Mein Name ist Molly Klon. Sie kombinieren richtig. Klon wie Klonierung. Ich bin aus einer Euterzelle meiner Mutter gemacht. Und meine Mutter ist aus einer Euterzelle ihrer Mutter gemacht. Eigentlich habe ich zwei Mütter. Eine genetische - von ihr stammt die Euterzelle - und eine Leihmutter. Sie hat das befruchtete Ei, in das der Euterzellkern gepflanzt wurde, in ihrer Gebärmutter ausgetragen.

All meine Verwandten sind weiblich, und wir sind alle gleich. Bis zu den Vorfahren meiner Grossmutter Dolly war kein Mann im Spiel (mit Ausnahme der Wissenschafter, die die Eingriffe vornahmen). Dollys Mutter stammte noch von einem Vater und einer Mutter ab.

Die Geburt von Dolly Anfang 1997 erregte grosses Aufsehen. Erstmals war es damals gelungen, aus einer ausgewachsenen Zelle einen genetisch identischen Nachkommen zu machen. Es gab kaum eine Zeitung, die meine Grossmutter nicht abbildete. Wie niedlich Dolly aus ihrem flauschigen Fell schaute!

Ich verstehe bis heute nicht, warum die Menschen in diesem Lämmlein etwas Monströses sahen. Die Öffentlichkeit war schockiert. Die Menschen hoben warnend den Zeigefinger. «Das ist ein unzulässiger Eingriff in die Schöpfung», sagten die einen. «Die Wissenschaft lebt in einem gefährlichen Machbarkeitswahn», sagten andere.

Im Grunde genommen galt die Empörung nicht dem geklonten Lebewesen. Die Menschen fürchteten sich vielmehr vor dem technischen Fortschritt, den Dolly symbolisierte: Wenn man Schafe klonen kann, dann droht ja wohl bald der geklonte Mensch! Als eine von zig Kopien herumlaufen zu müssen und damit die vielgepriesene Einzigartigkeit einzubüssen ist tatsächlich nicht sehr reizvoll, das gebe ich ja zu. Trotzdem: Was soll dieses Gejammer? Im Gegensatz zu uns Tieren ist den Menschen die Macht gegeben, sich zu wehren und ihre Interessen durchzusetzen. Sie haben denn auch das Klonen ihrer Spezies bis auf weiteres verboten.

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Die Erlaubnis, frei schalten und walten zu können, leiten die Menschen von Gottes Wort ab. «Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan, und herrschet über die Fische im Meere und die Vögel des Himmels, über das Vieh und alle Tiere, die auf der Erde sich regen!» heisst es in der Schöpfungsgeschichte.

Einen Freipass stellt die Bibel dem Menschen allerdings nicht aus; er ist vielmehr zum Verwalter der Schöpfung bestimmt. «Mann und Frau», schreibt etwa die Theologin Daria Pezzoli-Olgiati, «werden nicht als Ausbeuter der Erde, sondern als verantwortungsvolle Vertreter Gottes dargestellt.» Wir Tiere dürfen zwar den lebenswichtigen Interessen und Bedürfnissen der Menschen geopfert werden. Doch verpflichtet die Bibel die Menschen, uns als Mitgeschöpfe zu respektieren.

Inzwischen holen sie eine der letzten Früchte vom Baum der Erkenntnis: den Schlüssel zu den Genen. Als die Bibel niedergeschrieben wurde, kannte man den Begriff Gentechnik noch nicht. Der Zürcher Theologe und Philosoph Markus Huppenbauer hält denn auch fest, dass biblische Texte keine heute direkt verwendbaren Rezepte und konkrete Normen böten, um Probleme im Bereich der Bioethik zu lösen.

In dieser Hinsicht kann ich mich allerdings nicht beklagen. Ich bin zwar ein Klon und ein transgener dazu, doch das hindert mich nicht daran, auf den Wiesen herumzustreifen und mit den anderen Klon-Schafen nach fetten Kräutern zu suchen. Mein Glück ist, dass ich den Menschen lebendig von Nutzen bin. Spendete ich früher bloss Wolle, so liefere ich heute zusätzlich einen Wirkstoff für Medikamente: Dank dem menschlichen Gen in meinem Erbgut scheide ich nämlich ein menschliches Eiweiss in meiner Milch aus.

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Ich weiss: Wir Schafe sind privilegiert. Das kann man von den Schweinen nicht sagen. Die Menschen gehen ihnen ausschliesslich ans Fleisch. Damit sie möglichst viel mageres liefern, hat man ihrem Erbgut ein zusätzliches Wachstumshormon eingepflanzt. Die armen Dinger wachsen und wachsen, ihre Knochen ächzen, und ihre Gelenke schmerzen unter der unnatürlichen Last.

