1. Home
  2. Flüchtlinge in Como: Ein Drama mit vielen Akteuren

Flüchtlinge in ComoEin Drama mit vielen Akteuren

So tragisch die Flüchtlingskrise für die direkt Betroffenen ist – ­Politiker, Medien und auch einige Helfer schlachten sie für ihre ­Ziele aus. Eine Reportage aus Como.

Täglich treffen sich die Flüchtlinge in Como mit den Helfern zur Lagebesprechung im Park.

Von

Neun Uhr abends, neben dem Bahnhof San Giovanni in ­Como. Mücken schwirren durch die Luft, immer wieder klatscht jemand genervt auf seinen Arm oder sein Bein, um die Insekten zu ver­treiben. Im Park findet die tägliche grosse Assembly statt, eine Zusammenkunft fast aller Akteurinnen und Akteure, die im Flüchtlings­drama ­wenige Minuten neben der Schweizer Grenze mitmischen.

Da sind die Gestrandeten selber, notleidende Flüchtlinge für die einen, illegale Migranten für die anderen. ­Allen voran Gebre*, Sprecher der Eri­treer, und Dahab* aus dem Sudan, der einen Brief an Comos Präfektur verfasst hat. Schon am Nachmittag sass er auf dem staubigen Boden des Parks und ermunterte jeden, ihm zu helfen.

Anwesend sind Dutzende Freiwil­lige und die Anwohner – ein älterer Mann etwa, der sich in Rage redet, wie die Stadt solch menschenunwürdige Zustände zulassen könne. In den hintersten Reihen des Kreises sitzen Mitglieder von Save the Children, einer Nichtregierungsorganisation (NGO), und Mitarbeiter der Schweizerischen Flüchtlingshilfe und beobachten das Geschehen. Auch die Medien sind da. Die Journalistin von «Le Monde» schreibt eifrig mit, der Fotograf schleicht um den Kreis he­rum.

«Wir sind Menschen, keine Tiere»

Das grosse Thema: Soll man gegen das strengere Grenzregime (siehe Grafik) der Schweiz demonstrieren? Die Wartenden sind mit den Nerven am Ende, wollen der Welt ihren wachsenden Unmut kundtun. «Wir müssen den Leuten sagen, dass wir Menschen sind, keine Tiere», sagt Gebre.

Beschwichtigend hebt Don Giusto von der Hilfsorganisation Caritas die Hände. Er ist ein Pfarrer, der unbegleitete Minderjährige versorgt. «In Ventimiglia gab es nach Demonstrationen immer mehr Deportationen», warnt er. «Eine Demo, die ausartet, könnte euch mehr schaden als nützen.» Kopfschütteln unter den Flüchtlingen und auch unter den freiwilligen Helfern. «We ­have had enough!», ruft ein junger Mann aus Guinea.

Die Zusammenkunft an diesem Spätsommerabend in Como wirkt wie ein Abbild der Flüchtlingskrise in ­Europa. Statt gemeinsam am Strick zu ziehen, versuchen die verschiedenen Akteurinnen und Akteure, ihre Inte­ressen durchzusetzen.

«Das sind doch alles Tiere. Gut, konnten wir das auf Bildern einfangen.»

Reporterin, italienischer TV-Sender

Ob Medienmitarbeiter, Politiker oder Mitglieder von NGOs: Sie interpretieren die Geschehnisse auf ihre Art und untermauern damit nur die eigene Haltung. Politikerinnen und Politiker nutzen die Gunst der Stunde und breiten ihre Meinung nochmals ausführlich aus. Andere ­reisen me­dienwirksam nach Como, im Schlepptau einen Tross von Journalisten.

«Es ist wie ein grosses, krankes Spiel»

Samuel, ein Freiwilliger aus dem ­Appenzellischen, der für eine knappe Woche nach Como gekommen ist, schüttelt den Kopf. «Das Ganze kommt mir vor wie ein grosses, krankes Spiel.» Welche Rolle er selber in diesem spielt, darüber spricht er nicht.

