An einem einzigen Wochenende im Juli starben in der Schweiz fünf Menschen durch Schüsse: Ein Mann tötete in Pratteln drei Menschen und verletzte seine ehemalige Freundin schwer. An einem Fest in Le Locle erschoss ein Mann eine 16-Jährige, die er zuvor mehrmals bedroht hatte. Und mitten auf dem Bundesplatz in Bern beging ein 17-jähriger Lehrling Selbstmord.

Knapp 500 Menschen sterben in der Schweiz jedes Jahr an Schusswunden, hat der Lausanner Universitätsprofessor und Kriminologe Martin Killias berechnet. Eine Opferzahl, die fast schon an die jährlich rund 600 Toten im Strassenverkehr heranreicht. Weil die Kriminalstatistik zu wenig detailliert ist, hat Killias Gesundheitsstatistiken des Jahres 1998 ausgewertet: Die Hälfte der knapp 60 Morde wurden mit Schusswaffen begangen. Am häufigsten aber sind Selbstmorde: Sie machen 412 von insgesamt 465 Fällen aus.

«Die Selbstmordrate in der Schweiz ist vor allem wegen der vielen Opfer mit Schusswunden unüblich hoch», sagt Killias. Er ist überzeugt, dass die einfache Verfügbarkeit der Waffen eine wichtige Ursache ist: «Suizidhandlungen mit Schusswaffen führen fast immer zum Tod.» Dagegen haben jene, die sich mit anderen Mitteln umzubringen versuchten, zu zwei Fünfteln überlebt. Auch Mordversuche verlaufen für die Opfer häufiger tödlich, wenn Feuerwaffen im Spiel sind: Über 80 Prozent der Opfer starben, während bei Tötungsversuchen mit anderen Waffen immerhin die Hälfte überlebte.

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Eigentlich sollte das Waffengesetz verhindern, dass Menschen, die «sich selbst oder Dritte mit der Waffe gefährden» könnten, überhaupt Schusswaffen erwerben. Das Gesetz weist aber derart viele Lücken auf, dass das Gegenteil gilt: Wer auf sich selbst oder andere schiessen will, kann sich ohne grosse Mühe eine Waffe beschaffen.

Das grösste Schlupfloch ist der private Waffenhandel. In Zeitschriften wie etwa der «Tierwelt» wimmelt es von Kleininseraten mit einschlägigen Offerten. Teils stehen gefährliche Waffen wie eine «Pump Gun Mossberg», eine «Kalaschnikow Norinco» oder eine «Super Magnum Pistole» zum Verkauf. Letztere wird mit dem bedenklichen Slogan «Damit Sie öfters im Mittelpunkt stehen» angepriesen.

Laut dem geltenden Waffengesetz dürfen private Verkäufer nur Waffen an jemanden verkaufen, von dem sie «nach den Umständen annehmen» dürfen, dass er keinen Missbrauch damit betreibt. Das ist allerdings ein klassischer Gummiparagraph. «Je weniger der Verkäufer vom Käufer weiss, desto reibungsloser kann er das Geschäft abwickeln», kommentiert Jürg Bühler, Vizechef des Dienstes für Analyse und Prävention im Bundesamt für Polizei. Wenig griffig ist auch die Bestimmung, dass Private einen schriftlichen Kaufvertrag abschliessen und diesen zehn Jahre lang aufbewahren müssen. «Wer ohne Vertrag kauft, riskiert wenig», sagt Bühler.

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Den Waffenhandel unter Privaten möchte der Bundesrat mit einem neuen Waffengesetz wenigstens besser kontrollieren können. Der Entwurf liegt seit letztem Herbst vor. «Private sollen Waffen nicht mehr verkaufen können wie ein Kilo Mehl», sagt Bühler. Konkret fordert der Gesetzesentwurf, dass private Käufer einen Waffenschein vorlegen müssen – so wie es heute für Einkäufe im Laden bereits gilt. Die Behörden könnten dann zumindest prüfen, ob der Kunde vorbestraft oder in hängige Strafverfahren verwickelt ist.

Ausgerechnet die bürgerlichen Parteien FDP und SVP, die sonst mit Nachdruck mehr Sicherheit fordern, lehnten diese Bestimmung in der Vernehmlassung ab. Der Ausserrhoder SVP-Nationalrat Jakob Freund ist nur zu einer minimalen Konzession bereit: Pro Waffenschein solle nur noch eine statt wie bisher drei Waffen gekauft werden können.

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Waffenscheine für den Handel unter Privaten bekämpft Freund hingegen vehement: «Wegen ein paar ‹Spinnern› würde die grosse Mehrheit der ehrlichen Waffenbesitzer mit bürokratischen Verfahren bestraft.» Die Gesellschaft müsse stattdessen gefährliche Personen «härter anpacken»: «Eltern, Lehrer und Nachbarn müssen wieder mehr Verantwortung übernehmen.»

Dass bei der heutigen Rechtslage jedoch schon die Polizei hoffnungslos überfordert ist, zeigt der Fall eines jungen Waffenfans in Freunds Kanton Appenzell Ausserrhoden: Obwohl die Kantonspolizei im Herbst 2002 seine Waffen beschlagnahmte, für die er keinen Waffentragschein hatte, konnte er sich mühelos neu bewaffnen: Er kaufte sich in einem Waffengeschäft eine Schrotflinte, für die kein Waffenschein nötig ist, weil sie als Jagdgewehr gilt. In der Nacht auf Ostermontag feuerte er auf zwei mit ihm verfeindete junge Männer und einen unbeteiligten Jugendlichen – und verletzte eines seiner Opfer im Unterleib schwer. Auch einer seiner Feinde hatte sich mit einem ausgeliehenen Militär-Sturmgewehr bewaffnet, aber glücklicherweise danebengeschossen.

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In diesem Fall hätten auch die Bestimmungen des Entwurfs für ein neues Waffengesetz wenig gebracht: Aus Rücksicht auf die Schützen und das Militär will der Bundesrat nämlich Sport- und Jagdgewehre weiterhin von der Waffenscheinpflicht ausnehmen und die Militärwaffen samt Munition bei den Wehrmännern belassen. Die SP und die Grünen kritisieren diese Ausnahmen, und der Schweizerische Friedensrat sammelt Unterschriften für eine Petition für ein strengeres Waffenrecht: Eine Waffe soll nur noch kaufen dürfen, wer ein Bedürfnis nachweisen kann.

Dies wäre dann tatsächlich eine «Entwaffnung des Volkes», vor der Schützenverbände und die Waffenlobby Pro Tell in Leserbriefen und Vereinsversammlungen lautstark warnen. Sie empfinden bereits den moderaten Bundesratsentwurf als unerträgliche Attacke auf die Wehrhaftigkeit und haben in der Vernehmlassung zu Hunderten dagegen protestiert.

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Bereits wieder vergessen scheint der Amoklauf des Waffennarrs Friedrich Leibacher, der vor knapp zwei Jahren im Zuger Kantonsrat 14 Menschen ermordet und 15 teilweise schwer verletzt hatte. So lange das Waffengesetz lasch bleibt, nehme man solche Attentate in Kauf, warnt der Kriminologe Martin Killias: «Selbst wenn man Leibacher kurz vor der Tat die Waffen weggenommen hätte, hätte er sich noch in der nächsten Stunde legal Ersatz beschaffen können.»