Beobachter: Frau Bundesrätin, können Sie sich vorstellen, einmal selber Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen?
Eveline Widmer-Schlumpf: Es kommt darauf an, von welcher Art Sterbehilfe Sie sprechen. Unheilbar krank im Spital zu liegen und aktive Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, kann ich mir heute nicht vorstellen. Die lebenserhaltenden Massnahmen zurückzufahren, also passive Sterbehilfe, hingegen schon.

Beobachter: Und ein begleiteter Freitod?
Widmer-Schlumpf: Kommt für mich persönlich nicht in Frage. Ich kann mir aber vorstellen, dass es für Menschen Situationen gibt, in denen sie sich den Tod wünschen.

Beobachter: Das Bundesgericht hat entschieden, dass Sterbehilfe zulässig ist. Wieso soll sich der Bundesrat nochmals mit dem Thema beschäftigen?
Widmer-Schlumpf: Die strafrechtliche Komponente ist abgedeckt. Die andere Frage aber ist die der Ethik. Die Aufgabe des Staates ist es ja nicht, Menschen beim Sterben zu helfen, sondern Leben zu schützen.

Beobachter: Aber das Recht auf Selbstbestimmung des eigenen Todes gilt doch auch für schwer Kranke und Handlungsunfähige...
Widmer-Schlumpf: Aktive Sterbehilfe ist für mich keine Op­tion, weil ich das aus ethischer Sicht nicht vertreten kann.

Beobachter: Wenn sich ein Gesunder etwa erschiesst, ist das sein gutes Recht. Wieso soll jemandem, der nicht mehr selber agieren kann, dieses Grundrecht verwehrt bleiben?
Widmer-Schlumpf: Die Frage ist, welche Alternativen möglich sind: passive Sterbehilfe, Palliativmedizin oder indirekte aktive Sterbehilfe. Aktive Ster­behilfe aber kann nicht staatlich unterstützt werden.

Beobachter: Der Deutsche Roger Kusch, Ex-Justizminister von Hamburg, propagiert einen Tötungs­apparat, bei dem der Sterbewillige nur einen Knopf drücken muss. Eine Möglichkeit?
Widmer-Schlumpf: Ich kann so etwas nicht unterstützen. In erster Linie geht es um die Gründe, die zu einem Freitodwunsch führen. Das kann eine schwere Krankheit sein. Da können Palliativmedizin, passive oder in Einzelfällen indirekte aktive Sterbehilfe Möglichkeiten sein. Wenn jemand aber jung und gesund ist, muss man in erster Linie fragen, wieso er diesen Todeswunsch hat. Es ist doch keine Lösung, als Staat zu sagen: Soll er sich doch umbringen, wenn er will.

Quelle: Mara Truog

Beobachter: Und wenn jemand mit guten Gründen schnelle Sterbehilfe wünscht?
Widmer-Schlumpf: Wenn er das allein tun will, ist das nicht nur straffrei, sondern auch in seiner Verant­wortung. Es darf aber nicht sein, dass sich junge gesunde Menschen dafür an eine Sterbehilfeorganisation wenden können. Es darf kein Gewerbe entstehen, das jungen Menschen beim Sterben hilft, ohne zu fragen, welches die Gründe für diesen Wunsch sind und ob es nicht Alternativen gibt.

Beobachter: Gibt es Indizien, dass das heute so ­gehandhabt wird?
Widmer-Schlumpf: Es wird zumindest diskutiert, dass auch junge und gesunde Menschen die Hilfe solcher Organisationen beanspruchen könn­ten. Hier ist für mich die ethische Grenze eindeutig überschritten. Es muss doch zuerst überprüft werden, wie begründet ein Suizidwunsch ist.

Beobachter: Und wer soll diese Überprüfung machen?
Widmer-Schlumpf: Die Sterbehilfeorganisationen müssen Leute haben, die Patienten begleiten können, die die Fähigkeiten dazu haben, zu unterscheiden, zu beraten und allenfalls auch abzuraten und Hilfen anzubieten. Man geht ja gelegentlich auch zu so einer Organisation, weil man selber nicht so ganz sicher ist, ob es klappt oder ob man im kritischen Moment den Mut aufbringt, sein Leben zu beenden. Wenn ich bei einer Organisation vorgesprochen habe, setze ich mich selber unter Druck und kann fast nicht mehr zurück.

Beobachter: Dignitas-Geschäftsführer Ludwig A. Minelli behauptet das Gegenteil, nämlich dass die Sterbewilligen alleine durch die Möglichkeit des Suizids genügend beruhigt sind, um nicht mehr unbedingt sterben zu wollen.
Widmer-Schlumpf: Es wäre gut, wenn es so wäre, aber das ist nicht bewiesen.

Beobachter: Wie sieht für Sie die ideale Sterbehilfe aus?
Widmer-Schlumpf: Für mich gibt es keine ideale Sterbehilfe, nur eine Sterbehilfe, die mit ethischen Grundsätzen einigermassen ­übereinstimmt, und eine, die das nicht tut. Wenn sie auf Kommerz ausgerichtet, also gewinnorientiert ist, ist sie sicher nicht vertretbar. Wenn sie, etwa wie Exit, auch Begleitung und Beratung anbietet und Alternativen aufzeigt und erst danach allenfalls den Selbstmord ermöglichen hilft, ist das zu respektieren.