Solche Manipulationen gehen zu weit. Das findet auch ein Expertenteam der Universität Zürich, das im Auftrag des Bundesamts für Umwelt, Wald und Landschaft unseren ethischen Wert begutachtet hat. «Diese Züchtung verstösst gegen die kreatürliche Würde», schreiben die Ethiker Philipp Balzer, Klaus Peter Rippe und Peter Schaber.

Haben wir überhaupt eine Würde? Und wie ist es um die Würde von Pflanzen und Mikroorganismen bestellt? Diese Fragen bereiten zahlreichen Philosophen, Theologen und Juristen (einige Frauen sind auch darunter) Kopfzerbrechen. Anlass dazu gibt Artikel 24novies, der als Gegenvorschlag zur Beobachter-Initiative im Mai 1992 vom Volk in die Bundesverfassung aufgenommen wurde. Dieser Artikel regelt zwar hauptsächlich die Anwendung der Gentechnologie in bezug auf den Menschen. Absatz 3 ist jedoch uns gewidmet, und darin ist ausdrücklich von der «Würde der Kreatur» die Rede, der der Gesetzgeber Rechnung tragen muss.

Etwas befremdlich finde ich es schon, dass uns die Menschen nicht ihre Würde zuerkennen wollen. «Würde der Kreatur kann nicht im selben Sinn wie Menschenwürde verstanden werden», schreiben die oben erwähnten Ethiker. Unsere Würde drücke sich nur in einem uns innewohnenden Wert aus, indem wir «ein eigenes Gut besitzen, individuelle Ziele verfolgen und organische Einheiten darstellen». Das gelte jedoch nicht für jedes Lebewesen in gleichem Mass.

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Dieser Abstufung kann ich natürlich zustimmen, denn schliesslich ist ein Fliegenpilz nicht einem Schaf wie mir gleichzusetzen!

Da ich normal wachsen, mich fortpflanzen und mit meinen Artgenossen herumtollen kann, so die Meinung der Gutachter, hätten mich die Manipulationen an meinem Erbgut nicht in meiner kreatürlichen Würde verletzt. Einverstanden. Doch wie steht es bei meinen Mitkreaturen?

Die Ethiker weichen aus
Ist die manipulierte Maus, die im Unilabor auf verkrüppelten Füssen übers Sägemehl hoppelt und ihren Kot nicht mehr halten kann, nicht «darin beeinträchtigt, jene Funktionen und Fähigkeiten auszuüben, die Wesen ihrer Art in der Regel haben»? Und wie ist esum jenen Nager bestellt, der aufgrund des ihm eingepflanzten menschlichen Krebsgens einen bösartigen Tumor entwickelt? Zum Thema Versuchstiere schweigen die erwähnten Ethiker.

Eigentlich würde aber die Auseinandersetzung gerade an diesem Punkt für euch Menschen spannend. Die transgenen Mäuse dienen dazu, bis heute unheilbare Krankheiten zu erforschen, sagt ihr. Damit würden Mittel und Wege gefunden, diese Krankheiten mit Medikamenten und Gentherapie entweder zu heilen oder erst gar nicht entstehen zu lassen. Letzteres hiesse, dem menschlichen Erbgut ein fehlendes Gen hinzuzufügen oder ein defektes auszuwechseln. Für die Entwicklung einer solchen Keimbahntherapie müsste man jedoch zahlreiche Experimente an menschlichen Embryonen durchführen.

Doch bei euch Menschen sind Eingriffe in die Keimbahn verboten - im Gegensatz zu uns Tieren. Aber wenn es nun gelänge, Familien mit Hilfe der Keimbahntherapie von Chorea Huntington zu befreien? Das defekte Gen dieser tödlich verlaufenden Nervenkrankheit wird von Generation zu Generation weitervererbt. Wäre es da nicht unethisch, den Betroffenen eine Behandlung vorzuenthalten? Bleibt ein Problem: Wer schreibt die Liste, welcher Eingriff erlaubt ist und welcher nicht?

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Wir sind nur Tiere - doch im Zeitalter der unbegrenzt scheinenden Möglichkeiten der Gentechnik kann euch unsere Würde nicht gleichgültig sein. Es sollen nun zwar Kommissionen mit gescheiten Wissenschaftern gebildet werden, die von Fall zu Fall über Verletzungen der «Würde der Kreatur» entscheiden werden. Doch wenn ich wirklich sprechen könnte, würde ich Euch die Worte der theologischen Ethikerin und Pfarrfrau Ina Praetorius zurufen. «Uberlasst die Ethik nicht den anerkannten Ethikern, sondern beginnt selbst mit dem Nachdenken über gutes Uberleben.»

Buchtipp
A. Bondolfi, W. Lesch, D. Pezzoli-Olgiati (Hrsg.): Würde der Kreatur. Essays zu einem kontroversen Thema. Pano-Verlag, Zürich. 20 Franken.