Beobachter: Wir begegnen im öffentlichen Raum immer mehr parapolizeilichen Kräften. Was halten Sie davon?
Walter Kälin: Dieser Trend beunruhigt mich. Private Sicherheitskräfte sind meistens schlechter ausgebildet als die Polizei. Ausserdem unterstehen sie, anders als die Polizei, weder staatlicher Disziplinargewalt noch demokratischer Kontrolle.

Beobachter: Eigentlich hat der Staat das Gewaltmonopol. Wie wichtig ist dieses heutzutage?
Kälin: Es ist absolut zentral für eine moderne Demokratie. In Somalia oder Afghanistan werden ganze Landesteile von Gangs oder Warlords beherrscht. Dort schützt kein Rechtsstaat Freiheit und Sicherheit der Bürger. Der moderne Staat beruht auf der Idee, dass Private ihre Rechte nicht mit Waffengewalt durchsetzen.

Beobachter: Wie kann der Aufweichung des Gewaltmonopols entgegengewirkt werden?
Kälin: Wo private Kräfte eingesetzt werden, müssen Rollen, Aufgaben und Grenzen klar definiert sein, ebenso die Zusammenarbeit mit der Polizei. Es ist höchst problematisch, wenn Private ermächtigt werden, physische Gewalt anzuwenden. Gewalt als letztes Mittel muss staatlichen Behörden vorbehalten bleiben.

Beobachter: In einer Studie kritisieren Sie namentlich die Bahnpolizei. Was stört Sie konkret?
Kälin: Dass die Bahnpolizei durch eine private Firma ausgeübt wird. Für die Übertragung polizeilicher Aufgaben an die Securitrans gibt es keine gesetzliche Grundlage.

Beobachter: Die SBB berufen sich auf das Eisenbahngesetz, welches sie zur «Ausübung der Bahnpolizei» verpflichte.
Kälin: Das heisst aber nicht, dass sie diese Verantwortung an eine private Firma delegieren muss. Bahnpolizeiliche Aufgaben schliessen nicht nur Kontrollen ein, sondern machen unter Umständen gewaltsames Eingreifen notwendig. Dafür sollten Private nicht eingesetzt werden.

Beobachter: Warum braucht es überhaupt eine eigene Polizei für die Schiene?
Kälin: Weil die Schweiz keine Bundespolizei kennt und in unserem föderalistischen Gemeinwesen jedes Mal, wenn eine Gemeinde- oder Kantonsgrenze überquert wird, eine andere Polizeibehörde zuständig ist.

Beobachter: Und weshalb gibt es plötzlich so viele private Sicherheitsdienste? Ist es im öffentlichen Raum gefährlicher geworden?
Kälin: Laut Kriminalstatistik nicht. Hingegen scheinen das Bedürfnis nach Sicherheit und das Unsicherheitsgefühl gestiegen zu sein. Der Hauptgrund für diese Diskussion aber dürfte sein, dass von den Sparmassnahmen des Staates auch die Polizei betroffen ist.

Beobachter: Das Einkaufszentrum Sihlcity nennt sich «die kleinste Grossstadt» und gilt als Privatgrund mit öffentlichem Charakter. Ein Mann wurde dort vor den Augen von Türstehern ins Koma geprügelt. Diese haben nicht eingegriffen, weil es angeblich nicht zu ihrem Auftrag gehöre.
Kälin: Ein sehr schönes Beispiel dafür, dass private Sicherheitsleute nicht automatisch mehr Sicherheit bringen.