Am 30. Mai verlässt die MSC Rhapsody den Hafen von Genua. Das Kreuzfahrtschiff ist eine schwimmende Klinik: Zuschauerinnen und Zuschauer der TV-Sendung «Gesundheit Sprechstunde» können sich auf hoher See von Ärzten auf Herz und Nieren untersuchen lassen.

Mit an Bord sind sechs der grössten Pharmafirmen der Welt. Jede sponsert das Schiff mit mindestens 50'000 Franken. Auch die Firma Merck ist dabei. Sie unter-stützt die Knochenschwund-Praxis auf dem Schiff. Mit dem Sponsoring sind handfeste Interessen verknüpft. Merck hat ein Mittel gegen Knochenschwund entwickelt, das die Firma unter Ärzte und Patienten bringen will.

Für die Vermarktung ihrer Pillen bietet «Gesundheit Sprechstunde» den Pharmamultis eine willkommene Plattform. Dies zeigt ein Blick in die Sendung über die letztjährige Schiffsreise. Schon damals sponserte Merck das Schiff. Und prompt war danach der Knochenschwund ein Hauptthema der Sendung. Wie man diese Krankheit richtig behandle, fragte Moderator Samuel Stutz den eingeladenen Rheumatologen. Dieser antwortete: «Bewegung und kalziumreiche Ernährung reichen nicht aus. Andere Medikamente werden zum Einsatz kommen, in erster Linie Fosamax.» Da war er, der Werbespruch für die Firma Merck, die Fosamax herstellt – ausgestrahlt zur besten Sendezeit im Schweizer Fernsehen.

Ein Einzelfall? Keineswegs. Dokumente, die dem Beobachter vorliegen, zeigen: Firmen und Gesundheitsorganisationen bezahlen Geld, damit sie in einzelnen Sendungen von Stutz auftreten dürfen. Stutz persönlich geschäftet mit den Firmen an vorderster Front. Das Geld fliesst auf Bankkonten der Ringier AG, die die Sendung produziert, sowie in einen Fonds der Ärztevereinigung FMH. Zu Fragen zu diesem Konto wollte FMH-Präsident Hans Heinrich Brunner keine Stellung nehmen.

Produktewerbung als Gegenleistung
Stutz selbst treibt das Geld ein. Er verspricht, als Gegenleistung Produkte in seiner Sendung zu erwähnen. So schreibt der Fernsehdoktor letztes Jahr in einer E-Mail an das Schweizerische Zentrum für Allergie, Haut und Asthma (aha!): «Teilen Sie mir bitte mit, wenn sich bei einem Ihrer Partner (…) ein Interesse abzeichnet, damit wir uns auch überlegen können, welche Gegenleistungen wir diesem Partner in der Sendung bieten können.»

Es geht um eine Gesundheitswoche, die Stutz bis zu 40-mal pro Jahr in St. Moritz durchführt. Per E-Mail will darauf das aha!-Zentrum wissen, was dies koste und worin die Gegenleistung bestehe. Stutz antwortet: «Vorgeschriebene Beträge haben wir nicht. Sie richten sich nach den Möglichkeiten der Firmen und nach unseren Gegenleistungen. Ich muss diese von Fall zu Fall definieren. Firmen erwähnen wir nicht, sondern Wirkstoffe oder allenfalls Produkte (…).» Vom Beobachter darauf angesprochen, behauptet Stutz, es sei in der Mail um den Auftritt eines Partners in der St. Moritzer Gesundheitswoche und nicht um die Sendung gegangen.

Für zwei TV-Sendungen im Mai und August letzten Jahres bezahlte das aha!-Zentrum 86'000 Franken. Kogeschäftsleiterin Liliane Eggli: «Herr Stutz sagte, normalerweise seien 50'000 Franken pro Sendung fällig. Weil wir eine Selbsthilfe-institution seien, mache er für uns einen Spezialpreis: 40'000 Franken plus Mehrwertsteuer.» Stutz versprach dafür per E-Mail: «Auf jeden Fall werden wir aha! voll in die Sendung integrieren.»

Das Allergiezentrum hat die Zusammenarbeit mit Stutz mittlerweile beendet. Liliane Eggli: «Wir konnten es nicht mehr vereinbaren, dass in der Sendung für teils verschreibungspflichtige Medikamente geworben wird. Aus ethischen Gründen wollen wir künftig das Geld nutzbringender direkt für Betroffene einsetzen.»

