wie gross die Bestände noch sind, will er nicht verraten. Er könne die Reeds künftig aber auch durch Dritte produzieren lassen.

Die Klage wird im März 2019 abgewiesen. Laut Urteil fehlen jegliche Indizien dafür, dass Krause noch im Besitz der Anlage ist.

Benz steckt den Rückschlag ein. Doch er hat sich in den Fall verbissen. Wenn er das Geld und die Maschine schon nicht haben kann, will er wenigstens seine Marke zurück. Und tatsächlich ist das Glück nun auf seiner Seite. Im Frühjahr 2019 läuft die Marke aus – und Krause vergisst, sie zu verlängern. Also trägt Benz sie erneut auf seinen Namen ein. Krause wehrt sich zuerst, nennt seine Blättchen dann aber «Magic Reeds». Trotzdem sind sie noch unter dem alten Markennamen auffindbar und werden verkauft – auf Amazon, Ebay und weiteren Plattformen. Was tut Benz also? Er prozessiert.

Die Emotionen gehen hoch

«Benz inszeniert ein jahrelanges Schauspiel auf unsere Kosten», sagt Krause. «Es ist sein Hobby, vor Gerichte zu rennen. Nahezu jeder zweite Satz in den letzten Jahren stellte sich als Lüge heraus. Möglicherweise ist das im Balkan üblich.» Wiederholt fallen rassistische Bemerkungen – Benz ist in Ljubljana geboren. Seine Zukunft sieht Krause nicht im Verkauf der Reeds. «Die Blätter bringen keine nennenswerten Einkünfte, daher konzentrieren wir uns auf völlig andere Geschäftsbereiche», sagt er. Seine Marke will er trotzdem behalten.

Und so geht die Fehde weiter. Daniel Düsentrieb bleibt in den Mühlen der Justiz gefangen. «Ich kann nicht aufhören, ich will endlich Gerechtigkeit! Die Geschichte ist für mich erst abgeschlossen, wenn ich meine Maschine wiederhabe oder das versprochene Geld bezahlt wird.»

Andreas Benz ist ein Daniel Düsentrieb. Aber er ist auch einer, der nicht loslassen kann. Der als 53-jähriger Ingenieur genug Aufträge hat, um sich abzulenken. Der aber trotzdem ständig an seine Reeds denkt. Spätestens dann, wenn er zu Klarinette und Saxofon greift.


* Name geändert

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Jasmine Helbling, Redaktorin

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