Der Fall der 15-jährigen Olivia, die vor rund drei Jahren von einem 82-jährigen, dementen, halbblinden Autolenker überfahren wurde, hat bei den Strassenverkehrsbehörden viel ausgelöst (siehe Artikel zum Thema «Todesfahrer: Warum musste Olivia sterben?»). «Seit diesem Fall wissen wir, dass die Strafbehörden auf uns losgehen, wenn wir Fehler machen», sagt Peter Gysin, Chef Führerzulassung bei der Motorfahrzeugkontrolle des Kantons Solothurn. Deshalb hat sein Amt die Verfahren gestrafft und macht bei widersprüchlichen Arztberichten keinerlei Konzessionen mehr. So habe ein Arzt einen über 70-Jährigen für fahrtauglich erklärt, obwohl er eine Staroperation brauchte, um wieder gut zu sehen, wie der Arzt im Zeugnis vermerkte. Im Klartext: Bis zur Operation wäre der Mann mit stark beeinträchtigter Sehkraft herumgefahren. «In solchen Fällen entziehen wir den Fahrausweis vorsorglich bis zur erfolgreichen Operation», so Gysin.

Die wirkungsvollste Massnahme könne Solothurn aber nicht einführen, weil nur der Bund die Kompetenz dazu habe: den befristeten Fahrausweis für Autolenker ab 70. Während sich heute der Staat um einen allfälligen Entzug des Fahrausweises bemühen muss, würde bei diesem Modell das «Billett» automatisch ungültig, wenn ein Lenker 70 Jahre alt wird. Belegt der 70-Jährige dann mit einem Arztzeugnis, dass er weiter Auto fahren kann, wird der Fahrausweis für zwei weitere Jahre verlängert. «Diese Umkehr der Pflichten würde sehr viel bringen», sagt Gysin und belegt dies mit einem eindrücklichen Beispiel: Heute werde ein Lenker aus dem Register der kontrollpflichtigen Personen gestrichen, wenn er sich zum Beispiel ins Ausland abmelde. «Kommt er aber aus dem Ausland wieder zurück, kann er mit einem gültigen Fahrausweis weiter Auto fahren, ohne dass er je zur Kontrolle aufgeboten wird.» Deshalb fordern auch die Vereinigung der Strassenverkehrsämter und die Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren den befristeten Fahrausweis.

Doch beim Bundesamt für Strassen (Astra) stossen die Kantone auf taube Ohren. «Den befristeten Fahrausweis ab 70 wollen wir nicht», meint Mediensprecher Thomas Rohrbach. «Das macht die Strassen nicht sicherer», sagt er, kann aber Gysins Argumenten wenig entgegensetzen. Er weiss die Senioren hinter sich, die gegen den Fahrausweis auf Zeit mobilmachen.

Senioren fühlen sich schikaniert
«Der befristete Fahrausweis wäre eine Schikane für Seniorinnen und Senioren», sagt Angeline Fankhauser, alt Nationalrätin und Kopräsidentin der Vereinigung aktiver Seniorenorganisationen. «Wieso kann man Leuten, die ihr Leben pflichtbewusst gemeistert haben, nicht vertrauen?» Wenn schon ärztliche Tests, dann für alle Lenker, fordert Fankhauser: bis 75 alle fünf Jahre und danach alle zwei Jahre. «Wenn man heute mit 70 noch Bundesrat werden kann, kann man auch noch Auto fahren.»

Statt auf den befristeten Fahrausweis setzt das Astra auf Weiterbildung und Information der Hausärzte. Das findet Rudolf Hauri, Zuger Kantonsarzt und Spezialist in Verkehrsmedizin, eigentlich gut. Aber: «Ich habe schon Zeugnisse von Hausärzten gesehen, die vermutlich nur aus Gefälligkeit erstellt wurden und sich vom medizinischen Befund her nicht rechtfertigen lassen», sagt er. «Nur mit Glück ist da nichts passiert.» Hauri fordert, dass die Fahreignungsprüfung nicht vom eigenen Hausarzt gemacht wird, «denn als Gutachter stehen sie ihren Patienten oft zu nahe».

Doch das Astra will am Hausarzt festhalten. Der kenne den Patienten am besten, so Sprecher Rohrbach. Die Kantone seien ja frei, ein anderes Modell zu wählen. Doch das machen sie nicht. Die meisten Kantone haben sich für das Hausarztmodell entschieden. «Ohne Hausarzt geht es nicht», meint etwa Kurt Häne, Abteilungsleiter Personenzulassung im Kanton St. Gallen. Amtsärzte könnten die vielen Untersuchungen gar nicht bewältigen. Allein im Kanton St. Gallen müssten pro Monat rund 1000 Leute untersucht werden.

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Die Bündner machens vor
Diese Geschäftslast wäre aber durchaus tragbar, wie der Kanton Graubünden zeigt. Dort bewältigen seit je 25 Amtsärzte die jährlich rund 8000 Fälle bestens - nicht viel weniger, als in St. Gallen anfallen würden. «Kapazitätsprobleme bei den Ärzten sind uns keine bekannt», sagt Andreas Compagnoni, Chef Führerausweis im Bündner Strassenverkehrsamt, und lobt die Vorteile. Amtsärzte seien unabhängig und würden die Leute neutraler beurteilen. «Wir haben gute Erfahrungen gemacht.»

Vielleicht lassen sich Bund und Kantone von der Bündner Lösung überzeugen - angesichts der stetig steigenden Zahlen von Lenkern über 70 steigt der Druck für neue Ideen. Damit nicht noch eine Olivia sterben muss.

Unfallstatistik: Die Alten wie die Jungen

Im Jahr 2006 haben über 70-jährige Lenker gemäss Bundesamt für Statistik nur 1587 von total 23'700 Verkehrsunfällen mit Personenschaden verursacht. Das sind dreimal weniger, als aufs Konto der Jungen gegangen sind (5015). Pro gefahrenen Autokilometer verursachen alte Lenker jedoch gleich viele Unfälle wie junge. Und wenn alte Lenker verunfallen, wird oft jemand getötet; 2006 starben dabei 59 Menschen - nicht wesentlich weniger als bei Unfällen von 21- bis 29-jährigen Lenkern (76).

Genaue Zahlen, wie viele Lenker über 70 einen Fahrausweis besitzen, gibt es nicht. Gemäss einer Umfrage des Beobachters sind in acht grossen Deutschschweizer Kantonen (AG, BE, GR, LU, SG, SO, TG, ZH) 234'000 Lenker über 70 registriert. Hochgerechnet besitzt somit in der Schweiz mehr als eine halbe Million betagte Autofahrer einen Fahrausweis. Tendenz steigend. Allein der Kanton St. Gallen verzeichnet jedes Jahr 500 zusätzliche Lenker über 70.