«Es ist doch ein Witz, dass ich als Betroffene keine Ahnung habe, wo sich das Monster befindet», sagt Patricia Hermann*. Sie weiss einzig, dass ihr Peiniger im Gefängnis ist und bisher noch keinen Freigang hatte. Aber nicht, wo er einsitzt. Und nicht, ob und ab wann Hafturlaub vorgesehen ist.

Patricia Hermann und ihre Freundin wurden als Kinder jahrelang vom Vater der Freundin massiv sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt; der Beobachter berichtete über ihr aufwühlendes Schicksal (Nr. 1). Im Februar wurde der zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilte Kinderschänder, der sich trotz Hermanns wiederholter Warnung nach Thailand absetzen konnte, endlich verhaftet und in die Schweiz überführt.

«Gewaltopfer müssen wissen, ab wann sie damit zu rechnen haben, dem Täter allenfalls wieder direkt gegenüberzustehen», sagt SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer. Ihre 2009 eingereichte parlamentarische Initiative für eine Ausweitung der Informationsrechte ist demnächst bereit zur Beratung im National- und Ständerat. Der Vorstoss fordert, dass die Praxis von heute sechs Kantonen (ZH, BE, AG, GR, NE, TI) künftig schweizweit gilt: Opfer von Gewaltverbrechen werden – sofern sie das ausdrücklich wollen – über wesent­liche Entscheide während des Strafvollzugs orientiert. Das betrifft namentlich Haft­erleichterungen des Täters wie Urlaube oder die Verlegungen in eine offene Anstalt, eine allfällige Flucht oder den Zeitpunkt der Entlassung.

Die Chancen der Vorlage stehen gut. In der Vernehmlassung fand der entsprechende Gesetzesentwurf breite Zustimmung. Eine der wenigen ablehnenden Stimmen kam vom St. Galler Regierungsrat: Man sehe «keinen Handlungsbedarf», hiess es in einer dürren Mitteilung. St. Gallen ist jener Kanton, der das Gewaltopfer Patricia Hermann beharrlich im Ungewissen lässt.

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Patricia Hermann ist froh, dass ihr Peiniger, laut Gerichtsgutachten ein «psycho­pathischer Sadist», nach dem jahrelangen Prozess und seiner Flucht nun im Gefängnis sitzt. Nur: Es ginge ihr wesentlich besser, wenn sie seinen Aufenthaltsort wüsste: «Das würde mir Sicherheit geben.» Aber auf alle entsprechenden Anfragen gab es keine Auskünfte. Die Vorstellung, dass sich der Täter in der Nähe ihres Wohnorts befindet und bei einem seiner zukünftigen Freigänge bei ihr auftauchen könnte, macht ihr Angst. «Ich darf nicht wissen, wo er ist, aber er kann mich einfach googeln. Das ist ungerecht», sagt die 30-Jährige.

Sie ist wütend und frustriert. «Von seiner Verhaftung habe ich durch die Medien erfahren – das zuständige Amt hat sich erst Tage später gemeldet.» Sie befürchtet, dass sie auch künftig keine oder verspätete Informationen bekommen wird. «Die schreiben mir vielleicht per B-Post, dass er Ausgang haben wird», sagt sie nicht ohne eine Portion Zynismus. «Und wenn der Brief dann eine Woche später bei mir ankommt, war das Monster längst draussen.»

Die quirlige junge Frau hat das Ver­trauen in den Justizvollzug verloren, fühlt sich hängengelassen: weil sie immer nur vertröstet wurde, man ihr nicht glaubte, sie nicht ernst nahm und ihr keine Auskunft gab. Dieser Vertrauensverlust ist dramatisch, denn ein Opfer bleibt oft zwangsweise sein Leben lang mit dem Täter verbunden – juristisch und seelisch.

Die Belange von Gewaltopfern sind in der Schweiz im Opferhilfegesetz (OHG) geregelt. Es wurde vor 20 Jahren eingeführt und geht auf eine Initiative des Beobachters ­zurück. Die Opferhilfe umfasst namentlich Beratung und Soforthilfe sowie Unter­stützungsleistungen in Form von Entschädigung (bis 120'000 Franken) beziehungs­weise Genugtuung (bis 70'000 Franken).

Diese finanzielle Wiedergutmachung ist im Zusammenhang mit dem jugendlichen Gewalttäter «Carlos», dem ein teures Therapiesetting bezahlt wurde, zum Politikum avanciert. Dass man für die Resozialisierung der Täter hohe Summen investiert, während die Opfer kurzgehalten werden, stösst vor allem den Mitte- und Rechtsparteien sauer auf. Ein Blick in die Opferhilfe­statistik der letzten Jahre zeigt: Die ausbezahlten Beträge sind tatsächlich rückläufig, bei den Genugtuungen wurde 2012 mit total 5,14 Millionen Franken sogar ein Tiefststand verzeichnet. Der Trend hat viel zu tun mit der letzten Revision des Opferhilfegesetzes, die die Unterstützungsmittel begrenzte oder teils ganz strich. Jene OHG-Revision ist ein Kind des damaligen SVP-Bundesrats Christoph Blocher – der Leit­figur jener Partei also, deren Exponenten heute im Namen der Opfer am lautesten eine Täterbevorzugung beklagen.

