Beobachter: Wenn Jugendliche Gewaltszenen in Videospielen konsumieren, heisst es entweder, sie könnten damit Aggressionen abbauen, oder sie würden zu Gewalt angeregt. Was stimmt jetzt?
Allan Guggenbühl: Beides. Dass junge Menschen in der Realität gewalttätig werden, wenn sie in solche Spiele eintauchen, ist nicht belegt. Die meisten betrachten sie als Spiele wie etwa Schach. Anders bei gewaltbereiten Jugendlichen: Diese suchen überall Ideen, wie sie Gewalt ausüben könnten - in der Familie, in der Schule, in der Szene und eben auch beim Konsum solcher Spiele. Es stimmt, dass man bei solchen Spielen in eine aggressive Stimmung gerät, diese führt jedoch nicht zwingend zu Gewalt, sondern zu verbalen Sticheleien oder harmlosen Rempeleien. Sogar Komödien haben oft die gleiche Wirkung. Aggression gehört zu unserer Gesellschaft, bei tätlicher Gewalt ziehen die allermeisten von uns jedoch eine Grenze. Und das gilt auch für die jugendlichen Gamer.

Beobachter: In Deutschland zeigen Studien, dass bei hohem Konsum von Gewaltspielen die Schulleistungen stark sinken.
Guggenbühl: Spielsucht ist ein Problem. Man kann aber nicht einfach sagen: Spiele sind verantwortlich für schlechte Schulnoten. Das Problem ist der Umfang des Spielkonsums, und es braucht Instanzen wie die Eltern, die intervenieren. Umgekehrt haben viele Spiele auch einen Lerneffekt, sogar die als brutal geltenden Kriegsspiele. Denn dort werden auch historische Fakten vermittelt. Die Jungen tauchen in die Ardennenschlacht ein oder stellen die Zerstörung von Karthago nach.

Beobachter: Trotzdem rufen viele Kritiker nach einem totalen Verkaufsverbot von Gewaltspielen an Minderjährige. Wie sehen Sie das?
Guggenbühl: So ein Verbot durchzusetzen ist eine Illusion, denn was verboten ist, wird umso reizvoller. Verbote sind aber auch deshalb keine Lösung, weil Kinder und Jugendliche symbolische, bildliche Darstellungen von Gewalt brauchen. Sie müssen sich mit dieser Schattenseite des Menschen auseinandersetzen können. Virtuelle Gewalt ist ein erster Schritt weg von der rohen, der realen Gewalt. Möglicherweise würde ein Verbot sogar bewirken, dass die rohe Gewalt wieder attraktiver würde.

Beobachter: Im Gesetz gibt es bereits Einschränkungen, unabhängig vom Alter: Verboten sind eindringliche Gewaltdarstellungen, harte Pornographie und Rassendiskriminierung. Genügt das?
Guggenbühl: Das Gesetz kann immer nur das durchsetzen, was allgemein anerkannt ist. Brutale Gewalt, harte Pornographie und Rassendiskriminierung sind auf jeden Fall abzulehnen, da herrscht ein allgemeiner Konsens, auch bei Jugendlichen. Man darf aber ja nicht glauben, Gesetze könnten die Erziehung ersetzen. Den Staat als Erziehungsinstitution einzusetzen ist problematisch und bewirkt oft das Gegenteil. Eltern denken dann, der Staat kümmere sich um das Problem, und geben die Verantwortung ab.

Beobachter: Was können die Eltern denn tun, damit der Nachwuchs nur altersgerechte Spiele konsumiert?
Guggenbühl: Eltern müssen ihre Vorbildrolle wahrnehmen. Am besten gehen sie von dem aus, was sie selbst als verträglich empfinden. Schwieriger wird es, wenn sie moralistisch werden. Oder wenn sie Medieninhalte, die sie sich selbst gönnen, ihren Kindern verbieten wollen. Entscheidend ist, dass Eltern eine Haltung gegenüber Spielen und anderen Gewaltdarstellungen entwickeln und diese Haltung klar vertreten. Denn die Heranwachsenden müssen spüren, was die Erwachsenen in Ordnung finden und was nicht. Sie müssen in die Codes zu Gewalt eingeführt werden.

