Stefan Baumann (Name geändert) begann als 16-Jähriger zu kiffen. Heute ist er 27, studiert Germanistik und raucht nur noch selten Joints. Und wenn, dann vorsichtig dosiert. Denn vor einiger Zeit rauchte der Zürcher zum ersten Mal Indoor-Gras. «Es war extrem stark», erinnert er sich. Er habe Angstzustände, Schweissausbrüche und Schüttelfrost bekommen. «Ich lag starr im Bett, hatte verzerrte Raumwahrnehmungen und dachte, die Decke stürze ein.»

Die psychotischen Zustände zogen sich über mehrere Wochen hin, immer wieder kam es zu unangenehmen Rückfällen. Stefan Baumann suchte Hilfe beim Arzt. Heute hat sich sein Umgang mit dem Kiffen geändert: Hanf ist für ihn kein reines Genussmittel mehr, sondern eine Droge, die gefährlich werden kann.

Die wachsende Zahl der Indoor-Hanfpflanzer bereitet der Polizei Sorge. Sie züchten in professionell eingerichteten Räumen mit hochtechnologischen Lüftungs-, Bewässerungs- und Beleuchtungsanlagen Gras mit einem hohen Anteil des psychoaktiven Wirkstoffs THC. Im Kanton Zürich wurden dieses Jahr bereits 17 grössere Razzien gegen Indoor-Pflanzer gestartet und Tausende von Hanfpflanzen beschlagnahmt. «Das ist eine klare Zunahme gegenüber dem Vorjahr», sagt Norbert Klossner, Chef der Drogenabteilung der Kantonspolizei Zürich. «Immer mehr Leute versuchen mit der Indoor-Produktion Geld zu machen.» Ähnlich tönts auch aus Basel, Bern und Luzern.

Der THC-Gehalt der sichergestellten Ware sei einiges höher als bei Produkten von Outdoor-Plantagen, meint Thomas Homberger, Staatsanwalt und Leiter des Betäubungsmitteldezernats Basel-Stadt. Beliebt für den Hanfanbau sind stillgelegte Gärtnereien mit Treibhäusern oder Industriegebiete mit grossen Lagerhallen.

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«Wir analysieren in letzter Zeit praktisch nur noch Indoor-Hanf», sagt Roland Widmer vom wissenschaftlichen Dienst der Stadtpolizei Zürich. Meist seien die sichergestellten Pflanzen noch nicht erntereif, dennoch liege der THC-Gehalt bei durchschnittlich fünf, in seltenen Fällen gar bei 20 Prozent. Erlaubt ist gemäss dem (noch) geltenden Betäubungsmittelgesetz ein THC-Gehalt von 0,3 Prozent. Dieser Grenzwert soll verhindern, dass Hanf als Rauschmittel verwendet wird. «Je höher der THC-Gehalt des Hanfs, desto eher kann es zu unerwünschten Folgen kommen», warnt Ambros Uchtenhagen vom Institut für Suchtforschung.

Rudolf Brenneisen beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Hanf. «Der THC-Gehalt hat sich in den letzten 20 Jahren durchschnittlich vervierfacht.» Das sei ein Potenzial, mit dem man umzugehen wissen müsse, sonst könne es zu Zwischenfällen kommen, warnt der Pharmazeut von der Universität Bern. Die Wirkung hänge aber auch vom psychischen Zustand ab, in dem gekifft werde: «Wenn jemand gestresst oder schlecht drauf ist, kann das die Wirkung des Hanfs negativ beeinflussen.»

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Auch Ruedi Stohler, leitender Arzt an der psychiatrischen Uniklinik Zürich, stellt eine leichte Zunahme jener Patienten fest, die nach dem Konsum von Indoor-Hanf ärztliche Hilfe suchten. Letzten Monat habe er drei Fälle gehabt, alle mit ähnlichen Folgeerscheinungen: Schweissausbrüche, Angstzustände und Gedächtnisstörungen. Eine Person habe zudem über Halluzinationen geklagt. Eine Primarlehrerin habe sogar die einfachsten Rechnungen nicht mehr lösen können und Angst vor den Schülern gehabt.

Oft schwerwiegende Folgen
Behandelt werden die Patienten mit angstlösenden Tabletten und Gesprächen. «Gerade bei Halluzinationen kann es sich aber um langwierige Behandlungen handeln», sagt Stohler. Verstärkt werde die Wirkung des Hanfs durch Stress und die Prädisposition der Betroffenen.

Das Rauchen von Indoor-Hanf hat vor allem für Jugendliche oft schwere Folgen. Der zunehmende Hanfkonsum führe zu Problemen in der Schule, Lernstörungen und Angstzuständen, sagt Udo Kinzel von der Suchtprävention des Kantons Basel-Landschaft. «Schon Elfjährige erzählen mir von ihren Erfahrungen mit Indoor-Hanf.» Bei allen seien psychische Probleme aufgetreten. Noch extremer sei die Wirkung, wenn Hanfbiskuits oder -joghurts gegessen würden. «Die Jugendlichen berichten dann von Menschen, die sie auf Bäumen sehen, und anderen Halluzinationen.» Kinzel ist deshalb ganz klar für eine Deklarationspflicht des Hanfs, wie es in der Revision des Betäubungsmittelgesetzes vorgesehen ist. «Heute ist das doch ein Horror: Niemand weiss, was er kauft – weder THC-Gehalt noch die Verunreinigung durch Pestizide sind bekannt.»

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Ähnlich sieht es François Reusser, der seit 25 Jahren regelmässig kifft. «Die Konsumenten müssen wissen, was sie kaufen – genau wie beim Alkohol oder Medikamenten.» Die Psyche spiele aber eine viel grössere Rolle beim Rauchen als der THC-Gehalt, sagt der Präsident der Schweizer Hanfkoordination. Deshalb ist er gegen die Einführung von THC-Grenzwerten: «Das ist sinnlos.»

Mit der Revision des Betäubungsmittelgesetzes reagiert der Bund auf die gesellschaftliche Realität. Cannabis ist hierzulande die meistkonsumierte illegale Droge. Laut einer Studie der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme sind bereits ein Viertel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen Cannabiskonsumenten, rund eine halbe Million Personen kiffen. Die Mehrheit der Konsumenten hält die Droge für ein Rauschmittel oder setzt sie zur Entspannung gegen Alltagsstress ein.

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Die Revision des Betäubungsmittelgesetzes sieht die Freigabe des Hanfkonsums vor; Anbau und Verkauf sollen unter gewissen Rahmenbedingungen toleriert werden. In der kommenden Wintersession befindet der Nationalrat als zweite Instanz über die Vorlage: Nimmt er sie an, tritt das revidierte Betäubungsmittelgesetz voraussichtlich 2004 in Kraft.

Damit wäre auch Stefan Baumann einverstanden. Denn der Student möchte, dass der Cannabiskonsum wieder zum Genuss wird. «Das Gras muss deklariert und der THC-Gehalt angegeben werden – damit man weiss, was man raucht, und keine negativen Erfahrungen machen muss.»

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