Wolfram Henn, 50, ist Professor für Humangenetik an der Universität des Saarlandes und Mitglied der Zentralen Ethikkommission bei der deutschen Bundesärztekammer. Neben seiner Tätigkeit als ­Genetiker erforscht er die psycho­sozialen Aspekte des Downsyndroms.

Quelle: IMAGO SPORTFOTODIENST

Beobachter: Beobachter: Was halten Sie von dem neuen Bluttest für Trisomie 21?
Wolfram Henn: Ich habe zwiespältige Gefühle. Technisch ist der Test ein grosser Fortschritt und für Frauen mit einer Risikoschwangerschaft auf jeden Fall eine Verbes­serung. Schwierig finde ich es, wenn der Test einst flächendeckend angewandt wird.

Beobachter: Warum?
Henn: Jede Frau muss weiterhin das Recht haben, diese Tests zu verweigern. Niemand darf sie unter Druck setzen, weder der Arzt noch der Partner. Finden diese Tests jedoch ­flächendeckende Verbreitung, wird der ­gesellschaftliche Druck zu testen immer weiter steigen. Und die Hemmschwelle für weitere derartige Tests fällt. Irgendwann sind wir bei der Schwangerschaft unter Vorbehalt.

Beobachter: Was meinen Sie damit?
Henn: Weil Frauen den Test eventuell schon in der zehnten Woche machen können, warten sie vielleicht bis zum Resultat ab, bevor sie ihrem Umfeld überhaupt von der Schwangerschaft erzählen. Das war bisher nicht möglich. Wir stehen vor einem gesellschaftlichen Umbruch, wo Frauen Schwangerschaften nur noch unter Vorbehalt eingehen. Die gute Hoffnung, wie es früher so schön hiess, geht immer mehr verloren. Und dabei entspricht das Bild von Trisomie 21 in der Gesellschaft überhaupt nicht der Realität.

Beobachter: Inwiefern?
Henn: Fragen Sie jemanden auf der Strasse, ob Kinder mit Downsyndrom lesen und ­schreiben lernen. Die meisten werden ­sagen: «Bestimmt nicht.» Dabei ist das ­Gegenteil der Fall: Die lernen das alle.

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Beobachter: Sollen Eltern bestimmen dürfen, ob sie einen Knaben oder ein Mädchen bekommen?
Henn: Auf keinen Fall. Da braucht es einen klaren gesetzlichen Rahmen. Ich lehne jede Art der Pränataldiagnostik ab, bei der es nicht um medizinische Fragen geht. Auch Vaterschaftstests könnte man auf diese Art schon vorgeburtlich machen. Aber für so et­was darf sich die Medizin nicht hergeben.

Beobachter: Fordern Sie härtere Gesetze?
Henn: Es ist ein grundsätzliches Problem mit ­Gesetzgebungen, dass sie der Entwicklung hinterherhinken. Was wir brauchen, sind Selbstverpflichtungen der Ärzte. Das Klonen ist da ein gutes Beispiel. Das war vor zehn Jahren ein grosses Thema. Im Moment ist das vom Tisch, weil sich die Mehrzahl der Ärzte dagegen entschieden hat. Bei der Pränataldiagnostik spielen Ethikkommissionen eine ganz wichtige Rolle. Medizinisch nicht Relevantes dürfen wir nicht testen. Und auch keine Krankheiten, die erst nach dem 18. Lebensjahr aus­brechen. So sieht es das deutsche Gen­diagnostikgesetz im Moment vor.

Beobachter: Entscheiden soll also das Gesetz und nicht das einzelne Paar?
Henn: Die Rahmenbedingungen soll das Gesetz vorgeben. Doch kein Gesetz ist so phantasievoll wie die Realität. Ganz wichtig sind in diesem Zusammenhang die Pflichtberatungen. Die weltweite Erfahrung zeigt: Je intensiver die Ärzte beraten, umso weniger Schwangerschaftsabbrüche finden statt. Denn viele Risiken werden überschätzt und relativieren sich im Gespräch mit ­einer Fachperson.

Beobachter: Im Einzelfall gibt es häufig sehr überzeugende Argumente, warum jemand einen Test braucht.
Henn: Ja. Mir hat schon mal eine Frau erzählt: «Ich habe schon drei Töchter, bringe ich noch eine vierte zur Welt, schlägt mein Mann mich tot.» Was machen Sie da? Das ist eine ganz bittere persönliche Situation. Trotzdem können wir dann nicht sagen, jetzt machen wir halt eine Ausnahme.

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Beobachter: Was machen Sie stattdessen?
Henn: In diesen Fällen müssen wir auf psycho­sozialer Ebene zu helfen versuchen. Das kann bis zum Frauenhaus gehen. Auch wenn der Einzelfall menschlich noch so verständlich ist, irgendwo brauchen wir klare Grenzen.