Stutz, der sich in seinen Sendungen als smarter Fernsehdoktor gibt, verkauft ganze Angebotspakete. Im Preis inbegriffen sind oft Artikel in den Ringier-Zeitschriften «Schweizer Illustrierte» (SI) und «Gesundheit Sprechstunde». «Teilen Sie mir bitte mit, wenn wir in der SI mit einer dreiseitigen Schwerpunktgeschichte loslegen können», schreibt Stutz der aha!-Geschäftsführerin. Und in anderen Mails an aha!: «Die ‹Schweizer Illustrierte› ist gesetzt. Damit haben wir schon mal eine Million Leser und damit den grössten Effekt, der überhaupt vorstellbar ist. (…) Da ich für den Medizinteil der SI die Verantwortung trage, werde ich den Artikel natürlich selber einfädeln.»

Der Hörgerätehersteller Phonak bezahlte eine Summe in der Grössenordnung von 150'000 Franken, wie Insider bestätigen. Die Höhe des Betrags will Phonak-Sprecher Olivier Stähli nicht kommentieren. Er bestätigt aber: «Phonak hat das Patronat für eine Gesundheitswoche übernommen.» Und prompt bekam Phonak in der Sendung vom 20. Januar 2002 eine breite Plattform. Der ehemalige Radrennfahrer Ferdi Kübler durfte die Phonak-Hörgeräte ausgiebig loben. Zeitlich abgestimmt, zwei Tage vor der Sendung, war in der Zeitschrift «Gesundheit Sprechstunde» von der «neusten Entwicklung aus der Werkstatt von Phonak» und von «smarten Hightechprodukten» zu lesen. Und nach der Sendung stand in der «Schweizer Illustrierten»: «Seit Anfang Jahr trägt Ferdi Kübler Claro 11, den Winzling von Phonak. Und Kübler schwärmt: ‹Ich bin wieder voll dabei, höre alles.›

Stutz behauptet, er erwähne die Namen von Produkten nur dort, wo es eine klare Information unbedingt verlange, und «nie in werblichem Sinne». Er könne Informationen nicht weglassen, nur weil ein paar Firmen Partner des Schiffs oder von Aktionen seien.

Stutz’ Chef, Fibo Deutsch von Ringier TV, bestreitet den Vorwurf, dass die Sendung verdeckt finanziert sei. «Irgendwelche Zahlungen, die von der Erwähnung einer Firma, einer ihr nahe stehenden Person oder eines Produkts in der Sendung abhängen, erfolgen nicht.» Ausserdem weist Deutsch «jeden Vorwurf der Bestechlichkeit» zurück. «Will Ringier im privaten Fernsehen ein Format zur Gesundheitsförderung kostendeckend produzieren, kommt man um eine Subventionierung durch andere gewinnbringende Tä- tigkeiten nicht herum.»

Der TV-Doktor bestreitet, den Inhalt der Sendung manchmal nach den Geldgebern auszurichten. Doch in einer E-Mail schreibt Stutz am 23. Januar 2003 an aha!: «Ich war heute bei Zeller. Die Registrierung ihres neuen Pestwurzprodukts verzögert sich.» Deshalb könne er das Thema Heuschnupfen «erst im Mai machen». Prompt widmete er sich in der Mai-Sendung ausführlich dem neuen Medikament. Eine Sendung zum Thema Heuschnupfen mache man im Mai und nicht im Januar, sagt Stutz dazu. «Ob ein Themenvorschlag in die Sendung aufgenommen wird oder nicht, entscheidet die Redaktionsleiterin zusammen mit der Redaktion.»

Ärzte zur Kooperation angehalten?
Manche Ärzte fühlten sich von Stutz unter Druck gesetzt. Sie sollten in der Sendung Medikamente empfehlen. Dies bestätigt der leitende Hautarzt einer Uniklinik, der unerkannt bleiben will. Er sei von Stutz letztes Jahr zu einem Vorgespräch eingeladen worden. «Er drängte mich dazu, in der Sendung zu fordern, dass die Kassen das Medikament Elidel allen Betroffenen früher als geplant bezahlen sollen.»

Für die Herstellerfirma Novartis wäre dies ein dickes Geschäft. Doch der Hautarzt weigerte sich, der Bitte von Stutz nachzukommen, da das Medikament «noch neu und sehr teuer» war. Stutz aber habe sich damit nicht abgefunden. «Er wollte mich trotzdem vor laufenden Kameras dazu bringen, Elidel zu propagieren. Das war ärgerlich.» Das sei falsch, sagt Stutz zur Aussage des Dermatologen. «Ich fordere die Ärzte zu rein gar nichts auf, sie sagen immer frei, was sie wollen.» Was die Zuschauer nicht wissen können: Stutz, der mindestens einmal jährlich in der «Schweizer Illustrierten» seine glückliche Familie präsentiert, hatte sich damit für eine Firma ins Zeug gelegt, die Geld in seine Sendung fliessen lässt. Denn Elidel-Herstellerin Novartis ist ein Sponsor von «Gesundheit Sprechstunde».