Im Wettkampf um die Deutungsmacht mischen die Medien kräftig mit. Eine Journalistin der «Wochen­zeitung», die bereits mehrere Tage im Camp in ­Como verbracht hat, scherzt mit den Flüchtlingen, schwatzt mit den Freiwilligen. Ihr Artikel ist eine Anklage gegen die Zustände im Lager und an der Grenze.

Später taucht eine TV-Crew von Mediaset auf, dem grössten Fernsehunternehmen Italiens, das dem ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi gehört. Die Reporterin spaziert ungeniert durch das Camp, zeigt für den Kameramann auf die ­Zelte, die schlafenden Menschen, die Leinen voller Wäsche. Dieser filmt, egal, ob ­jemand Nein sagt oder nicht.

Aktivisten wollen die Crew ­stören, sie skandieren lautstark. Die Si­tuation droht zu eskalieren. Dutzende Flüchtlinge stürmen auf die Gruppe zu, schreien, fuchteln mit den ­Armen. Die Reporterin und der Kameramann flüchten in Richtung des Bahnhofs San Giovanni. Später sichten sie ihr Material. Werden sie die Bilder zeigen? «Ich habe sie schon an die Zentrale geschickt», sagt die Journalistin. «Das sind doch alles Tiere. Gut, konnten wir das auf Bildern einfangen.»

Quelle: Splash News /Dukas

Europäische Flüchtlingscamps

Sprachbarrieren und Misstrauen

Mittendrin, zwischen all den Akteuren, warten die Gestrandeten. Endlich in Europa, aber nicht am Ziel ihrer Wünsche. Das Misstrauen ist gross. Zu oft haben Schlepper, ­Behörden und Helfer falsche Versprechungen gemacht. Einer der Flüchtlinge, der an Tuberku­lose erkrankt ist, will nicht ins Spital. Er wolle nicht in den Strukturen der italienischen Behörden landen, sagt er flehend.

Auch ein 14-jähriger Eritreer, dem in Libyen die Hand durchschossen wurde, verweigert zunächst die medizinische Hilfe des Roten Kreuzes. Zu gross ist die Angst, dass etwas mit ihm passiert, was er nicht versteht.

Die Mitarbeiter der NGOs erleben es ähnlich. Denise Graf von Amnesty International, die Mitte Juli mehrere Tage in Como war, erlebte die Kommunikation teilweise als schwierig. Nicht nur wegen der Sprachbarriere. Mehrere minderjäh­rige Flüchtlinge wollten nicht glauben, dass es besser sei, ihr wahres Alter preiszugeben. Stattdessen gaben sie sich als volljährig aus. «Sie glauben lieber, was unter ihnen weitergegeben wird, über Facebook, Whatsapp oder von Mund zu Mund», sagt Graf.

Erschwerend sei, dass einige gar nicht wüssten, was Asyl genau be­deute. Das Wort «Dublin» (siehe «Das Dublin-Abkommen») kennen zwar die meisten. Die genauen Regeln und erst recht die Ausnahmen verstehen sie aber nicht.

«Auf Lesbos stritten sich ein paar Helfer darum, wer die Babys aus den Booten retten darf.»

Freiwilliger Helfer in Como

Die Erwartungen der Migranten sind einfach. Sie wollen mit ihrer ­Familie vereint werden oder in einem Land mit besseren Perspek­tiven als Italien Asyl beantragen. Glauben sie, dass Jobsuche und Zukunft in der Schweiz oder in Deutschland so einfach sind? Ja. «Ich habe zu Hause Kühe gehütet», sagt ein junger Guineer und zeigt Fotos von beigefarbenen Rindern auf seinem Handy. «Das kann ich ­sicher auch in der Schweiz.»

Vertrauen haben die meisten im Lager primär in die Freiwilligen, die Volunteers, die aus ganz Europa zu den Flüchtlingslagern strömen. In ­Como campieren Schweizer, Italiener, Deutsche, Österreicher. Gesprochen wird meist englisch. Viele haben schon in anderen Lagern Einsätze ­geleistet. Etwa im italienischen Ventimiglia oder in Idomeni in Griechenland. Andere haben auf Lesbos geholfen, Boote aus den Fluten zu retten. Sie alle wollen die Flüchtlinge unterstützen und sehen die Öffnung der Grenzen als einzig mögliche Lösung.