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Diese Diskrepanz wollen die Sozial­demokraten thematisieren. Im publizistischen Windschatten des Falls «Carlos» und der Ermordung der Genfer Sozialtherapeutin Adeline M. haben SP-Parlamentarier ein Bündel von Vorstössen zur Besserstellung der Gewaltopfer lanciert. Das politische Kalkül: «Wir wollen eine Debatte auslösen, damit die Rechtsparteien Farbe bekennen müssen, ob ihnen Opferanliegen wirklich etwas wert sind», sagt die Zürcher Nationalrätin Jacqueline Fehr.

Inhaltlich fordert sie vom Bundesrat in einer Motion Vorschläge für eine erneute OHG-Revision. Nach der Verwässerung der letzten Überarbeitung soll das Gesetz den Opfern nun wieder den Rücken stärken. Prioritäten im Katalog möglicher Massnahmen – höhere Entschädigungen, mehr Therapien, bessere Beratung oder ­juristische Stellung – hat Fehr keine. «Priorität hat, was dem Opfer am besten hilft.» Der Grundsatz dabei: «Die Opfer sollen mindestens so viel Unterstützung beim Weg zurück in die Gesellschaft erhalten wie die Täter.»

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Nachts wacht Patricia Hermann manchmal auf, wenn sich jemand ihrem Wohnhaus nähert. Ein mulmiges Gefühl. Darum hat sie kürzlich eine Lichtanlage installieren lassen. Wenn jemand im Dunkeln vorbeigeht, löst ein Sensor den Scheinwerfer aus. «Auch unsere Hündin hilft.» Das Tier gibt zuverlässig an, wenn es von draussen Geräusche hört. Auch das Türschloss sei massiv, fügt Hermann an. Sie weiss genau: Wahrscheinlich ist alles ganz harmlos – ein Betrunkener, der ums Haus schleicht, oder jemand, der sich verfahren hat. Und doch lässt sich die Beklommenheit nicht abschütteln. «Ich analysiere das in meiner Therapie mit der Psychologin und kriege das mittlerweile ganz gut hin», sagt sie.

«Gut hinkriegen» heisst, dass sie nicht mehr sofort den Boden unter den Füssen verliert, Flashbacks oder Alpträume kriegt, wie das noch vor einem Jahr regelmässig der Fall war. Heute versucht sie, solche Ereignisse einzuordnen und abzulegen. Seit 2008 ist sie in Therapie. Nur im ersten Jahr wurde diese durch die Opferhilfe ­bezahlt. Zudem bekam Patricia Hermann die Entschädigung für das Gerichtsverfahren. Weitere finanzielle Hilfe gab es keine.

Der Kinderschänder wird für immer präsent sein, wenn nicht leibhaftig, so doch in Hermanns Kopf. Damit muss sie zurechtkommen. «Er sitzt noch eine Weile», sagt sie nur – weiter will sie nicht denken. Wie lange er in Haft bleibt? Nicht einmal das wollen ihr die Behörden sagen. Bei guter Führung könnte er nach zwei Dritteln der Haftstrafe entlassen werden. Dann hätte der Täter seine Strafe, die aufgrund der Verjährungsfristen sowieso schon moderat ausgefallen ist, in weniger als vier Jahren verbüsst. Für seine Opfer heisst das Urteil jedoch: lebenslänglich.

Erklärbar ist diese Kluft mit dem historisch gewachsenen Verständnis des hiesigen Rechtssystems. Demnach ist eine Straftat nur die Angelegenheit zwischen dem Staat, der sanktioniert, und dem Täter, der die Strafe sühnt – und dadurch gewissermassen den Zeiger wieder auf null stellen kann. «In dieser geschlossenen Logik, mit der Schuldfrage als einzigem Massstab, spielen die legitimen Interessen der Opfer keine Rolle», erklärt der forensische Psychiater Frank Urbaniok, ein Experte in der Risikobeurteilung von Gewalttätern. Die Zürcher Opferschutz-Charta, eine von Urbaniok mitbegründete Initiative für mehr Opferrechte, fordert seit langem einen Paradigmenwechsel: Mit den Opfern der juristisch beurteilten Delikte müsse ein dritter Faktor an den Tisch geholt werden.

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Ob und wie weit die Politik ein solches Umdenken beschleunigen kann, muss sich weisen. Der Bundesrat wirkt wenig zupackend. In einer diesen Februar weitgehend unbeachtet publizierten Untersuchung, die auf ein Postulat von 2009 zurückgeht, listet die Regierung zwar einen Katalog von möglichen Massnahmen für einen wirk­sameren Opferschutz auf. Deren Konkretisierung schiebt er aber auf die lange Bank: Eine «erste Evaluation» sei für 2016 vor­gesehen, heisst es im Bericht. Nationalrätin Jacqueline Fehr, die mit ihrer Forderung nach einer Überarbeitung des Opferhilfegesetzes die aktuelle Debatte angestossen hat, will hingegen auf Tempo machen: «Es gibt keinen Grund, damit zuzuwarten.»

*Name geändert