Beobachter: Gefordert ist aber auch der Staat: Für den Schutz von Kindern und Jugendlichen sind die Kantone zuständig, wobei manche nichts unternehmen, andere nur den Kinozutritt und die Alterslimite für Filme regeln. Braucht es eine nationale Lösung, wie dies Politiker und Pro Juventute fordern?
Guggenbühl: Eine einheitliche Lösung ist nicht zwingend eine bessere Lösung - das ist auch ein Irrglaube. Vielleicht geht es den Politikern und Verbänden hier auch vor allem um die eigene Positionierung. Ich glaube nicht an einheitliche Lösungen, sondern an die Vielfalt. Es ist besser, verschiedene Ansätze auszuprobieren und gegeneinander abzuwägen. Das ist dynamisch und vermindert die Gefahr, dass man denkt: Jetzt haben wir eine Standardlösung, die die Bürokraten durchsetzen sollen. Dabei braucht es eine ständige Auseinandersetzung mit dem Thema.

Beobachter: Das «holländische Modell» wird von Politikern und Pro Juventute gerne als Vorbild genannt: Dort müssen die Spielanbieter klare Alterslimiten setzen und sie auf allen Produkten angeben, der Staat kontrolliert die Kennzeichnung. Eine gute Sache, auch für die Schweiz?
Guggenbühl: Es ist sinnvoll, wenn die Eltern mehr Informationen haben über den Inhalt solcher Spiele. Aber bei fixen Alterslimiten muss man aufpassen: Gibt man Spiele zum Beispiel ab 18 frei, wollen 16-Jährige oft genau diese Produkte, weil sie reizvoller sind. Verbote und Alterslimiten funktionieren nicht, weil die Jungen neugierig sind und die Welt der Erwachsenen entdecken wollen. Und über irgendwelche Kanäle schaffen sie es immer, ans Gewünschte heranzukommen. Entweder ältere Kollegen kaufen die Ware, oder man findet sie im Internet. In der Praxis kann man also kaum kontrollieren, ob die Alterslimiten tatsächlich eingehalten werden.

Quelle: Jupiterimages Stock-Kollektion
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Gewaltdarstellungen und Jugendschutz

Die Regulierung des Zugangs zu Medien mit Gewaltdarstellungen ist auf mehreren Ebenen angeregt worden.

Im Oktober 2007 hat Nationalrätin Chantal Galladé (SP, ZH) ein Postulat eingereicht, das eine nationale Zertifizierungsstelle verlangt. Diese soll verbindliche Altersfreigaben festlegen und den Zugang zu den Inhalten regeln. Im Mai 2008 hat Nationalrat Walter Donzé (EVP, BE) in einer Interpellation ebenfalls einen Jugendmedienschutz auf nationaler Ebene gefordert. Im November 2008 wird der Bundesrat voraussichtlich einen Bericht zum Thema Jugend und Gewalt veröffentlichen und darin auch seine Position zum Jugendmedienschutz darlegen.

Seit September 2007 sammelt zudem die Pro Juventute Unterschriften für eine Petition zum Schutz der Kinder und Jugendlichen vor Gewalt in Unterhaltungsmedien. Sie hat bis heute etwa 45'000 Unterschriften erhalten und will ihren Vorstoss Ende Jahr einreichen. Als Vorbild gilt das holländische Modell, wo der Staat garantiert, dass die Produkte einheitlich klassifiziert werden. Alle Medien müssen Piktogramme aufweisen, die angeben, ob der Inhalt unbedenklich ist; dazu gibt es eine Beschwerdeinstanz, Stichprobenkontrollen und Sanktionsmöglichkeiten.