Auch die Helfer sind geteilter Meinung

Trotzdem gibt es unterschiedliche ­Lager, die uneins sind. Die radikalste Gruppe sind die No-Border-­Aktivisten, die gemeinsam mit den Migranten schon mehrmals versucht haben, Grenzen zu stürmen. Etwa ­Anfang ­August vor der französisch-italienischen Grenze in Ventimiglia. Von Athen bis Como zieren No-­Border-Graffiti entlang der Flüchtlingsroute Häfen, Fassaden und Bahnhöfe. «Sie wollen immer ein Drama machen», sagt etwa Andrea, ein Volunteer aus Turin. «Dabei helfen sie den Flüchtlingen überhaupt nicht. Sie bringen nur die Behörden gegen sie auf und ver­unmöglichen Lösungen.»

Tausende Flüchtlinge leben im «Dschungel» von Calais.

Quelle: Splash News /Dukas

Ebenfalls kritisch sind die Freiwilligen gegenüber dem «Voluntourism», jenen Freiwilligen, die wenige Tage vor Ort reisen, um anschliessend zu Hause vom Abenteuer zu erzählen. In Como etwa wollte eine Freiwillige bereits nach einem halben Tag im Camp die Flüchtlinge zu einer Demo anstacheln. «Auf Lesbos stritten sich ein paar Helfer darum, wer die Babys aus den Booten retten darf», erzählt ein anderer Freiwilliger frustriert.

Die Erfahreneren im Camp versuchen, die Lage realistischer einzuschätzen. Letztlich sind in Como ein paar hundert Gestrandete. In anderen Lagern, wie im französischen Calais oder in Idomeni, wo Tausende im kalten Schlamm ausharrten, waren die Bedingungen dramatisch. Dort wurden Babys in dreckigen Zelten geboren, und das Husten Hunderter kranker Kinder hallte durch die Nächte.

Como ist harmloser. Bei der Ambulanz des Roten Kreuzes, das jeweils am Morgen und am Abend für ­zwei Stunden geöffnet ist, melden sich vor allem Leute mit Schmerzen: Nach mehreren Nächten auf dem harten Boden des Bahnhofs tut alles weh. Aber es gibt Ängste. Gerüchte etwa, dass die Mücken Malaria verbreiten könnten. Oder dass sich die Krätze ausbreitet wie zuvor in anderen Camps.

Alle bereiten sich auf die nächsten Wochen in Como vor. Mitte September wollen die Behörden neben dem Friedhof Container für 300 Flüchtlinge aufstellen. Mit Registrierungspflicht. Laut Gerüchten soll vorher eine Demo stattfinden. Mehrere Migranten sagen, dass sie «niemals» in eine Containerstadt ziehen werden. Die begehrtesten Objekte bei der Kleiderverteilung um halb fünf Uhr nachmittags bleiben Rucksäcke und Schuhe. «Die Flüchtlinge wollen nicht aufgeben, sondern einfach weiterreisen», sagt Helfer ­Andrea aus Turin.

Das Dublin-Abkommen

In Europa werden Flüchtlinge seit 2008 nach dem Dublin-Abkommen verteilt. Sie ­können ihr Asylgesuch grundsätzlich nur in einem euro­päischen Staat stellen. Und zwar in dem Land, das sie als erstes betreten haben. Es gibt aber Ausnahmen. Enge Familienmitglieder wie Mutter und Kind oder Bruder und Schwester sollen zusammengeführt werden. Zudem ­müssen Behörden besondere Rücksicht auf unbegleitete Minderjährige und andere ­verletzliche Personen wie Schwangere, Alte oder Kranke nehmen. Sie sollen nicht in Länder zurückgeschickt ­werden, in denen sie gefährdet sind – etwa wegen ­miserabler Lebensumstände wie in Griechenland.

Flüchtlinge, die die Schweiz nur als Transitland sehen, können an der Grenze ­abgewiesen werden. Wer ­einen Asylantrag stellt, muss aber aufgenommen werden, damit die Zuständigkeit laut «Dublin» geklärt werden kann. Gemäss Hilfsorganisationen ­passiert dies aber nicht: Sogar Minderjährige würden an der Grenze abgewiesen. Das Grenzwachtkorps bestreitet diese Darstellung. Jeder, der ein Asylgesuch stellen wolle, könne dies auch. In einem ­offenen Brief beklagen die Flüchtlinge die schlechte ­Behandlung durch die Grenzwache. Intimuntersuchungen seien an der Tagesordnung, auch bei Minderjährigen und bei Frauen.

