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Gewalttäter«Viele Taten lassen sich verhindern»

Gerichtspsychiater Frank Urbaniok und Kriminalpsychologe Jérôme Endrass plädieren seit Jahren für einen besseren Informationsfluss zwischen den Ämtern – so liesse sich viel Schlimmes verhindern.

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Beobachter: Die Frage, die sich alle stellen: Hätte man den Amoklauf von Menznau, bei dem drei Menschen starben und sechs ­teilweise ­lebensgefährlich verletzt wurden, verhindern können?
Frank Urbaniok: Das weiss ich nicht, ich weiss bis jetzt erst, was die Medien veröffentlicht haben. Was allerdings typisch ist: Solche Sachen passieren nicht aus heiterem Himmel. Wenn es stimmt, dass es ­eine bedingte Strafe wegen Raubes, dazu häusliche Gewalt plus eine Drohung ge­geben hat, dann hätte das Risiko dieser Person auf jeden Fall abgeklärt gehört.
Jérôme Endrass: Entscheidend ist, dass man sich den Einzelfall genau anschaut. Es ist zwar nachvollziehbar, dass im Nachgang eines solchen Delikts Forderungen kommen wie: «Man muss alle Waffen weg­sperren.» Das bringt uns aber nicht weiter. Prävention darf nicht unspezifisch dort ansetzen, wo alle betroffen sind, sondern muss versuchen, die Eskalation des einzelnen Falls frühzeitig zu verhindern. Dazu braucht man zum Beispiel Informationen aus der kriminellen Vorgeschichte.
Urbaniok: Man kann viele dieser Taten verhindern. Natürlich nicht alle, ein System ist nie perfekt – mal fehlt Information, mal erwischt man den falschen Experten –, aber viele Taten lassen sich verhindern, gerade weil sie einen Vorlauf haben. Die Schlüsselfrage hier ist: Laufen die Informationen an der richtigen Stelle zusammen, sind sie im richtigen Moment verfügbar, und schaut sie sich ein gut qualifizierter Experte an, der sie richtig kombinieren kann?
Endrass: Tatsächlich verhindert man in der Schweiz relativ viele Straftaten, von denen liest man halt nie in der Zeitung.
Urbaniok: In den Köpfen vieler Leute ist «Massnahmen ergreifen» gleichbedeutend mit «Leute wegsperren». Das ist in der Praxis meistens aber gar nicht der Fall. Doch wenn man die einfachen Massnahmen verpasst, dann geht die Eskalation weiter, und irgendwann passiert etwas Schlimmes. Man darf weder standardmässig immer das Gleiche tun noch mit Kanonen auf Spatzen schiessen.

«Liegt die Kombination häusliche Gewalt, Bedrohung und Raub vor, muss man das abklären.»

Frank Urbaniok, Gerichtspsychiater

Beobachter: Viktor B. wurde 1998 wegen Raubes zu zwölf Monaten Haft bedingt verurteilt. Hätte sein Arbeitgeber das erfahren müssen? Der Täter arbeitete seit 2000 in diesem Betrieb.
Endrass: Kritiker einer längeren Dokumentation von Vorstrafen fürchten, dass jemand wegen einer Vorstrafe unter einer lebenslangen Stigmatisierung leiden kann. Die Sorge ist berechtigt, und es soll nicht einfach jeder Zugriff auf alles haben. Im Moment erleben wir aber das andere Ex­trem. Wenn die Informationen unwiderruflich gelöscht werden, dann sieht eben niemand etwas, auch der Profi nicht – entsprechend schwierig sind Prävention und Deeskalation.

Beobachter: Hat sich diese Situation in den letzten Jahren eher verbessert oder verschlechtert?
Endrass: Früher gab es eine Zweigleisigkeit: Ab einem gewissen Punkt sahen Arbeitgeber oder Vermieter einen Eintrag nicht mehr, die Profis aber schon. Heute sind die meisten Einträge nach fünf Jahren weg, nach zehn Jahren sind alle gelöscht. Das ist verheerend, weil statistisch gesehen frühere Verbrechen die zuverlässigsten ­Indikatoren für spätere Verbrechen sind. Allerdings gehören solche Informa­tionen nicht in die Hände von Arbeit­gebern oder Vermietern.

Beobachter: Was läuft denn schief beim Informationsfluss?
Endrass: Wir haben drei unterschiedliche Systeme: das Polizeiinformationssystem, das Rechtsinformationssystem und das Vorstrafenregister. Es gibt kein zentrales Register, und dann kommen all die Verjährungsfristen dazu. Es kann also sein, dass ein Polizist, der wegen häuslicher Gewalt im Einsatz ist, nichts von einer Vorstrafe wegen eines Gewaltdelikts weiss.

«Werden, wie heute, Vorstrafen unwiderruflich gelöscht, sieht niemand mehr etwas, auch der Profi nicht.»

Jérôme Endrass, Kriminalpsychologe

Beobachter: Weshalb konnte Viktor B. eine Waffe haben?
Urbaniok: Es ist eine Illusion, zu glauben, dass man einen erwachsenen Menschen daran hindern kann, sich eine Waffe zuzulegen, wenn er das möchte. Ist jemand entschlossen, zu morden, wird das kein Waffengesetz verhindern.

Beobachter: Seit dem Attentat auf den Zuger Kantonsrat 2001 durch Friedrich Leibacher und dem Fall ­Nicole Dill, die 2007 von ihrem Exfreund – ­einem verurteilten Mörder – beinahe getötet wurde, diskutiert man Massnahmen.
Urbaniok: Die Debatte, wie die Gesellschaft mit Straftaten umgehen soll, ist politisch und gesellschaftlich aufgeheizt. Differenzierte Positionen haben es da oft schwer. Im Fall von Leibacher hatte die Staats­anwaltschaft keine Chance: Es gab 1985 eine Verurteilung in Zürich wegen schwerer Körperverletzung, aber die war aus dem Register entfernt. Der norwegische Massenmörder Breivik ist ein weiteres Beispiel: Es wurde dauernd über die Schuldfähigkeit diskutiert. Wenn aber jemand über Jahre dermassen auffällig ist, lautet die entscheidende Frage: Warum wurde die extreme Gefährlichkeit eigentlich nicht im Vorfeld erkannt?
Endrass: Der Fall Nicole Dill ist ein Beispiel dafür, dass die Kommunikation nicht funktionierte. Man wusste um ein Risiko, aber die Information floss nicht.
Urbaniok: Das Tragische daran ist, dass es kein Erkenntnisproblem war: Irgendwo waren alle Teilchen dieses Puzzles vorhanden, aber eben nirgends das ganze Bild. Wenn, wie im aktuellen Fall, die Kombi­nation von häuslicher Gewalt, Raub und Bedrohung vorliegt, dann gehört das ab­geklärt. Da braucht es nicht unbedingt Forensiker oder grosse Gutachten: Spezialisierte Polizisten, Leute aus dem Gewaltschutz haben viel Erfahrung und können die richtigen Weichen stellen.
Endrass: Die allererste Massnahme ist, dass man die Wohnung nach Waffen durchsucht. Das ist sehr niederschwellig, kann aber unter Umständen die negative Dynamik brechen.

Veröffentlicht am 19. März 2013