Samuel Stutz schreckt nicht davor zurück, aktiv nach finanziellen Vorteilen zu suchen. Dies zeigt ein Vorfall hinter den Studiokulissen vor einer Sendung im Jahr 2002. Die SBB-Tochter RailAway sponserte Preise für Schüler, die an einem Wettbewerb teilgenommen hatten. RailAway-Chef René Kamer war im Studio. Er nennt das, was sich hinter den Kulissen abspielte, eine «seltsame Begegnung» mit Stutz. «Er fragte mich unter vier Augen, ob ich ihm und seiner Familie das Generalabonnement erster Klasse beschaffen könne», sagt Kamer. «Gratis, versteht sich.» Der Wert der Abos: weit über 10'000 Franken. «Ich sagte darauf nichts, denn es war eine unverfrorene Aufforderung und völlig deplatziert. Offensichtlich wollte Stutz ein privates Gegengeschäft für eine zukünftige Zusammenarbeit machen.» Es habe sich um eine «Anspielung auf meine achtköpfige Familie» gehandelt, die «missverstanden» worden sei, erklärt Stutz dazu.

Gut weg kam die Firma Pfizer, ein Sponsor des Klinikschiffs. Stutz erwähnte in einer Sendung letztes Jahr ein Medikament, das Pfizer vertreibt. Was er sagte, kam einem Werbespruch gleich: «Es gibt eine neuere Substanz – Spiriva – nur noch einmal täglich.» Stutz rezitiert zuweilen sogar die Slogans der Firmen. In einer Sendung vom Oktober letzten Jahres stand er vor einem Bett der Firma Bico. Dann rückte er das grosse Bico-Plakat auf dem Bett kameratauglich zurecht und sagte in die Kamera: «Das ist das häufigste Bett, das man in der Schweiz braucht. Unser gutes Bico-Bett – für einen gesunden, tiefen Schlaf.» Der Bico-Spruch sei «dermassen» bekannt, dass man ihn erwähnen könne, wiegelt Stutz ab. Wie viel Geld im Zusammenhang mit der Sendung geflossen ist, wollen Pfizer und Bico nicht sagen.

Doch manche Geldgeber setzen die Journalisten auf den Zeitungsredaktionen sogar unter Druck. «Wir erhielten Anrufe von Firmen, die forderten, dass endlich die versprochenen Artikel veröffentlicht werden. Schliesslich habe man dafür bezahlt», erzählt ein ehemaliger Ringier-Mitarbeiter. Die Lungenliga Schweiz bezahlte für eine Sendung letztes Jahr aus Sponsorengeldern 100'000 Franken. Geschäftsführerin Corinne Zosso: «Den letzten Teil des Geldes zahlten wir erst, als der letzte vereinbarte Artikel erschienen war.»

Solche Artikel seien «gekauft», sagt Roger Blum, Leiter des Instituts für Medienwissenschaft der Uni Bern. «Die Redaktion müsste sie klar als gesponsert kennzeichnen.» Das tut sie aber nicht. Laut Blum sind so die journalistische Unabhängigkeit und die Transparenz in Gefahr, weil die Leser nicht erkennen können, dass die Berichte verdeckt finanziert sind. Ringier-Mann Deutsch sagt, die Redaktion sei «keinen Weisungen und Zwängen» ausgesetzt. Druckversuche durch Firmen seien selten und würden konsequent zurückgewiesen.

Sponsoren meistens nicht erwähnt
Auch die Sendung verschweigt Geldgeber meist; genannt werden nur offizielle Sponsoren wie Suva, Krebsliga und die Ärztevereinigung FMH. «Alle Sponsoren gehören erwähnt. Für die Zuschauer muss klar ersichtlich sein, welche Berichte bezahlt sind», sagt Blum.

Jetzt wirft das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) ein Auge auf die Sendungen von Stutz – wegen Verdachts auf Schleichwerbung. «Einzelne Sendungen verstossen möglicherweise gegen das Radio- und Fernsehgesetz. Wir werden dies prüfen», sagt Susanne Marxer von der Aufsichtsbehörde des Bakom. Über die Bücher geht auch die Ärztevereinigung FMH.

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