Beobachter: Im Mai wurde in Payerne eine 19-Jährige brutal umgebracht. Ihr Mörder war ein Sexualstraftäter, der einen Teil seiner 20-jährigen Haftstrafe im Hausarrest absass. Schätzten Gutachter das Risiko eines Rückfalls falsch ein?
Bernd Borchard: Gutachten ermöglichen zuverlässige Aussagen zur Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls oder zur Gefährlichkeit eines Täters. Doch manchmal hat man methodisch alles richtig gemacht und dennoch eine falsche Prognose abgegeben. Das ist eine äusserst schwierige Situation. Aber es gibt auch schlechte Gutachten – nicht jeder Gutachter ist auf dem aktuellen Stand von Forschung und Praxis.

Beobachter: Wer begutachtet die Gutachter?
Borchard: Gutachter, die schon lange im Geschäft sind. In der Schweiz ist es äusserst lukrativ, Gutachten zu schreiben, denn sie werden nach Aufwand bezahlt. Man kann sich also Zeit nehmen. Ich halte es für zwingend, dass der Gutachter intensiv mit Straftätern zu tun hatte und hat. Es darf nicht die Motivation eines Gutachters sein, möglichst schnell viel Geld zu verdienen.

Beobachter: Wie entsteht denn ein Gutachten?
Borchard: Man sammelt möglichst viele Informationen über den Menschen und über den Fall und trifft ihn persönlich, aber auch Zeugen und Angehörige. Wichtig ist das präzise Erfassen der Tat, des Vorlaufs und des Hergangs – sowie eine eingehende Analyse. Es ist entscheidend, den Täter und die Tat genau zu verstehen.

Beobachter: Wenn man eine Tat verstehen will, sollte man ihre Vorgeschichte kennen. Das Schweizer Strafregister ist da wenig hilfreich. Die Daten werden meist nach 10 Jahren, spätestens aber nach 20 Jahren vernichtet.
Borchard: Beim Weitergeben relevanter Informationen von einer Amtsstelle zur andern gibt es in der Tat eine Lücke. Bei hochgefährlichen Tätern wird der Datenschutz beinahe zum Täterschutz. Wir sind daran interessiert, dass daraus wieder ein Opferschutz wird.

Beobachter: Kann man sich über die Empfehlungen der Gutachter hinwegsetzen?
Borchard: Inhaltlich kann ich keine unpassenden oder falschen Empfehlungen durchsetzen, da würde ich dem Klienten die richtige ­Behandlung vorenthalten. Aber formal besteht bei schlechten Gutachten exakt jener Konflikt, den ein Jurist nicht haben möchte: zwei Meinungen von zwei Experten.

Beobachter: Sie haben es in der Pöschwies – mit 426 Plätzen für straffällige Männer die grösste geschlossene Anstalt der Schweiz – mit den Begutachteten zu tun.
Borchard: Ja, und wir merken schnell, ob ein Gutachten zutrifft oder ob es komplett danebenliegt. Das verunsichert den Klienten und viele Arbeitspartner und gibt extrem viel Arbeit.

Beobachter: Liegen viele Gutachten daneben?
Borchard: Wir werten gerade die Daten aus, daher kann ich Ihnen noch keine Zahl nennen. Was ich aber sagen kann: Der Prozentsatz ist zu hoch. Was die getötete junge Frau betrifft: So katastrophal der Einzelfall auch ist, er löst breite Diskussionen aus und stärkt den Konsens unter den Kantonen. Wenn alle betroffenen Gruppen am selben Strick ziehen, dient das unmittelbar und langfristig der Rückfallprävention und dem Opferschutz.

Bernd Borchard, leitender Psychologe in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies (private Aufnahme)

Quelle: Laurent Gillieron/Keystone