* Name geändert

Veröffentlicht am 30. August 2016

Bitte melden Sie sich an, um zu diesem Artikel zu kommen­tieren.

5 Kommentare

Sortieren nach:
me.too
@Sisson & Zanin: sie dürfen sich beide gern melden und 20-50 flüchtlinge (gern auch mehr) bei sich aufzunehmen - erhalten diese dann aber aus der eigenen tasche, da sie ja beide ansch. über genug einkommen u./od. reserven verfügen. um es auf den punkt zu bringen: asyl ist ein luxus, den sich ein land nur leisten kann wenn es selbst gut aufgestellt ist. UND ASYL GEWÄHREN BERECHTIGT KEINEN ASYLANTEN, DAS ER SOFORT IM ASYLLAND DAUERHAFT AUFGENOMMEN UND MIT EINEM JOB VERSORGT WIRD!!! (lesen sie mal "Asyl" auf wikipedia nach --> ... die temp. Aufnahme der Verfolgten) mal abgesehen das man ohne grossen zusatzaufwand (sprache, ausbildung, sozialwissen!) mit den meisten nicht viel anfangen kann, haben alle europ. länder seit langem genug probleme mit (jugend-)arbeitslosigkeit & und job-/fa.-abau!

Bitte melden Sie sich an, um auf diesen Kommentar zu antworten.

Peter Stich
Lisa Zanin : es mag Ihr Geheimnis bleiben, wie zahllose Analphabeten die beruflich nicht integriert werden können und ein Leben lang von den Sozialämtern alimentiert werden müssen, je in die Lage kommen sollten, gleichzeitig kompensatorisch in unsere Sozialsysteme "einzuzahlen"

Bitte melden Sie sich an, um auf diesen Kommentar zu antworten.

Rebekka Sisson
Lieber Herr Stich, Da Sie fordern, die Flüchtlinge sollten zurück nach Lybien geschicht werden, nehme ich an, Sie haben noch nichts von den Zuständen in Lybien gehört. Die Berichte der Flüchtlinge dort lassen einem den Atem stocken. In Lybien herrschen verschiedene kriminelle Banden, die mit den Flüchtlingen gute Geschäfte machen. Frauen werden zur Prostitution gezwungen und Männern z.B. die Finger einzeln gebrochen, um am Telefon Geld von Verwandten zu erpressen. Wer die Torturen überlebt und freikommt, will nur noch weg. Aber auch in Italien ist der Leidensweg oft nicht zu Ende. Auch hier hat die Mafia den Braten längst gerochen und profitiert vom Menschen- und Frauenhandel. Asylsuchende bilden zwischen 0.5 und 1% aller CH-Einwanderer. Von grenzenloser Aufnahme kann nicht die Rede sein.

Bitte melden Sie sich an, um auf diesen Kommentar zu antworten.

Liana Zanin
Es ist doch so: wir hier im fetten, reichen Norden, wir haben Angst um unsere fetten Kühe. Wir haben Angst, dass wir teilen müssen. Es sind viele, die im Elend leben. Nicht nur in Afrika. Wir machen also die Grenzen dicht und finden erbarmungslos, dass sie doch bitte dort bleiben sollen, wo sie herkommen. Weil sie nicht integrierbar sind, weil sie unsere Sozialsysteme an die Wand fahren täten. Mal abgesehen von der unglaublichen Naivität, anzunehmen, dass sie NICHT kommen werden, werden wir unsere Sozialsysteme ganz alleine kaputt kriegen. Wir haben nämlich zuwenig Jungvolk. Von daher wär's ne gute Idee, Menschen aus ärmeren Ländern herzuholen, sie auszubilden und dafür zu sorgen, dass sie fähig sein werden, in UNSERE Sozialsysteme einzubezahlen. Damit könnten wir diese allenfalls retten!

Bitte melden Sie sich an, um auf diesen Kommentar zu antworten.