Beobachter: Sie fordern also Non-Profit-Organisationen?
Widmer-Schlumpf: Nein. Aber es kann nicht sein, dass Sterbehilfe ein Gewerbe wird, mit Bewilligungen und Gewerbevorschriften, die man bloss einhalten muss, um Sterbehilfe gewerbemässig und gewinnorientiert zu betreiben.

Beobachter: Ist staatliche Sterbehilfe ein Thema?
Widmer-Schlumpf: Es geht nicht um ein eigentliches Aufsichts­gesetz. Das hat der Bundesrat schon einmal diskutiert und verworfen. Jetzt geht es darum, dass gewisse Anforderungen an die Begleitung eines Sterbewilligen eingehalten werden. Tatsache ist, dass man nieman­den vom Freitod abhalten kann, wenn er dazu entschlossen ist. Ich werte das nicht, aber es kann nicht sein, dass jemand aus dem Ausland anreist und am nächsten Tag tot ist. Es muss eine Begleitung geben, es müssen Alternativen aufgezeigt werden.

Beobachter: Aber bei Ausländern müsste man vorab die Begleitung im Ausland kontrollieren. Wie wollen Sie das bewerkstelligen?
Widmer-Schlumpf: Wie man das sicherstellen will, kann ich Ihnen noch nicht sagen. Wir haben im Bundesrat diskutiert, dass wir das Thema nochmals aufnehmen, aber ich kann und werde Ihnen nicht sagen, welche ­Vorschläge unsere Arbeitsgruppe dem Bundesrat machen wird.

Beobachter: Aber Sie haben konkrete Vorstellungen?
Widmer-Schlumpf: Ja. Aber ich spreche sicher nicht über diese Vorstellungen, solange wir das nicht im Bundesrat besprochen haben. Sicher ist, dass wir die Sterbehilfe zusammen mit der Prävention und Palliativmedizin ­anschauen werden. Das kann man nicht trennen.

Beobachter: Liegt dem Trend zum selbstbestimmten Tod ein gesellschaftlicher Wandel zugrunde?
Widmer-Schlumpf: Menschen haben immer schon Suizid begangen. Aber es stimmt mich nachdenklich, dass immer häufiger auch gesunde alte Menschen an Selbstmord denken, weil sie niemandem zur Last fallen wollen oder einsam sind. Hier müsste die Prävention ein­setzen. Es stellt sich die Frage: Inwieweit ist die Gesellschaft gefordert, diesem Druck auf alte Menschen entgegenzuwirken?

Beobachter: Sie fürchten, dass Dignitas und Co. zu einem Notausgang für gesunde alte Menschen werden könnten?
Widmer-Schlumpf: Wenn das Motiv zum Freitod das Gefühl ist, nicht mehr erwünscht zu sein, dann muss unbedingt präventiv etwas getan werden.

Beobachter: Aber es ist ja nicht so, dass jeder Sterbe­willige bei Dignitas vorsprechen kann und dort Hilfe erhält. Es braucht immer auch einen Arzt, der das Rezept ausstellt.
Widmer-Schlumpf: Genau deshalb muss dem Freitod mit Helium, das rezeptfrei erhältlich ist, ein Riegel geschoben werden. Ein Mediziner muss meiner Ansicht nach zwingend zwischengeschaltet sein.

Beobachter: Wie gehts jetzt in der Sterbehilfe weiter?
Widmer-Schlumpf: Ich habe bereits verschiedene Gespräche geführt, mit Ethikern, Moraltheologen, Theologen, Staatsanwälten, Medizinern, auch mit Vertretern von Sterbehilfeorganisationen, und schaue mir auch ausländische Lösungen an. In der ersten Hälfte 2009 werden wir dann dem Bundesrat konkrete Vorschläge unterbreiten.

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Die Rechtslage heute

Verboten

  • Aktive Sterbehilfe: Direkte aktive Sterbehilfe leistet, wer den Tod eines Menschen auf dessen Wunsch durch einen gezielten Eingriff herbeiführt.


Erlaubt, weil gesetzlich nicht geregelt

  • Indirekte aktive Sterbehilfe: Darunter fällt das Verabreichen von Substanzen zum Zweck der Leidenslinderung, die als Nebenwirkung die Lebensdauer herabsetzen, etwa Betäubungsmittel.

  • Passive Sterbehilfe: Der Verzicht auf lebenserhaltende Massnahmen wie Beatmung oder künstliche Ernährung.

  • Beihilfe zur Selbsttötung: Die sterbe­willige Person tötet sich selber, der Sterbehelfer beschafft aber das notwendige Mittel. Handelt der Sterbehelfer allerdings aus selbstsüchtigen Motiven, macht er sich nach Artikel 115 StGB strafbar.